Der Schmetterling fliegt wieder: Wie Vladimir Petkovic seine Zweifel beseitigte

Warum der Schweizer Fussball-Verband mit Trainer Vladimir Petkovic den Vertrag verlängert. Und wie die Erwartungen an ihn nun aussehen.

Etienne Wuillemin
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Nationaltrainer Vladimir Petkovic strahlt. Er steht in einem kleinen Küchenraum im Haus des Fussballs nahe bei Bern. Ihm gegenüber Dominique Blanc, Präsident des Schweizer Fussballverbands. Und dieser Blanc sagt zu Petkovic: «Bravo, Vlado, du warst richtig gut! Es war nicht immer so, aber heute hast du mich von A bis Z überzeugt.»

Vladimir Petkovic bleibt Nationaltrainer.

Vladimir Petkovic bleibt Nationaltrainer.

Bild: Alessandro Della Valle/Keystone, Bern,25. Februar 2020

Der Nachmittag dieses «Feiertages», wie ihn Blanc nennt, ist schon fortgeschritten. Ein Feiertag, weil die Protagonisten über die Vertragsverlängerung von Petkovic als Nationaltrainer reden dürfen. Weil jetzt klar ist, wohin der Weg führt. Und nicht zuletzt, weil damit das Thema vom Tisch ist. Sollte sich die Schweiz für die WM 2022 in Katar qualifizieren, bleibt der 56-jährige Petkovic mindestens bis dahin Nationaltrainer. Sollte das eintreffen, wäre er acht Jahre und fünf Monate im Amt – und würde damit den Rekord von Karl Rappan (sieben Jahre und zehn Monate) knacken. Wird die Qualifikation verpasst, endet der Vertrag dann. Soweit die Fakten.

Nach der WM war Petkovic mit Überlebungsübungen beschäftigt

Petkovic ist gut gelaunt an diesem Nachmittag. Natürlich. «Ich war und bin stolz, dass ich Nationaltrainer sein darf», sagt er. Er bedankt sich für das Vertrauen, das er von allen Seiten spüre. Ehe er, vielleicht wegen seiner guten Laune, Einblicke gibt, wie es zu dieser Vertragsverlängerung gekommen ist. Es sind bemerkenswerte Einblicke.

Die Zeit nach der Weltmeisterschaft 2018 in Russland war keine einfache für den Schweizer Fussball. Es gab die Doppeladler-Affäre. Es gab das Achtelfinal-Out gegen Schweden. Es gab die Unruhen danach rund um die Doppelbürger, erzeugt aus den eigenen Reihen des Schweizer Verbands. Und es gab den Rücktritt von Valon Behrami. Erstmals erzählt Vladimir Petkovic nun, wie sehr das an ihm genagt hat. «Wir haben einiges gemacht und probiert – aber alles war irgendwie verklebt. Damals hatte ich Zweifel, ob es wirklich noch weitergehen kann mit mir als Nationaltrainer.» Und weiter: «Ich war vor allem mit Überlebensübungen beschäftigt.»

Was Verbandspräsident Dominique Blanc überzeugt hat

Die Kritik an Petkovic in dieser Zeit war heftig. Und nicht ohne Folgen. Er begann, sich zurückzuziehen. «Ich war wie ein Schmetterling, der sich ein Jahr einbalsamiert hat, um schöner zu werden.» So sagt er das. Um dann sein Bild zu vervollständigen: «Aber jetzt fliegt der Schmetterling wieder.» Ob er denn nachtragend sei, wird Petkovic gefragt. «Ich weiss nicht einmal mehr, was ich am Mittag gesessen habe», antwortet er. Es ist seine Art, zu signalisieren, dass er bereit ist für einen Neustart.

Verbandspräsident Blanc erzählt, wie er im Herbst gemerkt habe, dass zwischen Trainer und Team etwas zusammenwachse. «Die Art und Weise, wie alle beisammengestanden sind nach unserer Niederlage in Dänemark, hat mich beeindruckt. Konzentriert. Fokussiert. Mit einer gewissen Wut im Bauch.» Es waren diese Tage, in denen Blanc für sich festlegte, dass er gerne mit Petkovic weiterarbeiten würde.

Wird Vladimir Petkovic 2022 neuer Rekord-Nationaltrainer des Schweizer Fussballs?
6 Bilder
Schweiz: Nach der WM 2014 übernimmt Petkovic von Ottmar Hitzfeld.
Lazio Rom: Anderthalb Jahre trainiert Petkovic in Italiens Hauptstadt.
Young Boys:  Unter Petkovic verspielt YB 13 Punkte Vorsprung auf Basel.
AC Bellinzona: Im Tessin feiert Petkovic Aufstieg und Cupfinaleinzug.
Malcantone Agno: Von 1999 bis 2004 steht Petkovic im Tessin an der Linie.

Wird Vladimir Petkovic 2022 neuer Rekord-Nationaltrainer des Schweizer Fussballs?

Bilder: Keystone

Nationalmannschaftsdirektor Pierluigi Tami war es, der die Verhandlungen mit dem Nationaltrainer führte. Auch die weichen Faktoren waren Thema in den Verhandlungen. Die Bereitschaft Petkovics eben, sich nochmals zu öffnen. So, wie er das schon vor der Europameisterschaft 2016 getan hat. Die Bereitschaft auch, wieder vermehrt Spieler bei ihren Clubs zu besuchen. Wie er das bei seinem Amtsantritt 2014 ebenfalls tat. Dreimal sassen sie zusammen. «Das erste Gespräch dauerte nur wenige Minuten, danach haben wir Kaffee getrunken», erzählt Petkovic. Es war die Basis für beide Seiten, um herauszuspüren, dass die gemeinsame Arbeit weitergehen soll. Tami signalisierte, dass Petkovic keine Konkurrenz fürchten müsse. Und Nationalcoach Petkovic seinerseits signalisierte, dass er keine Abwanderungsgelüste hegt. Weil er seine eigenen Zweifel längst überwunden hatte.

«Immer mit der Ambition, einmal Weltmeister zu werden»

Nati-Direktor Tami sagt: «Petkovic liefert überzeugende Arbeit. Er hat die Mannschaft im richtigen Moment verjüngt und verändert. Kein anderer kennt das Team so gut wie er.» Seine Erwartungen für die Zukunft formuliert er so: «Ich wünsche mir ein Nationalteam, das in seinen Auftritten viel Persönlichkeit zeigt. Und kontinuierlich hohe Qualität aufweist. Alle reden immer von einem Viertelfinal – wir sollten aber Schritt für Schritt nehmen. An der kommenden EM ist diese Aufgabe schwierig genug.» Wales, Italien und die Türkei heissen im Juni die Gegner.

Der Trainer selbst fordert vor allem eines: «Immer hungrig bleiben!» Und sagt dann: «Nehmen wir einfach Schritt für Schritt. Aber immer mit der Ambition und dem Willen, einmal Weltmeister zu werden.»

Viele Spieler sind in ihren Clubs ausser Form

Die Aufgaben in den kommenden Monaten werden spannend und intensiv. Der nächste Zusammenzug wird im März stattfinden. Dann trifft die Schweiz in Testspielen auf Kroatien und Belgien. Beunruhigend ist derzeit vor allem eines: Wie viele Schweizer Spieler ausser Form geraten sind bei ihren Clubs. Ob Shaqiri, Seferovic, Zuber oder Embolo. Ob Schär, Akanji, Rodriguez oder Lichtsteiner. Um all sie geistern viele Fragezeichen.

Sie zu lösen, wird den alten und neuen Nationaltrainer Petkovic noch ziemlich lange beschäftigen.

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