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Der Königsmacher aus dem Folterkeller – Tommy Herzog trimmte Schwinger Stucki fit

Bei ihm müssen Athletik und Kopfarbeit eine stimmige Einheit bilden: Athletiktrainer Tommy Herzog trimmte in Beromünster Schwingerkönig Christian Stucki fit.
Ernesto Piazza

Die Umarmung war innig, die Freude überschwänglich. Als Christian Stuckis Trainer Tommy Herzog nach dem gewonnenen Schlussgang gegen Joel Wicki auf dem Schwingplatz dem neunen «König» begegnete, strahlte der «Möisterer» übers ganze Gesicht. Dabei gehörte er keineswegs zu den ersten Gratulanten. Das ist jedoch typisch für den dreifachen Familienvater. Der 42-Jährige überlässt es lieber anderen, sich im Scheinwerferlicht zu präsentieren.

Seit Mai 2016 betreibt der ausgebildete Leistungssporttrainer in Beromünster seinen «Folterkeller». Die Bezeichnung kommt nicht von ungefähr. Sein unmittelbar neben dem Gunzwiler Fussballplatz Linden gelegenes Center ist zwar zweckmässig eingerichtet. Dennoch ist es gefüllt mit Trainingsgeräten, die dem neuen Schwingerkönig Fitness und Kraft vermittelten.

Stucki-Trainer Tommy Herzog präsentiert in seinem Trainingscenter ein spezielles Gerät für die Körperstabilisation. Bild: Nadia Schärli (Gunzwil, 27. August 2019)

Stucki-Trainer Tommy Herzog präsentiert in seinem Trainingscenter ein spezielles Gerät für die Körperstabilisation. Bild: Nadia Schärli (Gunzwil, 27. August 2019)

Doch Herzog, der in früheren Jahren mit Ivo Rüegg auch Bob fuhr, ist mehr als «nur» ein Athletiktrainer. «Meistens spüre ich schon, wenn eine Person in diesen Raum tritt, wie sie drauf ist.» Mentale Stärke ist hier das Stichwort. Er versuche den Sportler ganzheitlich zu sehen. Und so ergäben sich nach dem Training oft spontan Gespräche, bei denen man herausspüren könne, wo der Schuh drückt. «Das geht aber nur, wenn das Gegenüber bereit ist, darauf einzugehen.»

Aktuell trainieren elf Schwinger bei Herzog

Doch Herzog weiss ebenfalls, wie sehr die mentale Komponente zu polarisieren vermag. Mitunter auch in Schwingerkreisen. Er sagt: «Jeder hat eine eigene Philosophie.» Und seine vertritt er konsequent. Bei ihm müssen Athletik und Kopfarbeit eine stimmige Einheit bilden. Dass der ehemalige Forstwart und Zimmermann eine Affinität fürs Schwingen besitzt, kommt nicht von ungefähr. Früher hat er selber diesem Sport gefrönt, mit 17 Jahren sogar seinen ersten Kranz gewonnen. Dann ­kamen Verletzungen. Tommy Herzog musste fortan passen.

Aktuell trainieren elf Schwinger bei ihm. Neben dem neuen König, dessen persönlicher Trainer er zugleich ist, profitieren von seinem «Folterkeller» auch der Zuger Pirmin Reichmuth oder die beiden Freiämter Andreas Döbeli und Joel Strebel. Christian Stucki stiess vor knapp drei Jahren dazu. Vorher war er unter den Fittichen von Fabian Lüthi, «einem guten Freund von mir», betont Herzog.

Bei seiner Arbeit fasziniert ihn immer wieder, «wie sich der Körper innerhalb weniger Wochen verändert, entwickelt.» Er erklärt aber auch: «Das Training basiert auf Vertrauen. Ansonsten nützen die besten Pläne nichts.» Herzog ist in seiner Wortwahl extrem direkt. «Diese Ansprache braucht auch ‹Chregu›.» Nach dem Berner Kantonalfest in Münsingen sei sie beispielsweise nötig gewesen. «Ich sagte ihm klar und deutlich: So funktioniert das in Zug nicht.»

Mit der Verletzung die Favoritenrolle abgegeben

Dass sich Christian Stucki (34) am Emmentalischen Fest in Zäziwil vor rund drei Monaten das Innenband riss, sei keineswegs ein Nachteil für ihn gewesen, sagt sein Trainer. Stucki war plötzlich kein Favorit, in den Medien kaum mehr präsent. «Wir haben mit der Situation nicht gehadert, sondern versucht, nach vorne zu schauen. Schwingen konnte er ja. Es galt – immer in Absprache mit dem Physio – sich sukzessive wieder an das Limit heranzutasten.»

In den Spitzenzeiten fuhr Stucki drei bis viermal pro Woche zum Training nach Beromünster. Dass der gemütliche Berner Bär sich im Sägemehl plötzlich zum «Bösen», zum «Fokussierten» entwickelte, ortet Herzog auch in den «direkten Gesprächen». Stucki gewann an Selbstsicherheit. Und er nahm die von Herzog gestellten Hausaufgaben, beispielsweise im Bereich des Beckenbodens zu arbeiten, mit nach Lyss und entsprechend ernst. Am Freitag vor dem Fest fuhr er nochmals ins Michelsamt. «Da spürte ich: Er ist im Kopf bereit für das Fest», so sein Trainer.

Vor dem Schlussgang keimten Zweifel auf

Herzog war in das zweitägige Fest in Zug im bernischen Kantonalschwingverband eingebettet. Man hatte ihn angefragt, sagt er. «Eine offizielle Aufgabe wollte ich aber nicht übernehmen.» Denn am Fest waren noch andere Athleten, die bei ihm trainieren, dabei.

Vor jedem Gang habe er aber versucht, ‹Chregu› auf seine Aufgabe zu fokussieren. Nicht ganz einfach sei dies am Sonntagmittag gewesen. Als Stucki nach Reichmuth am Samstag und Wicki am Sonntagmorgen mit Armon Orlik bereits den dritten Topfavoriten vorgesetzt bekam. «Da brauchte es ein intensives Gespräch, genauso wie vor dem Schlussgang, als bei Stucki plötzlich Zweifel aufkeimten.»

Seinen Emotionen freien Lauf gelassen

Der Druck sei auch bei ihm ex­trem hoch gewesen, so Herzog. «Ich habe mitgelitten.» Eine Woche vor dem Fest fühlte er sich wie einer, «der unter der Brücke steht und als Stützpfeiler funktionieren muss».

Am Sonntagabend fiel der ganze Ballast ab. «Da sass ich im Rasen der Zuger Arena und liess meinen Tränen freien Lauf.» Er habe jedoch viel Wertschätzung erfahren, obwohl er nur ein ­Puzzleteil eines grossen Ganzen gewesen sei. Wieder einmal ­typisch Tommy Herzog: Das Scheinwerferlicht überlässt er andern.

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