Der Ruf nach Shaqiri wird lauter

Das Stadtderby zwischen Liverpool und Everton ist weit weniger von Rivalität geprägt als anderswo. Am Sonntag (17.15 Uhr) geht es dennoch um viel: Liverpool spielt um den Titel, Everton um ein europäisches Ticket.

Raphael Honigstein, London
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Bekommt Xherdan Shaqiri am Sonntag die Chance, bei Liverpool in der Startelf zu stehen? (Alex Livesey/Getty Images (Liverpool, 11. November 2018))

Bekommt Xherdan Shaqiri am Sonntag die Chance, bei Liverpool in der Startelf zu stehen? (Alex Livesey/Getty Images (Liverpool, 11. November 2018))

Liverpool gegen Everton firmiert auf der Insel nicht ganz grundlos als the friendly Derby, denn im Gegensatz zu anderen grossen Fussballrivalitäten artet der sportliche Konflikt an der Mersey nicht in Hass aus. Es gibt keine ­religiösen, ideologischen oder ­sozialen Unterschiede zwischen den Fangruppen, Reds und Toffees sitzen morgens gemeinsam am Frühstückstisch und auch am Sonntag beim 232. Duell nebeneinander an der Anfield Road.

Die ansonsten sehr rigide Trennung der Anhänger im Stadion ist in Liverpool aufgehoben, wenn die Scousers, wie die Bewohner wegen ihrer historischen Vorliebe für Labskaus genannt werden, die innerstädtische Meisterschaft ausspielen.

Everton ist erneut ein seriöser Konkurrent

Ganz so freundschaftlich wie in den 1980er-Jahren, als die zwei Fanlager gemeinsam ein trotziges «Merseyside, Merseyside» intonierten, um gegen die wirtschaftliche Gängelung ihrer Stadt durch Margaret Thatchers Regierung zu protestieren, wird es am Sonntag allerdings nicht zugehen. Nach zwei Unentschieden in der Vorsaison (1:1, 0:0) ist die Lust, der anderen Seite so richtig eins auszuwischen, gross wie selten zuvor, zudem steht einiges auf dem Spiel. Liverpool, in der Liga noch ungeschlagen, kämpft nach einem aussergewöhnlich guten Start mit 33 Punkten aus 13 Spielen um die Meisterschaft, Everton (Platz 6) um die Qualifikation für die Champions League.

Unter dem Portugiesen Marco Silva sind die Blauen endlich wieder eine schlagfertige Truppe und voller Zuversicht, zum ersten Mal seit 1999 im Anfield gewinnen zu können. «Wir wollen die besondere Kraft des Derbys für uns ausnutzen», sagte der 41-jährige Marco Silva, der dabei besonders auf die Qualitäten seines brasilianischen Stürmers Richarlison baut. Sechs Tore hat der 21-jährige 45-Millionen-Pfund-Einkauf von Watford bereits erzielt. «Er ist ein Riesenspieler», ist Liverpool-Coach Jürgen Klopp voll des Lobes. Überhaupt habe Everton «die am besten eingestellte Mannschaft», seit er im Oktober 2015 ins Amt kam, stellte der Deutsche anerkennend fest.

«Kloppo» angespannt nach Niederlage in Paris

Seine Mannschaft ist unabhängig davon der grosse Favorit. Erst ein einziges Tor hat man in der laufenden Ligasaison zu Hause kassiert. Dennoch zeigte sich Klopp im Vorfeld angespannt. Der 51-Jährige reagierte gereizt auf eine Frage nach der kurzen Vorbereitungszeit auf das Spiel, das Team war im Anschluss an die 1:2-Niederlage gegen Paris Saint-Germain in der Champions League erst am Donnerstag zurückgekehrt. «Was für ein Idiot müsste ich sein, um zu sagen, dass die Spieler nicht bereit für den Match sein werden», giftelte er. «Sie sind natürlich bereit. Aber sie müssen es auch zeigen.»

Die Pleite an der Seine warf bei Fans und Medien grundlegende Zweifel an den spielerischen Fähigkeiten von Liverpools Mittelfeld auf, Jordan Henderson, Gini Wijnaldum und James Milner hatten das famose Angriffstrio Mohamed Salah, Roberto ­Firmino und Sadio Mané nur ­unzureichend unterstützt. Klopp verwahrte sich jedoch energisch gegen diese Lesart. Sein Team verteidige viel geschlossener als in den teilweise chaotischen Partien in den Vorjahren, gab er zu bedenken; dass dies «im ersten Schritt» auf Kosten von Kreativität und flüssiger Kombination gehe, sei «normal».

Shaqiri soll im Zentrum für Spielkunst sorgen

Normal ist aber auch, dass die rote Hälfte der Stadt sich ­geschlossen den Feintechniker Xherdan Shaqiri in der Startelf wünscht. «Ihr Journalisten tut immer so, als ob die neuen Spieler viel besser als die alten sind», entfuhr es Klopp, auf den 27-Jährigen angesprochen. Dem Ruf nach Shaqiri wird sich der Trainer trotzdem nur schwerlich entziehen können.

Der Schweizer Nationalspieler ist genau der Richtige, um dem aktuell etwas hemdsärmeligen Betrieb in der Zentrale einen Schuss Genialität einzuhauchen. Der Kraftwürfel Shaqiri kann verhindern, dass die Stimmung bei den Reds nach dem freundschaftlichen Derby gegen Everton feindselig wird.