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Faszination Tour de France: Der rollende Zirkus

Für die einen ist sie ein nationales Monument. Für andere nur eine gigantische Werbeplattform. Am Samstag startet mit der Tour de France die «Mutter aller Rundfahrten».
Tom Mustroph
Die Fahrer der Tour de France passieren bei ihrem Ritt durch die Normandie unter anderem den Mont-Saint-Michel. (Bild: Chris Wallis/Keystone; 2. Juli 2016 )

Die Fahrer der Tour de France passieren bei ihrem Ritt durch die Normandie unter anderem den Mont-Saint-Michel. (Bild: Chris Wallis/Keystone; 2. Juli 2016 )

Ist es noch Velosport oder nur eine gigantische Marketingmaschine? Wenn Tourorganisator ASO sein wichtigstes Rennen vorzustellen pflegt, stehen dort selten die Fahrer im Mittelpunkt. Viel mehr Wert wird darauf gelegt, die Dimension des medialen Fussabdrucks aufzuzeigen. Beim Journalisten-Merkblatt für die Teamvorstellung gestern wurden erst die erwarteten Klickzahlen auf Twitter (5,6 Millionen), die Anzahl der zugelassenen Livestreams weltweit (114) sowie die Anzahl der Journalisten vor Ort (300) genannt.

Ganz unten erst wurden die erwähnt, auf die sich alle diese medialen Augen richten würden: 176 Fahrer aus 22 Teams. Sie, eigentlich die Hauptakteure des Anlasses, taugen allenfalls zur Randzeile.

Nicht aus Liebe zum Sport ins Leben gerufen

Das wenigstens ist ehrlich. Aus Liebe zum Sport wurde die Tour nämlich weder gegründet noch wird sie deshalb betrieben. 1903 kreierte der Medienunternehmer Henri Desgrange die Tour vor allem deshalb, um seiner Publikation «l’Auto» grössere Bekanntheit zu verschaffen. Das klappte, doppelt sogar. Wie der Wirtschaftshistoriker Jean-François Mignot belegte, verdoppelte «l’Auto» im Tour-Monat Juli nicht nur regelmässig die verkaufte Auflage gegenüber dem Vormonat. 1904, also im zweiten Jahr der Tour, war auch das direkte Konkurrenzblatt «Le Vélo» am Ende. Ein Sieg auf ganzer Linie, vor allem dank der Tour de France.

Henri Desgrange entdeckte mit der Zeit auch neue Einnahmequellen mit der Tour. Bereits in den 1920er-Jahren verkaufte er die Rechte für Etappenstart und -ziel an interessierte Städte sowie Werbeflächen entlang der Strecke. Noch heute generiert die Tour auf diese Art Einnahmen. Werbepartner zahlen zwischen 150 000 und 6 Millionen Euro, je nach Platzierung und Sichtbarkeit. Die Städte zahlen ebenfalls, etwa 60 000 Euro für einen Etappenstart und etwa 100 000 Euro als Zielort.

Bis zu 500 000 Euro für einen Platz in der Werbekarawane

Der Grand Départ ist noch teurer. Düsseldorf zahlte beim Grand Départ 2017 an die ASO 4,5 Millionen Euro Lizenzgebühren für Teampräsentation, Auftaktzeitfahren und den Start der 2. Etappe. Die heimische Vendée bekam es von der Tour-Organisation in diesem Jahr etwas billiger. Für drei Etappen und die ganzen vorgelagerten Festlichkeiten müssen lediglich 3 Millionen Euro an die ASO berappt werden.

Seit 1930 gibt es auch die Werbekarawane. Sie zieht sich als ein Kilometer langer Bandwurm durch das Land und besteht aus 170 schrill-bunten Gefährten, auf denen Menschen sitzen, die in den drei Wochen 18 Millionen Gadgets, kleine Mitbringsel wie Kugelschreiber, Süssigkeiten, Trillerpfeifen und Klatschpappen, verteilen. Die Unternehmen zahlen für einen Platz in der Karawane zwischen 200 000 und 500 000 Euro.

Die Karawane ist der purste Ausdruck der Werbeplattform Tour de France. Sie macht mittlerweile sogar dem vermeintlichen Hauptevent Konkurrenz. Aurélien Janssens, Chef der Werbekarawane, berichtete am Rande der letzten Tour stolz: «48 Prozent der Zuschauer kommen allein wegen der Werbekarawane.» Den Sprung zum globalen Event, zum drittgrössten und drittwichtigsten Sportereignis der Welt, machte die Tour aber erst in den 1980er-Jahren. Dank der TV-Einnahmen verzehnfachte sich das Budget laut Wirtschaftshistoriker Mignot von umgerechnet etwa 10 Millionen Euro 1980 auf etwa 100 Millionen Euro im Jahr 2010. Aktuelle Schätzungen gehen von 130 bis 170 Millionen Euro aus, das Gros davon aus TV-Lizenzen.

