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Jon Gruden: Der Rolf Fringer der NFL

Nach neun Jahren als TV-Analyst kehrt der frühere Super-Bowl-Champion Jon Gruden in die NFL zurück. Die Anstellung des Trainers in Oakland ist eines der faszinierendsten Experimente im US-Profisport.
Nicola Berger
NFL-Trainer aus einer anderen Zeit: Jon Gruden. (Bild: John Hefti/AP Photo (Oakland, 10 August 2018))

NFL-Trainer aus einer anderen Zeit: Jon Gruden. (Bild: John Hefti/AP Photo (Oakland, 10 August 2018))

Man stelle sich das Szenario vor: Ein Super-League-Team, sagen wir der FC Luzern, erinnert sich 2021 an Rolf Fringer. Ein Trainer, dessen letzter Meistertitel so lange zurückliegt, dass es wirkt, als stamme er aus einem anderen Leben. Der zuletzt vor neun Jahren ein Team betreute und seither für eine TV-Station aktiv war. Es macht ihn zum bestbezahlten Coach der Liga und nimmt ihn für zehn Jahre unter Vertrag.

Verrückt? Nicht in der NFL, nicht für die Oakland Raiders, wo der Coach nun zum zweiten Mal Jon Gruden heisst. Gruden, 53, gewann 2002 als damals jüngster Coach der Geschichte die Super Bowl mit den Tampa Bay Buccaneers. Es war ein Sieg für die Ewigkeit, und er schmeckte besonders süss, weil die Buccaneers den Trainer ein Jahr zuvor ausgerechnet vom Finalgegner Oakland in einem ebenso spektakulären wie denkwürdigen Tauschgeschäft für je zwei Erst- und Zweitrundendraftrechte ­sowie acht Millionen Dollar ­erworben hatten. Der Transfer brachte den Buccaneers den ­Titel, während die Raiders sich bis heute nicht richtig davon erholt haben: In den letzten 15 Jahren gewannen sie kein einziges Playoff-Spiel, die Qualifikation dafür gelang nur einmal. Mark Davis, dem die Raiders 2011 von seinem Vater Al Davis vererbt wurden, hat sechs Jahre an der Rückkehr des verlorenen Sohnes gearbeitet. Als Gruden im Januar unterschrieb, sprach Davis vom «schönsten Tag meines Lebens».

Langeweile trotz Millionen als TV-Experte

Die Frage ist, ob Gruden die enormen Erwartungen wird erfüllen können. Zuletzt arbeitete er seit 2010 für den serbelnden Sportsender ESPN. Gruden war das Aushängeschild des Kanals, eine Art Rockstar, er verdiente Millionen. Doch irgendwann ­begann er sich zu langweilen. Er sagte: «Ich habe ein Boot gekauft und es kein einziges Mal benutzt. Ich spiele kein Golf. Irgendwann kam die Erkenntnis, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich mich nicht mit anderen messe.»

Grudens Wunsch, sich mit der Konkurrenz zu duellieren, und sein Drang nach Anerkennung waren zwei Gründe für sein Comeback. Der dritte war die irrsinnige Offerte der Raiders, die Gruden in den nächsten zehn Jahren hundert Millionen Dollar zahlen. Als der Coach vorgestellt wurde, sagte Davis: «Das ist eine verdammt grosse Sache.» Vor allem ist es einer der verrücktesten Verträge in der Geschichte der NFL – und eines der faszinierendsten Experimente im US-Profisport. Die NHL-Organisation Tampa Bay Lightning ging 2008 ein ähnliches Wagnis ein: Das Team reaktivierte den TV-Analysten Barry Melrose, der vierzehn Jahre nicht mehr in der NHL gearbeitet hatte. Das Intermezzo endete nach nur 16 Spielen und mit viel bösem Blut.

Von einem so schnellen ­Abgang wird Gruden verschont bleiben, seines Vertrages wegen. Doch auch sein Comeback wird von reichlich Skepsis begleitet. «Sports Illustrated» titelte diese Woche: «Wird Grudens Anstellung als Desaster enden?»

Ist Gruden aus der Zeit gefallen?

Zwar ist er dem American Football mit seiner Arbeit bei ESPN treu geblieben. Aber die Liga hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts rasant verändert. Gruden sagt, er habe sich seit seinem ersten Jahr als NFL-Headcoach von 1998 nicht verändert. Man kann das positiv werten, weil Gruden sich jenen Fleiss bewahrt hat, der ihn immer auszeichnete. Aber es gibt auch Bedenken, der Coach könne aus der Zeit gefallen sein. Sie wurden genährt, als Gruden sagte, er mache sich nicht viel aus analytischen Statistiken, er sei ein «Mann der alten Schule». Einmal sagte er: «Nicht alles Neue ist besser. Ich habe zu Hause eine neue TV-Fernbedienung. Ich mochte meine alte besser.»

Seine Aufgabe, die Raiders wiederzubeleben, ist kurz vor der Saison noch kniffliger geworden. Das Team gab seinen besten Spieler, den Verteidiger Khalil Mack, an die Chicago Bears ab. Ein bisschen wirkte es so, als würden die Raiders schon vor dem Start die weisse Fahne hissen. Und prompt folgte in der Nacht auf Dienstag mit einer 13:33-Niederlage gegen die Los Angeles Rams ein ernüchternder Auftritt. Und am Sonntag droht beim Vergleich mit den Denver Broncos bereits die nächste Niederlage. Doch Grudens ­Comebackjahr hatte schon zuvor als Übergangssaison gegolten, die Raiders wollen dann angreifen, wenn es von Oakland in die glitzernde Spielermetropole Las Vegas übersiedelt, spätestes 2020 wird das der Fall sein.

Bis dann hat Gruden Zeit, sich wieder an den NFL-Alltag zu gewöhnen. Er sagt: «Ich weiss, dass ich mich beweisen muss.» Die Raiders mögen in dieser Saison keinen sonderlich guten Football spielen. Aber der Unterhaltungswert wird enorm sein – und in der Show- und Entertainmentliga NFL ist das schon viel wert.

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