Der Rekordmeister als Zweckgemeinschaft

Die strauchelnden Grasshoppers erhoffen sich vom neuen Trainer Goran Djuricin neuen Schwung. GC empfängt heute (20.00) den SC Kriens.

Nicola Berger aus Niederhasli
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 Sportchef Fredy Bickel (rechts) beobachtet Trainer Goran Djuricin.

 Sportchef Fredy Bickel (rechts) beobachtet Trainer Goran Djuricin.


Claudio Thoma / Freshfocus (Zürich, 10. Februar 2020)

Mittwochmorgen in Niederhasli. Der GC-Campus liegt vis-à-vis der Pferderennbahn von Dielsdorf, im Nirgendwo des Zürcher Unterlandes. Das Wetter ist garstig, das Schild, das zum Eingang des GC-Komplexes weist, ist von Klebern der Anhänger des Rivalen FC Zürich übersät. Der stolze Verein ist tief gefallen, erst in die Challenge League, und dort nun nach einem miserablen Rückrundenstart trotz einem Luxuskader bis auf Platz 3.

Fredy Bickel sitzt in seinem Büro und blickt auf den Trainingsplatz. Seit September ist Bickel, der frühere Meistermacher des FC Zürich, Sportchef und Geschäftsführer bei GC. Er sagt, man müsse gar nicht weiter schauen als nach Kriens, zum SCK: «Diese Mannschaft reizt ihr Potenzial jede Woche aus. Wir nicht. So einfach ist es.» Bickel sagt, im Dezember habe er Bruno Berner zur starken Vorrunde gratuliert.

Der Manager konnte da noch nicht ahnen, dass sich GC und der SCK am vierten Rückrundenspieltag quasi auf Augenhöhe begegnen würden. Doch nach nur einem Punkt aus drei Spielen muss GC um die Barrage bangen; nach dem verheerenden Auftritt beim 1:4 gegen Stade-Lausanne Ouchy vom Wochenende trennte sich der Club vom Trainer Uli Forte. Der Österreicher Goran Djuricin, einst unter Bickel bei Rapid Wien engagiert, soll GC zumindest auf Platz 2 führen. Bickel sagt: «Das muss unser Anspruch sein, dafür haben wir genügend Qualität in der Mannschaft.» Bis zum Transferschluss soll noch ein Stürmer verpflichtet werden, zu den Kandidaten gehört der frühere Servettien Mychell Chagas.

In Niederhasli plant man jedenfalls zweigleisig. Bickel sagt, das Verpassen der Promotion «wäre kein Weltuntergang». Es würde dem Club erlauben, sich in der Anonymität der Challenge League zu festigen, auf und neben dem Platz. Wobei sich fragt, ob das überhaupt möglich ist, wenn doch niemand weiss, was sein wird bei GC ab dem Sommer. Die bisherigen Geldgeber, der Autoimporteur Peter Stüber und der Architekt Stephan Anliker, ziehen sich zurück, der Präsident Andràs Gurovits sucht nach Investoren. Bis Ende Monat muss GC die Lizenzunterlagen für die Spielbewilligung 2020/21 einreichen. Es ist möglich, dass sie dem Rekordmeister in erster Instanz verweigert wird. Bickel sagt jedoch, man arbeite an einem «Plan B», der ein Budget von zehn Millionen Franken vorsieht. «Diesen Betrag könnten wir wohl auch ohne Investoren stemmen», sagt Bickel. Es wären Einsparungen in der Höhe von drei Millionen notwendig – und auch Transfereinnahmen. Schon auf die laufende Saison wurden die Kosten massiv reduziert. Im Profikader waren die Lohnkürzungen vertraglich geregelt und betrugen 50 Prozent.

Ist die aktuelle Führung nach dem Sommer noch da?

Es sind unstete Zeiten für GC, alleine im Jahr 2019 verzeichnete der Club inklusive Spieler mehr als 100 Austritte. Und weil niemand weiss, was morgen sein wird, ist auch unklar, ob die aktuelle Führung im Sommer noch die Verantwortung tragen wird. Bickel kann im Juni aus seinem Vertrag aussteigen. Der neue Coach Djuricin ist nur bis Saisonende gebunden. Es ist möglicherweise nicht das ideale Arbeitsumfeld, aber es gibt die Hoffnung, dass Djuricin es schafft, aus dem GC-Kollektiv eine Zweckgemeinschaft zu bilden, der es gelingt, die widrigen äusseren Umstände auszublenden. Bickel sagt, er habe «ein sehr gutes Gefühl», was Djuricin und die unmittelbare Zukunft betreffe. Heute, gegen den SC Kriens, sollen sich die Dinge wenden für GC. Die Frage ist nur, ob in Form eines Sieges. Oder noch einmal mit Krienser Anschauungsunterricht, wie man das anstellt: das Potenzial auszuschöpfen.

Angriffslustiger Pilatusdrache

Wenn der viertplatzierte SC Kriens heute Abend (20.00) im Zürcher Letzigrund gegen den drittrangierten Super-League-Absteiger Grasshoppers antritt, dann fehlen dem SCK die verletzten Daniel Follonier, Anthony Bürgisser und Daniel Fanger sowie der noch für ein Spiel gesperrte Nikola Mijatovic. Fraglich ist der angeschlagene Teamleader Burim Kukeli (Hüftprellung). Speziell: Die Zürcher konnten keines ihrer letzten fünf Freitagsspiele gewinnen. Geschenke werden am heutigen Valentinstag sowieso beiderseits nicht verteilt. Kriens verlor in dieser Saison gegen GC 0:2 und 1:2. Wie also muss Kriens gegen die Grasshoppers antreten, damit es diesmal erfolgreich sein kann? Kriens-Trainer Bruno Berner sagt: «Wir machen unser Spiel nicht von GC abhängig. Wir machen das, was wir können, was wir wollen.» Kriens will einen guten Start ins Spiel Und was ist nach dem Trainerwechsel von Uli Forte zu Goran Duricin von GC zu erwarten? «Das kann man nie voraussagen», erzählt Berner. «Es kann ein Befreiungsschlag sein und GC wird sehr offensiv attackieren. Es kann aber auch sein, dass GC nach der Trainerentlassung noch mehr verunsichert ist. Aber klar ist: GC ist immer noch ein Aufstiegsaspirant. Für uns ist wichtig, dass wir einen guten Start ins Spiel erwischen.» Die GC-Mannschaft als verwundeten Löwen zu bezeichnen, ist wohl nicht völlig falsch. Doch was ist dann der SC Kriens? Coach Berner schlagfertig: «Dann sind wir der angriffslustige Drache vom Pilatus.» (tbu)

Kriens nur noch zwei Punkte hinter den Hoppers

In seiner zweiten Saison nach dem Wiederaufstieg tummelt sich Kriens in den vorderen Rängen der Challenge League. Nach einem 2:0-Heimsieg gegen Wil liegen die Krienser nur noch zwei Punkte hinter GC.