Eine Milliarde Menschen schalten ein

Zur Verfügung gestellt werden diese Gelder aber nur wegen der Erwartung, dass weiter 10 bis 12 Millionen Menschen an die Strecke eilen und mehr als eine Milliarde im Laufe der drei Wochen wenigstens einmal kurz in die Direktübertragung blickt.

Sie machen es ja auch. Menschen mögen Traditionen. Der Tour-Monat Juli sorgt für Stabilitäten im Familienverband. Die einen eilen mit Caravans zur Strecke selbst. Die anderen finden sich vor dem Fernseher zusammen und ziehen Vergleiche zwischen den Stars von heute und den alten – die meist als «wahrer», «besser» und «authentischer» imaginiert werden. Mit der Erinnerung an die historischen Heroen wird auch die eigene Jugend wieder lebendig. Für intellektuellere Geister ist die Tour eine grandiose Projektionsfläche. Globalisierungstrends etwa werden sichtbar. Aus 30 Nationen kommen jetzt die Fahrer. 1903, bei der ersten Tour, waren nur fünf Nationen beteiligt: Frankreich, die Schweiz, Belgien, Deutschland und Italien.

Manch sozialwissenschaftliche Erkenntnis lässt sich aus der Geschichte des traditionsreichen Radrennens ablesen. Niederländische Forscher konnten aus den Klassements der Tour de France von den 1970er-Jahren an die zunehmende Spezialisierung belegen. Je stärker nämlich Fahrer einer Equipe kooperierten, um ihrem Leader zum Erfolg zu verhelfen, umso grösser wurden die Zeitabstände zwischen den Besten und dem Peloton der Domestiken.

«Diese Tour hat ein Leichnam gewonnen»

Kaum vorstellbar scheint, dass Henri Desgrange bei den ersten Touren noch klar einen Kampf Jeder gegen Jeden gefordert und Teamunterstützung ausdrücklich verboten hatte. Als der Belgier Maurice de Waele im Jahr 1929, also ein Jahr vor Einführung der Werbekarawane, die Tour nur dank der Hilfe seiner Teamkameraden gewann, die ihn buchstäblich ins Ziel schoben, meinte Desgrange empört: «Diese Tour hat ein Leichnam gewonnen.»

Die Gewinner heute sind zwar keine Leichname. Aber sie werden behütet von den Teamkollegen, deren Aufgabe es ist, die Attacken der Gegner zu neutralisieren. Der stärkste Mann in ihren eigenen Reihen ist hingegen zum Kräftesparen verpflichtet. Nur so kann er in dieser arbeitsteiligen Sportwelt gewinnen. Die Schreiber, die diese Zurückhaltungskünstler dann zu Helden stilisieren, sind beim Zirkus Tour de France selbstverständlich auch dabei.

Marie-Odile Amaury gehört zu den mächtigsten Frauen Frankreichs. (Bild: Thomas Samson/AFP; Paris, 7. Juli 2013)

Marie-Odile Amaury gehört zu den mächtigsten Frauen Frankreichs. (Bild: Thomas Samson/AFP; Paris, 7. Juli 2013)

Die Witwe der Tour der France

Auf der Strasse gehen die Franzosen an ihr vorbei, ohne sie zu erkennen. Dabei ist Marie-Odile Amaury (78) eine der mächtigsten Frauen Frankreichs. Sie gebietet über einen Grosskonzern, der ihren Familiennamen trägt und über bekannte Markenname wie die Tour de France, das Rallye Dakar oder die Sportzeitung «L’Equipe» gebietet.

Die Kombination von Sport und Medien trifft sich gut: «L’Equipe», das mit Abstand grösste französische Sportblatt, berichtet jeweils begeistert über die «Tour» und übt natürlich kaum Kritik ­daran. Und wenn, genügt eine Bemerkung von Marie-Odile Amaury, man solle vielleicht «etwas weniger» über Doping berichten. Das soll die ­Vorsteherin und Besitzerin des Amaury-Konzerns den «L’Equipe»-Journalisten jedenfalls vor einigen Jahren empfohlen haben.

