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Der FC St.Gallen sucht seine Seele

Die Ostschweizer beenden heute gegen Lausanne das Fussballjahr. Eigentlich ist es nicht das letzte der alten, sondern bereits das erste Spiel der neuen Saison. Es geht um viel: Um Europa und noch mehr um die Frage: FC St.Gallen, wer bist du?
Christian Brägger
Auf und neben dem Platz soll der FC St.Gallein eine Einheit sein. (Bild: Urs Bucher)

Auf und neben dem Platz soll der FC St.Gallein eine Einheit sein. (Bild: Urs Bucher)

Es ist nicht lange her, da war dem Anhänger angst und bange um den FC St.Gallen. Der Club, das lässt sich rückblickend sagen, war führungslos. Verein und Publikum entfremdeten sich, der Graben wurde ständig breiter. Die Zuschauerzahlen gingen zurück, die Leidenschaft auf Rasen und Rängen liess zu wünschen übrig. Der Funke sprang nicht mehr. Das Kulturgut, zu dem Präsident Dölf Früh den Club einst erhoben hatte, bröckelte. Dem FC St.Gallen ging es schlecht.

Dann kam Matthias Hüppi. Mit dem früheren TV-Mann als Präsident ist vieles anders, er will vieles anders. Er will ein bisschen St.Pauli, ein bisschen Union Berlin, vor allem will er auch wieder ein bisschen Espenmoos. Doch dieses für Fussballromantiker einmalige Kleinod, in dem der FC St.Gallen so manche Schlacht geschlagen und auch dem grossen Inter Mailand ein 0:0 abgeluchst hatte, ist seit zehn Jahren Vergangenheit.

Hüppi will wieder näher zur Basis. Das propagiert er überall, wo er auftritt. Und das sind viele Orte. Er predigt von der grün-weissen Bewegung, die ihm vorschwebt, von einer Einheit zwischen Staff, Spielern, Verein, Anhängern und Region. Er wiederholt es so oft, dass man manchmal gar nicht mehr hinhören mag. Lafern ist okay, aber liefern, das ist es, was der Anhänger will. Fast wundersam nimmt die Bewegung tatsächlich Fahrt auf. Aufbruchstimmung macht sich breit. Es folgen Heimauftritte, die begeistern, trotz Niederlagen. Endlich spürt man: Es kann tatsächlich wieder etwas Einmaliges entstehen in diesem FC St.Gallen, der ja schon vor Jahren damit beginnen wollte, mehr zu sein als eine graue Maus.

Dem Publikum etwas zurückgeben

Heute kann der FC St.Gallen, den es in dieser Saison durchgeschüttelt hat wie kaum einen anderen Club der Liga, seinen Anhängern etwas zurückgeben. Und sei es nur mit einem Sieg gegen Lausanne, das für vielleicht längere Zeit die letzte Partie in der Super League absolviert. Hüppi sagt: «Es geht um so viel in diesem Spiel.» Der Präsident weiss, der letzte Eindruck wird hängen bleiben und sich verfestigen. Er wird die Sommerpause überdauern. Wenn der FC St.Gallen diese letzte Chance auf Europa – und seien es nur zwei Qualifikationsspiele – auch noch verhaut, wird man ihm das übel nehmen. Dabei geht es nicht um die Überhöhung oder Verklärung eines Spiels. Dafür wären Auftritte in der Champions League oder eine Art Endspiel in der Meisterschaft der geeignete Stoff. Es geht darum, wofür in Zukunft der FC St.Gallen stehen will, was er sein will. Auf dem Prüfstand steht die Glaubwürdigkeit. Auch jene von Matthias Hüppi oder Alain Sutter.

Was willst du sein, FC St.Gallen? Bist du Tranquillo Barnetta, der als Bub im Espenmoos in der Fankurve steht, später auf dem «heiligen» Espenmoos-Rasen aufläuft und dem die Massen zu Füssen liegen? Bist du jener romantische Heimkehrer nach den Jahren im Ausland? Bist du das Talent, das über Future Champs Ostschweiz im FC St.Gallen Fuss fasst? Um dann wie Jasper van der Werff verkauft zu werden? Bist du Danijel Aleksic, der hier sein Geld verdient und irgendwann weiterzieht? Bist du Toko, bei dem es laut Hüppi der wirtschaftliche Zustand des FC St.Gallen nicht zulässt, die finanziellen Forderungen zu erfüllen, weil dies «Harakiri» wäre? Oder bist du doch Runar Sigurjonsson? Bist du diese grün-weisse Bewegung?

