Analyse

Der FC Luzern braucht endlich Zusammenhalt

Auf und neben dem Platz lief beim FCL in der Super League vieles falsch: Die grosse Analyse zur Vorrunde. 

Daniel Wyrsch
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Daniel Wyrsch

Daniel Wyrsch

Für den FC Luzern ist mit dem unerwarteten 2:1-Heimsieg gegen den FC Basel eine misslungene Vorrunde etwas versöhnlicher zu Ende gegangen. Von neun Heimspielen hat die Mannschaft von Thomas Häberli deren vier verloren, insgesamt stehen zehn Niederlagen zu Buche. Einschneidend ist, dass vor dem Erfolg gegen Basel sechs Spiele in Serie verloren gegangen sind. Der FCL belegt bei Halbzeit Rang 8 mit 18 Punkten, vier Punkte vor Xamax und dem Barrageplatz.

Trotz dieser insgesamt negativen Bilanz darf nicht vergessen werden, dass die Mannschaft in den vergangenen drei Monaten unheimliches Verletzungspech zu beklagen hatte. So hat im defensiven Mittelfeld nur Idriz Voca bis auf eine Matchsperre durchspielen können. Auf der Position des rechten Verteidigers fielen mit Christian Schwegler und Otar Kakabadse im letzten Monat der Stammspieler und der Back-up gleichzeitig aus.

Thomas Häberli musste deshalb in der Defensive die U21-Spieler David Mistrafovic, Lorik Emini und Marco Burch einsetzen. Sie erfüllten ihre Aufgaben. Das spricht für den Trainer und sicher auch für die FCL-Nachwuchsabteilung, die in den letzten Jahren zahlreiche Super-League-Spieler ausgebildet und hervorgebracht hat. Der 18-jährige Darian Males hatte bereits Ende September sein Debüt bei den Profis gegeben. Er ist ein offensiver Linksfuss und steht exemplarisch für die unerschrockenen Wilden aus Luzern. Der Schweizer U19-Nationalspieler bekam seinen Platz nicht wegen verletzten Stammspielern, sondern setzte sich gegen ausser Form geratene Stürmer durch.

Die Luzerner feiern ihren langersehnten Sieg.

Die Luzerner feiern ihren langersehnten Sieg.

Urs Flüeler / KEYSTONE

Allen voran war Blessing Eleke im Vergleich zur Vorsaison ein Schatten seiner selbst. Schoss der Nigerianer in der Hinrunde 2018/19 noch sieben Treffer, waren es jetzt nur noch deren zwei. Shkelqim Demhasaj spielte das gesamte Kalenderjahr 2019 ausser Form. Neuzugang Francesco Margiotta ist mit drei Toren und fünf Assists zwar der beste FCL-­Skorer, aber auch der Ex-Lausanner aus Turin konnte längst nicht immer überzeugen.

Bei allem Verständnis für das Verletzungspech, vor allem im Herausspielen und dem Verwerten von Torchancen, hat Thomas Häberli bei seinen Leuten keine Verbesserung bewirken können. Obwohl mit Neuzugang Ibrahima Ndiaye (fünf Tore) im Spätsommer ein Stürmer dazukam, der eine Verstärkung ist, wurde die Trefferproduktion nicht erkennbar gesteigert. Total nur 17 Tore in 18 Spielen, pro Match gerade mal 0,94 – das ist einfach zu wenig.

Obwohl der FCL mit Marius Müller seit dieser Saison einen überragenden Goalie hat, offenbarte auch die Defensive Schwächen. Zum einen geschuldet den Dauerverletzten im Mittelfeld mit Erfahrung (Marvin Schulz, Tsiy Ndenge), zum anderen aber auch dem mangelhaften Abwehrverhalten bei stehenden Bällen. Die Mannschaft hat weder offensiv noch defensiv eine erkennbare Handschrift des Coaches. Eine unter den personellen Umständen berechtigte Taktik war, dass Häberli in den letzten drei Vorrundenspielen gegen die Spitzenteams St.Gallen, YB und Basel mit einer Fünferkette verteidigen liess.

Absurd war, wie Sportchef Remo Meyer die Arbeit des Trainers am 10. November, einen Tag nach der 1:2-Heimniederlage gegen Servette, in einem Interview in Frage und Thomas Häberli damit öffentlich blossstellte. Meyer war nach den drei weiteren verlorenen Spielen nicht mehr zu sehen, nur mit unüblich grossem Aufwand konnten Medien von Meyer eine Reaktion organisieren. Ein Sportchef, der abtaucht – das geht nicht in dieser exponierten Position im Profifussball.

Meyer hat wie erwähnt gute Transfers gemacht: Allen voran Müller, aber auch Ndiaye und Margiotta haben Potenzial. Andererseits hat er Schwächen offenbart im Umgang mit Mitarbeitern: Dazu zählt die oben erwähnte Demontage von Häberli, aber auch im Fall von Christian Schneuwly. Der polyvalente Offensivspieler verliess den FCL nicht zuletzt wegen Meyer. Zentral ging es dabei um die vorzeitige Vertragsverlängerung des damaligen Captains. Statt im Sommer wollte Meyer frühestens im September mit Schneuwly verlängern. Der technisch versierte und empathische Freiburger vermisste die Wertschätzung, wechselte nach zwei Saisonpflichtpartien und zwei Toren ablösefrei zu Lausanne. Bei den Waadtländern erhielt er den gewünschten Vertrag bis 2021 und ist mit ihnen auf dem direkten Weg zurück in die Super League.

