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Der tanzende Kämpfer

Der Ukrainer Vasyl Lomachenko (30) ist auf bestem Weg, eine Legende zu werden. Drei WM-Titel hat er bereits geholt. Was ihn so besonders macht? Zum Beispiel, dass er fürs Boxen eine Tanzschule besuchte.
Andreas Bättig
Ein flinker Kämpfer: Vasiliy Lomachenko (rechts) gegen Jorge Linares im WM-Kampf. (Bild: Al Bello/Getty Images)

Ein flinker Kämpfer: Vasiliy Lomachenko (rechts) gegen Jorge Linares im WM-Kampf. (Bild: Al Bello/Getty Images)

In der Welt des Boxens kommt man zurzeit an einem Namen nicht vorbei: Vasyl Lomachenko. Sein Boxstil ist so aussergewöhnlich, dass er mittlerweile den Spitznamen «The Matrix» trägt. Wie Neo im gleichnamigen Film, scheint Lomachenko im Boxring mehr zu sehen als wir Normalsterblichen. Und vor allem: mehr als seine Gegner. Er ist oft schneller, tänzelt um seine Widersacher rum, taucht unter den Schlägen durch und setzt Schlagkombinationen an, die für die Zuschauer nur in Zeitlupe nachzuvollziehen sind. So aussergewöhnlich seine Technik ist, so ungewöhnlich ist sein Training, seine Geschichte.

Aufgewachsen in Odessa, in der Ukraine, begann der heute 30-jährige Lomachenko mit dem Boxtraining im Alter von vier Jahren. Sein Trainer, Mentor und wichtigste Bezugsperson damals wie heute: sein Vater Anatoly ­Lomachenko. Als Vasyl neun Jahre alt wurde, traf sein Vater eine bemerkenswerte Entscheidung. Er schickte Vasyl zusätzlich in eine ukrainische Tanzschule. Denn im Boxen ist die Schrittarbeit mindestens genau so wichtig wie die Schlagtechnik. Leichtfüssig müssen Boxer sein, jeder Schlag fängt zuerst beim Fuss an. Beim klas­sischen ukrainischen Tanz sollte Lomachenko seine Schritttechnik einschleifen. Auch ermunterte Anatoly seinen Sohn, andere Sportarten als Boxen auszuprobieren. Vasyl fing mit Fussball an, mit Ringen. Erst im Alter von 13 Jahren sollte sich Vasyl für eine Sportart entscheiden. «Mein Hunger auf Boxen war grösser denn je», sagte Lomachenko später.

396 Amateur-Kämpfe, eine Niederlage

Diesen Hunger stillte der Ukrainer bald mit einer aussergewöhnlichen Siegesserie. In 396 Amateur-Kämpfen verlor er nur ein einziges Mal. Er holte 2008 und 2012 olympisches Gold und hat vergangenes Wochenende im Madison Square Garden in New York gegen Jorge Linares aus ­Venezuela etwas geschafft, das noch keinem Kämpfer vor ihm gelang: Er holte in der 10. Runde mit einem schmerzhaften Leberhaken seinen dritten WM-Gürtel in drei verschiedenen Gewichtsklassen. Und das in gerade mal 12 Kämpfen. Der 1, 70 Meter grosse Lomachenko hält den WM-Titel nun im Federgewicht (bis 57,2 Kilo­gramm), Superfedergewicht (bis 58,9 Kilogramm) und Leicht­gewicht (bis 61,2 Kilogramm). Auch in der angesehenen Rangliste «Pound-for-Pound», in der Boxer aller Gewichtsklassen rangiert und verglichen werden, hat sich Lomachenko an die Spitze gekämpft.

Was macht Lomachenko so erfolgreich? Was hat er, das an­dere Boxer nicht haben, dass er mittlerweile auch den Kampf­namen «Hi-Tech»-Lomachenko trägt? Wer Antworten auf diese Fragen finden will, der muss sich neben Videos von Lomachenkos Kämpfen insbesondere auch ­seine Trainingseinheiten anschauen. Und die sind alles an­dere als 08/15. Neben seiner ­Arbeit an Kondition, Geschwindigkeit, Schlagtechnik und Fussarbeit, konzentriert sich Lomachenko genauso auf die Verbesserung des «athletischen IQs», also ­seines Verstandes. Mit geziel­ten Denk- und Konzentrations­aufgaben nach anstrengenden ­Sparring-Runden sollen Lomachenkos kognitive Fähigkeiten und sein strategisches Denken verbessert werden. Ziel der Denkübungen ist es, dass Lomachenko zwölf Runden lang seinen Fokus nicht verliert. Dafür hat Team Lomachenko extra einen Mentaltrainer angestellt. So sieht man den Ukrainer, wie er Kinderklötzchen auf einem Tisch nach einem bestimmten Muster stapeln oder vor einer Zahlenwand Nummern zusammenzählen und auf das richtige Ergebnis tippen muss.

Ein Chrampfer, kein Angeber

Im Ring scheint sich das Training auszuzahlen. Lomachenko ist schnell, deckt seine Gegner mit Kombinationen ein und ist oft ­einen Schritt voraus. Manchmal wirkt es schon so, als spiele er mit seinen Gegnern. Nicht von seiner Seite weicht ihm dabei noch immer sein Vater. Er ist Trainer, Mentor, bester Freund. «Wenn Boxen ein Spiel ist, dann ist er der Spielführer und ich bin die Spielfigur, der Held», sagte Lomachenko mal in einer Dokumentation über ihn.

Ausserhalb des Rings gibt sich «Loma», wie er sich selbst auch nennt, als bescheidener Chrampfer. Über sein Privatleben ist praktisch nichts bekannt, ausser, dass er verheiratet und Vater eines Sohnes ist. Der Ukrainer ist kein Grossmaul, wie beispielsweise ein Floyd Mayweather. Auf Lomachenkos-Instagram-Account, der immerhin 800 000 Follower hat, sieht man praktisch keine teuren Autos, keine Luxus-Uhren, keine Bargeld-Stapel, die zur Schau gestellt werden. Statt­dessen Bilder seines Trainings, seiner Kämpfe, seiner Siege. ­Vasyl Lomachenko tut dem Boxsport gut. Weil seine Kämpfe gerade wegen seiner exzellenten Technik äusserst unterhaltsam sind. Er wird hoffentlich noch lange in der Matrix bleiben.

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