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Argentinien: Messi und der lange Schatten Maradonas

Argentinien lechzt nach dem ersten WM-Titel seit 1986. Auf Captain Lionel Messi lastet nicht nur die Hoffnung einer fussballverrückten Nation, sondern auch der Vergleich mit Diego Maradona.
Ives Bruggmann
Diego Maradona jubelt nach dem WM-Final 1986 mit dem Pokal. (Carlo Fumagalli/AP)

Diego Maradona jubelt nach dem WM-Final 1986 mit dem Pokal. (Carlo Fumagalli/AP)

Es war nach dem Final der Copa America vor zwei Jahren, als Lionel Messi alles zu viel wurde. «Ich habe meinen Entscheid gefällt, meine Zeit in der Nationalmannschaft ist vorbei», sagte er mit leerem Blick. Wie sehr ihn die dritte ­Finalniederlage innert zweier Jahre schmerzte, untermauerte die folgende Aussage: «Es tut mir mehr als jedem anderen weh, dass ich nicht im Stande bin, mit Argentinien einen Titel zu gewinnen.» Sowohl im WM-Final 2014 als auch in den beiden Endspielen der Copa America 2015 und 2016 scheiterte Captain Messi mit Argentinien jeweils im ­Final. «Ein Titel mit der Nationalmannschaft war das, was ich am meisten wollte. Aber es sollte nicht sein. Deshalb ist es nun vorbei», sagte Messi und verabschiedete sich.

«Ein Titel mit der Nationalmannschaft war das, was ich am meisten wollte. Aber es sollte nicht sein. Deshalb ist es nun vorbei.»

Knapp eineinhalb Jahre später sah Messis Welt schon wieder ganz anders aus. Die argentinische Zeitung «Pàgina 12» titelte im Oktober 2017 vielsagend «El Messias», nachdem er sein Land im letzten Qualifikationsspiel gegen Kolumbien mit drei Toren quasi im Alleingang an die WM schoss. Zwischen den beiden prägenden Ereignissen in Messis Nationalmannschaftskarriere ist einiges passiert. Zwei Monate nach dem selbst gewählten Ende war der Spieler des FC Barcelona in die Landesauswahl zurückgekehrt. Den Entscheid zurückzutreten, habe er im Eifer des Gefechts gefällt. Zudem sei es ihm «unendlich peinlich», diesen Schritt zu revidieren. Messis schwieriges Verhältnis zu den Anhängern in seinem Heimatland ist kein Geheimnis. Doch, wenn sie ihn kritisierten, nehme er das anders auf als früher, so Messi. «Ich bin mittlerweile entspannter.» Ebenfalls keine Liebesbeziehung pflegt Messi zur argentinischen Presse. Vor der geglückten WM-Qualifikation boykottierte der Captain die Medien während fast eines Jahres.

Die vielzitierte Abhängigkeit von Messi

Messi wird der Anführer des argentinischen WM-Teams sein. Daran liess der im Juni 2017 installierte Nationaltrainer Jorge Sampaoli keine Zweifel offen. «Argentinien ist Messi. Wenn er fit ist, ist es seine Mannschaft. Es ist mehr seine Mannschaft als meine», sagte Sampaoli fast schon entwaffnend ehrlich. Es zeigt aber auch, wie sehr Argentinien sich auf «La Pulga», den Floh, verlässt. Immer wieder kritisierten die heimischen Medien deshalb in den vergangenen Jahren die «Messidependencia» – die Abhängigkeit des Nationalteams von Messi. Wie wankelmütig die argentinische Presse jedoch ist, bewies sie, nachdem Argentinien in einem Testländerspiel Ende März dieses Jahres 1:6 gegen Spanien unterging. «Ohne Messi gibt es kein Paradies und keine Hoffnung», war das Fazit der Zeitung «La Naciòn». Der verletzte Messi musste die schwerste Niederlage seit fast einem Jahrzehnt als Zuschauer mit ansehen.

Nach den vielen Enttäuschungen im Nationaltrikot ist der 30-Jährige vor der WM in Russland fest entschlossen. «Danach gibt es kein anderes Mal», sagte er in einem Interview. Die grosse, aber titel­lose Generation um Messi, Angel Di Marìa, Sergio Agüero, Javier Mascherano und Gonzalo Higuaìn, wittert ihre letzte Möglichkeit. «Wir müssen es angehen, als wäre es unser letztes Turnier», sagt Captain Messi.

Wie Maradona die Fussballwelt entzückte

Der WM-Pokal – das sind sich die Experten einig – ist das, was Messi noch fehlt, um aus dem langen Schatten Diego Maradonas zu treten. «El Pibe de Oro», der Goldjunge, wird in Argentinien noch heute beinahe wie ein Gott verehrt. 1986 führte Maradona Argentinien in Mexiko als Captain zum bisher letzten WM-Titel und entzückte die ganze Fussballwelt mit Ballgefühl, Explosivität und schier unendlicher Spielfreude.

