Segelsport
Der Genfer Alan Roura bricht zu seinem einsamen Abenteuer auf – es ist auch eine Flucht vor der Welt

Der Genfer Alan Roura bricht am Sonntag bei der Vendée Globe zu seiner zweiten Weltumseglung auf. Drei Monate, in denen er weinen, tanzen, schreien und singen wird. Auch zu den Zeilen von Rammstein.

Simon Häring
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Alan Roura an Bord seines Bootes, mit dem er am Sonntag zum zweiten Mal bei der Segel-Regatte Vendée Globe startet.

Alan Roura an Bord seines Bootes, mit dem er am Sonntag zum zweiten Mal bei der Segel-Regatte Vendée Globe startet.

Keystone

Die Arme brennen, die Beine sind längst taub, das Meersalz frisst sich in die sonnengegerbte Haut, und rund um ihn herum das unberechenbare Nichts des Ozeans, das sich auftut wie ein tiefer Schlund, der ihn, sein Boot, und seine Gedanken zu verschlucken droht. Für Alan Roura ist das keine Bedrohung. Für ihn ist das die pure Freiheit. Die Konfrontation mit der Angst, die extreme Einsamkeit, die er nur in der uferlosen Weite findet.

Komm in mein BootEin Sturm kommt auf und es wird NachtWo willst du hinSo ganz allein treibst du davonWer hält deine HandWenn es dich nach unten zieht

Am Sonntag startet Alan Roura zum zweiten Mal zur Vendée Globe, dem gefährlichsten Segelrennen der Welt. Vor ihm liegen 45'000 Kilometer – ganz allein und ohne Hilfe – vom westfranzösischen Küstenort Les Sables-d’Olonne ums Kap der Guten Hoffnung, quer durch den Indischen Ozean, vorbei an Australien, durchs Südpolarmeer hinüber zum Kap Hoorn an der untersten Spitze Süd­amerikas und dann wieder zurück nach Frankreich.

Alan Roura wird weinen, tanzen und schreien. Und er wird singen. Auch ein Lied von Rammstein, das das, was er tut, was er fühlt und was er ist auf ein paar wenige Zeilen kondensiert. Es trägt den Titel «Seemann».

2016 war Alan Roura als 23-Jähriger zum ersten Mal alleine in See gestochen, die Welt komprimiert auf wenige Quadratmeter, Wind, Wetter, Einsamkeit und Verzicht ausgesetzt, und als er zurückkehrte, hatte er die Hälfte seiner Muskelmasse verloren, konnte kaum noch gehen, kaum noch weinen, so erschöpft war er. Doch er wusste: Dieses Rennen lässt ihn nie mehr los. Diese extreme Einsamkeit, die er sucht und die seine Seele nährt.

Wo willst du hinSo uferlos die kalte SeeKomm in mein BootDer Herbstwind hält die Segel straff

Während der Vendée Globe liest er keine Nachrichten, hört niemals Radio, er will auch nicht wissen, wie die Corona-Pandemie die Welt verändert. So hat er es mit seinem Team und der Familie ausgemacht. Das Segeln ist für ihn eine Begegnung mit sich selbst. Manchmal schreibt er seine Gedanken nieder, zerreisst das Papier und übergibt sie dem Meer. «Weil Antworten auf bestimmte Fragen da bleiben müssen, wo man sie sich gestellt hat.»

So gnadenlos ist nur die NachtAm Ende bleib ich doch alleineDie Zeit steht stillUnd mir ist kalt, kalt, kalt, kalt

Wenn er nach fast drei Monaten auf See wieder einen Fuss auf Land setzt, wird die Welt vielleicht eine ganz andere sein. Seine Tochter Billie, die im Sommer zur Welt kam, wird ihn nicht erkennen. Roura sagt: «Allein in See zu stechen und um die Welt zu segeln, das ist so oder so sehr egoistisch.» Doch seine Tochter und seine Frau Aurélia die Gründe, zurückzukommen, und sich nicht irgendwann doch noch zu verlieren, da draussen in der kalten See. Eine Familie komplettiere einen Menschen, und das mache ihn auch zu einem besseren Segler, achtsamer und verantwortungsvoller.