Das Erstaunlichste an der Geschichte ist, dass Meyer die Bedeutung des 31-jährigen Routiniers offensichtlich unterschätzt hat. Der Sportchef freute sich öffentlich darüber, den Lohn von Schneuwly eingespart zu haben. Der begnadete Vorlagengeber, der auch regelmässig selber Tore schiesst, wird in der jungen Mannschaft nach dem Rücktritt von Claudio Lustenberger, dem Rückzug von David Zibung ins zweite Glied und Christian Schweglers verletzungsbedingtem Ausfall wegen seiner immensen Erfahrung besonders vermisst.

Offensichtlich menschliche Probleme hat seit Saisonbeginn Eleke. Er möchte längst weg. Um ihn bei der Laune und Formstärke der Vorsaison (13 Tore) zu halten, müsste ein Sportchef Mittel und Wege finden. Meyer muss endlich eingreifen: Denn wenn Eleke weiterhin so unmotiviert auftritt, schadet er dem FCL noch mehr (rote Karte in Zürich) als er ihm nützt. Al Ahly Kairo mit René Weiler soll Interesse an Eleke bekunden.

Zum Schluss zum Trainerthema: Bekanntlich haben in den zweieinhalb Jahren unter Remo Meyer schon vier Coaches gearbeitet. Markus Babbel wollte mit der sportlichen Führung nicht mehr «Rumeiern», wie er sich ausdrückte, und provozierte den Abgang. Die Nachfrage für Gerardo Seoane unterschätzte Meyer, er war überrumpelt, als Meister YB den jungen Coach nach nur einer halben Saison im Amt aus dem Vertrag kaufte. Anderlechts Meistertrainer René Weiler, ausgestattet mit einem lukrativen Dreijahresvertrag, passte ganz und gar nicht zum Stil des FCL-Mehrheitsaktionärs. Bernhard Alpstaeg hat seit Jahren angeordnet, konsequent das Budget der 1. Mannschaft inklusive Trainer und Staff von insgesamt knapp acht Millionen Franken einzuhalten.

Jetzt muss Meyer über die Zukunft von Häberli entscheiden. Meyer ist der einzige Fussballsachverständige in der Geschäftsleitung, im Verwaltungsrat sind bekanntlich nur noch Philipp Studhalter und Josef Bieri. Wobei dort bereits vor den Rücktritten von Alpstaeg, Marco Sieber, Samih Sawiris und Hans Schmid niemand wirklich den sportlichen Durchblick hatte. Wobei nicht erstaunt, dass der selbstzerstörerische Streit um die Besitzverhältnisse das Klima im Klub vergiftet hat – und nicht leistungsfördernd ist.

Der FC Luzern steht vor einer sehr wichtigen Weichenstellung. Will man der abstiegsgefährdeten Mannschaft wieder wie anno 2018 mit Gerardo Seoane und 2015 mit dem erfahrenen Ex-Trainer Rolf Fringer als Sportchef in der Winterpause einen neuen Impuls geben – oder verzichtet man auf eine Erneuerung? Bei einem neuen Coach ist entscheidend, dass er das Team trotz den ungeordneten Verhältnissen im Klub mit Begeisterung und neuen taktischen und spie- lerischen Ideen führen kann.

Sollte sich der Sportchef für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Häberli entscheiden, dann müsste er zuerst einmal glaubhaft erklären können, was ihn zu diesem Entschluss führte, nachdem er ihn vor etwas mehr als einem Monat angezählt hat. Ob mit neuem oder altem Coach, unerlässlich ist, dass sich Meyer zu 100 Prozent hinter den Trainer stellt. Der FCL muss zumindest im sportlichen Bereich zusammenhalten. Sonst wird es ganz schwierig, im Frühling die Klasse zu halten. Die ersten Rückrundengegner sind der FCZ und YB.

Ein Abstieg wäre für den FC Luzern ein Desaster. Für einen sofortigen Wiederaufstieg aus der Challenge League müssten die Verwaltungsräte wegen ausbleibenden TV-Einnahmen, Prämien und Zuschauereinkünfte im Oberhaus mindestens 4 bis 5 Millionen Franken aufbringen. Ob die von Alpstaeg, Sawiris, Sieber und Co. kürzlich garantierte Finanzierung bis 2021 auch als Nichtmitglied der Super League gilt, ist zu bezweifeln.

Die Noten der FCL-Spieler nach dem Sieg gegen Basel

Die Innerschweizer schaffen gegen Vizemeister Basel eine unerwartete Auferstehung. Spielerisch treten vor allem Torhüter Müller und Torschütze Schürpf hervor. Die Bilanz in der Übersicht:
Daniel Wyrsch