Brillante Idee bringt Millionenumsätze

Ansonsten greift die Tochter eines mittelständischen Optikers aus Strassburg kaum in die Zeitungslinie oder die redaktionellen Belange ein – was in Paris sehr unüblich ist. Dafür stellt die unscheinbare Konzernlenkerin, die man selten lächeln sieht, ihre Chefredaktoren ohne jede Begründung auf die Strasse, wenn sie von ihnen genug hat. An der Seine nennt man sie auch «Citizen Kane». Oder gar «Tata Picsou», zu Deutsch etwa «Knausertante». Marie-Odile Amaury fährt einen Peugeot 308, und das nicht nur aus Diskretionsgründen. Sie lebt bescheiden, obwohl die Tour de France eine einzige Geldmaschine ist. Diskret wie ihre Chefin, publiziert das Unternehmen keine Geschäftszahlen. Insider schätzen, dass die Tour 150 Millionen Umsatz macht – drei Viertel des Geschäftsvolumens der Tochtergesellschaft «Amaury Sport Organisation» (ASO). Die ganze Amaury-Gruppe dürfte auf über 400 Millionen Euro Umsatz kommen.

Das Geschäftsmodell der Tour basiert auf einer brillanten Idee: Amaury macht aus einem banalen Radrennen einmal im Jahr einen mehrwöchigen Reisefilm durch Frankreich, den eine Milliarde TV-Zuschauer am planetaren Bildschirm stundenlang verfolgt. 70 Prozent dieser Sofasportler geben in Marktstudien an, sie täten es nicht wegen des Rennens, sondern wegen der «schönen Landschaften Frankreichs». Das schenkt ein: Marie-Odile Amaury zieht aus dem Verkauf der Fernsehrechte 60 Prozent der Tour-Einnahmen. 30 Prozent steuern die begehrten Sponsorenverträge bei, 10 Prozent die Etappenorte.

Nach dem Tod des Gatten regiert sie mit harter Hand

Dieses Konzept geht noch auf den Familienpatriarchen Emilien Amaury zurück. Vor seinem Tod im Jahre 1977 hatte er testamentarisch seine Tochter Francine als Nachfolgerin eingesetzt. Er wollte damit seinen Sohn Philippe enterben, weil der keine brillanten Studien absolviert hatte – und weil er die kleinbürgerliche Marie-Odile heiratete. Nach einem langen Gerichtsverfahren setzte sich Philippe trotzdem durch. Auch an der Spitze des Amaury-Impe­riums blieb er die Unauffälligkeit in Person – in seinem kleinen Pariser Stammbistro ass er jeweils hinter einer Säule verborgen. Seine Frau sekundierte ihn ebenso diskret bis zu seinem Tod im Jahr 2006. Seither regiert Marie-Odile Amaury mit eiserner Hand und scheut auch nicht vor wegweisenden Entscheiden zurück. Vor drei Jahren trennte sie sich zum Beispiel von «Le Parisien», einem gehobenen Boulevardblatt, das Amaurys Erfolg nach dem Zweiten Weltkrieg erst begründet hatte.

Sport zahlt, das Zeitungsmachen nicht: Dieser Devise folgt heute die Witwe Amaury. Solange die Tour de France satte Gewinne abwirft – die Rentabilität des Rennens soll bei 15 Prozent liegen –, kümmert sich die spröde Elsässerin kaum um die sportlichen Aspekte. Dopingverdächtige wie Lance Armstrong oder Chris Froome schnitt sie aber bewusst: Die waren langfristig schlecht fürs Geschäft.

Dynastie bleibt wohl noch lang erhalten

Auf die – bescheidenen – Preisgelder hält Madame indes ein wachsames Auge. Der Tour-Gewinner erhält nach dreiwöchiger Pein 500 000 Euro, ein Etappensieger 11 000 Euro; der Zehntplatzierte, immerhin einer der weltbesten Radprofis, muss sich mit einem Preisgeld von 3800 Euro begnügen. Das ist wirklich nicht generös, wenn man etwa mit den 36 Millionen Euro an Preisgeldern des französischen Tennisturniers Roland-Garros vergleicht. Aber Roland-Garros gehört eben auch nicht Marie-Odile Amaury. Die Konzernbossin habe nur ein Geschäftsziel, hört man immer wieder: Sie will ihren beiden Kindern einen gesunden Konzern hinterlassen. Ihr Sohn Jean-Etienne leitet bereits die Sparte Sportevent (ASO) und damit auch die Tour-Belange, Tochter Aurore ist Direktorin für Rechtsfragen. Alles ist eingefädelt, dass die Amaurys noch lange über das grösste Radrennen der Welt herrschen werden. (sbp)

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