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Vier Jahre nach seiner ersten Teilnahme möchte er die Regatta in unter 80 Tagen (25 Tage schneller als 2016) und mit einem Top-Ten-Platz beenden. Dank Sponsor «La Fabrique» konnte sich der Genfer ein neues Boot sowie vier Jahre gezielte Vorbereitung für seine zweite Weltumseglung leisten. Um möglichst schnell segeln zu können, verzichtet er auf Ersatzmaterial und führt nur das Nötigste mit sich. Zu essen gibt es gefriergetrocknete Menüs: Fondue, Fleisch, Kartoffelstock. «Irgendwann schmeckt alles gleich», sagt Roura. Zur kulinarischen Ablenkung nimmt er 150 Liter Süssgetränke, Schokolade und Orangen an Bord. Die sind lange haltbar.

Jetzt stehst du da an der LaterneHast Tränen im GesichtDas Feuer nimmst du von der KerzeDie Zeit steht still und es wird Herbst

Während der letzten Vendée ­Globe hat er höchstens vier Stunden pro Tag auf seinem Sitzsack geschlafen – nie länger als 20 Minuten am Stück. Was das mit einem machen kann, das hat Roura von anderen Solo-Seglern gehört. Die Halluzinationen kommen wie aus dem Nichts. «Einer hat am anderen Ende seines Bootes plötzlich den Weihnachtsmann gesehen. Ein anderer meinte, er stehe am Rand eines Schwimmbeckens und wollte vom rasenden Boot ins Wasser springen», erzählt Roura. Ihm ist das bis jetzt noch nie passiert. Und wenn die Halluzinationen doch einmal kämen, wüsste er, was zu tun ist: sich anbinden, hinlegen, Augen schliessen und warten. «Mehr kann man nicht machen. Man entkommt ihnen nicht.»

Sie sprachen nur von deiner MutterSo gnadenlos ist nur die NachtAm Ende bleib ich doch alleineDie Zeit steht stillUnd mir ist kalt, kalt, kalt, kalt

Auch für Alan Roura steht die Zeit still. Wegen der Corona-Pandemie musste er sich wie alle Teilnehmer bereits drei Wochen vor dem Start in Quarantäne begeben und wird dort auch bis zum Start bleiben. 27 Skipper und 6 Skipperinnen stellen sich dem «Everst der Meere», wie sich die Vendée Globe selber nennt. Mindestens ein Drittel der Teilnehmer wird scheitern. Mastbrüche, zerfetzte Segel, Kollisionen mit Walen und Kenterungen gehören zur Tagesordnung. Ein Drittel des Rennens führt durchs eisige Südpolarmeer. Bei acht Austragungen starben zwei Segler.

«Die Angst, dass plötzlich alles vorbei sein könnte, fährt immer mit», sagt Roura. Nur einmal spielte er bei seiner Premiere 2016 mit dem Gedanken, das Rennen aufzugeben. Nicht wegen der Müdigkeit, auch nicht wegen der Einsamkeit. Sondern weil er im windstillen Atlantik vor der brasilianischen Küste tagelang nicht vom Fleck kam. Da sagte ihm seine heutige Frau : «Ich verstehe dich. Leg in Brasilien an, wir kommen dich abholen.» Roura winkte ab und sagte, sie solle in Frankreich auf ihn warten. Er komme.

Alan Roura am 20. Februar 2017, als er nach 105 Tagen, 20 Stunden und 10 Minuten den Hafen von Les Sables-d'Olonne erreicht.

Alan Roura am 20. Februar 2017, als er nach 105 Tagen, 20 Stunden und 10 Minuten den Hafen von Les Sables-d'Olonne erreicht.

Imago Sportfotodienst

Dreieinhalb Monate, nachdem er in Les Sables-d’Olonne abge­legt hatte, lief er wieder in den Hafen ein. Die Arme brannten, die Beine waren taub. Roura kniete entkräftet auf dem ­Boden seines Bootes, Leucht­fackeln in den Händen, die Sinne verwirrt. Er ging an Land, umarmte seine Familie und zog sich in seine vier Wände zurück. Er ass Pommes und ein Steak, schlief acht Stunden durch und schnitt sich den Bart ab. Diesmal möchte Alan Roura in weniger als 80 Tagen um den Globus segeln. Auch, weil der Mann der Einsamkeit zurück will zu seiner Frau und seinem Kind.

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