Kolumne

Der Rotsee gehört den Göttern

Die Ruder-Europameisterschaften haben vom 30. Mai bis 2. Juni am Rotsee in Luzern stattgefunden. Ein Erfahrungsbericht.

Roman Schenkel, stv. Chefredaktor
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In Rudeln sind die letzten Tage die Ruderinnen und Ruderer auf der Buslinie 1 zwischen Rotsee und Stadtzentrum hin und her gependelt. In der Regel lassen sich die Sportler relativ leicht identifizieren. Mit ihren gewaltigen Oberschenkeln, ihrer muskulösen Oberkörper und vor allem ihrer schieren Grösse heben sie sich augenscheinlich von einer Touristengruppe ab. Hinzu kommt die manchmal etwas eigenwillige Rudermode. Da reichen Radlerhosen, Flipflops und ein ärmelloses Shirt bereits, um hip zu sein. Karl Lagerfeld – für ihn waren ja sogar Trainerhosen zu viel des Guten – hätte daran, gelinde ausgedrückt, keinen Gefallen gefunden.

Die Körpergrösse der Athleten fordert auch die Medienschaffenden heraus. Nicht etwa, weil Ruderer nicht gesprächig wären. Aber führen Sie einmal ein Videointerview mit einem 1,91-Meter-Hünen! So geschehen meinem Redaktionskollegen aus dem Sport. Mit einer schweizerischen Durchschnittsgrösse ausgestattet, blickte er beim Interview mit dem Luzerner Ruderer Roman Röösli zuerst einmal steil nach oben. Steifer Nacken ahoi!

Die Bitte meines Reporterkollegen, Röösli möge sich doch etwas ducken, weist dieser zurück. Er könne nicht, er würde sofort umkippen, erklärt er. Schliesslich hat er Minuten zuvor im Doppelzweier in einem Herzschlagfinal «alles rausgehauen», obwohl die Beine schon «lange übersäuert» waren. Die Goldmedaille wurde um mickrige 0,9 Sekunden verpasst. Nach einem solchen Rennen brennen selbst die gewaltigsten Oberschenkelmuskeln.

Schwieriger als das Interview selbst gestaltete sich jedoch die Suche nach dem richtigen Standort. Da die «Luzerner Zeitung» – immerhin Medienpartner der Ruder-EM – nicht über die entsprechende Lizenz verfügte, durften im Hintergrund des Interviews nicht etwa der Rotsee, sondern nur die Blätter des Stämpfliwalds zu sehen sein. Wie Häftlimacher haben die Organisatoren die Einhaltung dieser Regel überprüft. Die irren Zustände des Sponsorings und der Lizenzen aus dem Fussballgeschäft haben also längst auch den Rudersport erreicht. Hierbei sei den Organisatoren, den Verbänden, den Sponsoren – und wer auch immer noch seine Hände am Ruder hat – gesagt: Wenn der Rotsee jemandem gehört, dann den Göttern.

Heim-Ruder-EM: Silberfrust für Roman Röösli

Zunächst fühlten sich der Neuenkircher Roman Röösli und Barnabé Delarze bereits als Europameister. Wegen neun Hundertstel verpasst das Duo aber den erhofften EM-Triumph. Der Frust ist entsprechend gross.
Raphael Gutzwiller