Später beschädigte Maradona seinen Ruf, indem er sich an der WM 1994 eine Dopingaffäre leistete. Zudem wurde er mehrmals des Kokainkonsums überführt und kämpfte gegen seine krankhafte Fettsucht an. Doch die Beziehung zwischen «Dieguito» und dem argentinischen Volk litt nicht darunter. Maradona ist bis heute der Mann geblieben, der dem Land den zweiten WM-Pokal schenkte. «Diego bietet den Argentiniern einen Ausweg aus ihrer kollektiven Frustration, und deshalb ist er zu einem lebenden Mythos geworden», versuchte einst sein Mitspieler Jorge Valdano den Heldenstatus Maradonas zu erklären.

«Diego bietet den Argentiniern einen Ausweg aus ihrer kollektiven Frustration, und deshalb ist er zu einem lebenden Mythos geworden.»

Eine solche Bewunderung würde Messi wohl auch als Weltmeister nicht zukommen. Maradona hat es während seiner Aktivzeit geschafft, den Menschen im ewigen Pleitestaat Argentinien mit seinem Fussballspiel ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Schon als 16-Jähriger debütierte er im Nationalteam und von seinem Heimatland aus eroberte er die Welt. Später flogen ihm in Neapel die Herzen zu, er brachte zwei Meistertitel in die Stadt im Süden Italiens. 1986 erreichte Maradona an der WM die Form seines Lebens, riss seine Mannschaft in Mexiko förmlich mit und war der Garant für den Weltmeistertitel.

Im Nationalteam unvollendet

Auf Clubebene hat Messi Maradona freilich längst überflügelt. Achtmal wurde er Meister, gewann die Champions League und den spanischen Cup viermal, dazu wurde er fünfmal zum besten Fussballer der Welt gekürt. Messis Weg an die Weltspitze begann jedoch nicht in Argentinien. Er zog schon als 13-jähriges Kind nach Katalonien, um dort – auch dank einer Hormonbehandlung seiner Wachstumsstörung – Fussballprofi zu werden. Er ist ein Produkt des Nachwuchsinternats «La Masia» des FC Barcelona. Mit dem Tiki-Taka-Stil dominierte Messi an der Seite der spanischen Weltmeister Xavi, Andrés Iniesta und Gerard Piqué den Clubfussball über Jahre.

Hingegen ist die Nationalmannschaftskarriere Messis trotz der Siege an der Junioren-WM 2005 und an Olympia 2008 unvollendet. Auch wenn die WM-Qualifikation ein Krampf war, ist die Hoffnung der Argentinier gross, in Russland den grossen Coup zu landen. Zu Recht, wenn man das Kader sieht. Vor allem die Offensive braucht den Vergleich mit keinem anderen WM-Teilnehmer zu scheuen. Wer sich den Luxus leisten kann, den Torschützenkönig Italiens, Mauro Icardi, zu Hause zu lassen, der strotzt vor Qualität im Angriff. Zur traditionellen Offensivstärke gesellen sich in diesem Jahr Defensivspieler von internationalem Top-Niveau. Die Innenverteidiger Nicolas Otamendi von Manchester City und AS-Roma-Akteur Federico Fazio spielten eine ausgezeichnete Saison. Die aktuelle Ausgabe Argentiniens ist nicht der Favorit auf den Titel. Sie kann jedoch jedem Team gefährlich werden – Messi sei Dank.

Fakten zu Argentinien

Einwohner: 44 Millionen
Weltrangliste: 5.
WM-Teilnahmen: 17
WM-Titel: 2 (1978, 1986)
Gründung Verband: 1893
Beitritt zur Fifa: 1912
Besonderheit: Während der WM 1978 in Argentinien regierte die Militärjunta. Manipulationsvorwürfe begleiteten das Turnier. Das entscheidende Zwischenrundenspiel Argentiniens gegen Peru wurde auf den Abend verlegt. So erfuhr der Gastgeber, dass für den Finaleinzug ein Sieg mit vier Toren Unterschied nötig war. Argentinien bezwang Peru 6:0 und gewann später das Turnier.
Kader: Tor: Guzmàn (Tigres), Armani (River Plate), Caballero (Chelsea). Verteidigung: Mercado (FC Sevilla), Tagliafico (Ajax), Ansaldi (Torino), Fazio (AS Roma), Acuña (Sporting Lissabon), Mascherano (Hebei China), Rojo (Manchester United), Otamendi (Manchester City), Salvio (Benfica Lissabon). Mittelfeld: Biglia (AC Milan), Banega (FC Sevilla), Di Marìa (Paris St-Germain), Meza (Independiente), Lanzini (West Ham), Lo Celso (Paris St-Germain), Pavòn (Boca Juniors). Sturm: Higuaìn (Juventus), Messi (Barcelona), Agüero (Manchester City), Dybala (Juventus). Trainer: Jorge Sampaoli.


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