Es geht irgendwo auch um die DNA dieses Vereins, der besonders viel Kraft aus seiner Geschichte zieht. Es gibt einige Beobachter des Schweizer Fussballs, die den Osten des Landes neuerdings mit Spannung verfolgen. Auch ein Fussballer wie Timm Klose sagt das. Nicht wenige trauen dem Projekt, das erst mit Peter Zeidler an der Seitenlinie so richtig startet, einiges zu. Bis anhin war es noch ein Mischmasch, weil Trainer Giorgio Contini nicht von Hüppis und Sutters Gnaden war. Hüppi sagt: «Spätestens jetzt stehen wir voll in der Verantwortung. Weil nun alles im Club unseren Überzeugungen entspricht.»

Sommertrainingslager in Bad Ragaz

Zum Neustart gehört die weitere Annäherung an die Basis, die im Sommer fortschreiten soll. Während die besten Fussballer an der WM in Russland spielen, gibt es in Bischofszell, Appenzell und vielleicht auch in Ebnat-Kappel öffentliche Übungseinheiten. Für das Sommertrainingslager reisen die St.Galler nicht mehr in die Ferne, sondern nach Bad Ragaz. Dort können sie vor der Haustür Werbung in eigener Sache machen. «Espen on Tour» heisst das Motto für das Sommerprogramm – auch Jahre nach dem Auszug wird man das Espenmoos nicht so leicht los. Dessen Stallgeruch hätte Hüppi gern zurück, doch der Kybunpark gibt solches nicht her. Dennoch: in eine ähnliche Richtung kann es gehen. Wenn der Clubchef sagt, eine von Zeidlers Aufgaben werde es sein, die Spieler mit einer grossen Portion Selbstbewusstsein auf den Platz zu schicken, dann erinnert man sich: Im Espenmoos war kein Gegner gern zu Gast. «Wir müssen wieder zeigen, wer wir sind», sagt Hüppi. Dabei setzt er auf Emotionen als Triebfeder; in einer Randregion, die sich ohnehin immer klein macht, ist Leidenschaft unerlässlich. Weil sie Teil der Identität ist.

Um den Club wieder näher an die Leute zu bringen, braucht es Transparenz, Offenheit, Spür- und Nahbarkeit. «Wir wollen eine Konstante sein. Die Fans müssen sich auf uns verlassen können. Zwischen Club und Anhängern soll nach einem Sieg, aber auch nach einer Niederlage Kitt da sein, weil unsere Bewegung stark genug ist und alles aushält.» Manchmal, wenn Hüppi so redet und Dynamik versprühen will, haben seine Worte etwas Sektiererisches. Und sie haben auch etwas Naives, weil die Zielvorgabe lautet, dass sich St.Gallen in den Top fünf der Schweiz etabliert. Am Spagat, im Sportlichen und Gesellschaftlichen reüssieren zu wollen, sind schon so manche Clubs zerbrochen.

Thomas Müller war zwischen 1998 und 2003 Präsident des FC St.Gallen. Er kannte das Espenmoos aus dem Effeff, auch mit Hilfe dieser Trutzburg feierten die St.Galler mit dem Gewinn der Meisterschaft im Jahr 2000 den grössten Erfolg der Clubgeschichte. «Ich sehe Parallelen zu früher. Es braucht das Wir-Gefühl, diesen einmaligen Club-Spirit, der über Spieler und Vorstand hinaus greift. Nur so kann Grosses entstehen», sagt er. Heutzutage fahre man ja nicht wegen des Fussballs nach München. «Es ist die Anziehungskraft des Clubs, das Zusammengehörigkeitsgefühl.» Müller erinnert sich, wie der FC St.Gallen 1998 nach Italien verkauft werden sollte. «Man stelle sich vor, der älteste Club Kontinentaleuropas in fremden Händen. Das durfte nicht passieren.» Das Ansinnen wurde unterbunden, sportlich erfolgreich war man vorerst dennoch nicht. Und Müller sagt: «Mir gefällt, dass man Hüppi spürt. Er will, dass der Club zusammenhält. Das ist wichtig und zeichnete uns damals aus.»

Aus der Schieflage kann Gutes entstehen

Auch an Zeidler ist es nun, mitzuhelfen, dass das Kulturgut FC St.Gallen nicht in Schönheit stirbt, sondern darin lebt. Schon oft entstand Gutes aus einer Schieflage. Dabei kann es nicht schaden, wenn man sich wie der FC Basel, der sich ebenfalls von seinen Fans entfremdet hatte, neu erfindet. Oder auf Altes zurückgreift. Heute nach dem Spiel wird die Band Red Cube am Saisonschlussfest spielen. Es ist jene Band, die damals das Lied zum Meistertitel komponierte.

Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker auf www.tagblatt.ch

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