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Der Star ist im Trainerstab

Am Ende von Janosch Nietlispachs Tag steht der Sieg im WM-Finalkampf gegen den Iraner Ali Dorri (Bild: Christian H. Hildebrand / Neue ZZ)

Am Ende von Janosch Nietlispachs Tag steht der Sieg im WM-Finalkampf gegen den Iraner Ali Dorri (Bild: Christian H. Hildebrand / Neue ZZ)

Die Rettungsdecke knistert. Janosch Nietlispach befreit sich aus ihr, um aufzustehen und sich zu übergeben. Doch es würgt ihn nur trocken. Schliesslich spuckt er in das Lavabo. Der Speichel klebt am Email, er trägt rötliche Spuren: Blut vielleicht, oder Rückstände von einem rotfarbenen Getränk. «Es ist wirklich hart ... härter, als man denkt», sagt Nietlispach wie zu sich selbst. Diese Szenen zeugen von der schwindenden Anspannung, die mit der körperlichen Verausgabung einhergeht. Auf der Liege tief in den Katakomben der Bossard-Arena sitzt scheinbar ein geschlagener Mann.

Doch das ist er nur in der zweiten Welt, in der sich der Kämpfer an diesem Tag bewegt. Wenige Minuten zuvor hat er in der ersten gesiegt: im Ring gegen einen sichtbaren Kontrahenten. Sein erster Kampf an der «Boss Art Championship» gegen den Franzosen Mehdi Bouanane war nach einhelliger Meinung einer der besten in der bisherigen Karriere des 27-jährigen Chamers, vielleicht sogar der beste überhaupt. Er bewegte sich unentwegt, war explosiv in seinen Aktionen und überrumpelte damit seinen Widersacher. Dessen Nase barst, das Blut rann über die schockerstarrten Gesichtszüge – Knock-out in der 2. Runde. Es war Nietlispachs erster Schritt auf dem Weg zu einem weiteren K1-Weltmeistertitel, diesmal im Verband AFSO (All Fight System Organization, erstmals in der zweithöchsten Gewichtsklasse bis 95 Kilogramm.

Die Kampfsport­szene ist im Allgemeinen unübersichtlich, die Kickboxszene im Besonderen. Denn es gibt unterschiedliche Stile mit unterschiedlichen Regeln und für jede Ausrichtung mehrere Verbände mit eigenen Weltmeistern. «Manchmal wissen auch die Kämpfer nicht, dass ihr Gegner irgendwo Weltmeister ist», sagt Roberto Riccardi (26). Er muss es wissen: Er gewann 2007 einen WM-Titel, hörte aber später auf.

Nietlispach und er begannen gleichzeitig mit dem Sport. Heute unterstützt Riccardi seinen einstigen Trainingspartner als Handlanger, Betreuer, Vertrauter und Gemütsspiegel. «Janosch sagt, ich würde ihn beruhigen. Wir sind zwei völlig unterschiedliche Typen», erklärt der Steinhauser seine Rolle.

Was das heisst, zeigt sich schon früh an diesem Tag. Nietlispach ist aufgekratzt, was nicht erstaunen würde angesichts der sportlichen Ausgangslage. Aber ihn treibt anderes um: seine Aussenwirkung. Ein von ihm engagiertes Team filmt und fotografiert seine Kämpfe, und der Athlet selbst koordiniert per Handy aus der Garderobe heraus die Tele-1-Reporterin. «Janosch ist halt ein Schauspieler, er braucht das», sagt Asmir Burgic. Der Ex-Profi ist einer von Nietlispachs Trainern und dank seines Mundwerks selbst ein Unterhalter vor dem Herrn.

Gegen den zweiten Trainer des Chamers ist jeder in der Bossard-Arena anwesende Szeneangehörige ein kleines Licht: Der Holländer Remy Bonjasky gewann in seiner langen Karriere unter anderem dreimal den World Grand Prix im K1. Jener ist der wohl bekannteste Kickbox-Wettbewerb in der Schweiz: Andy Hug gewann ihn vor 20 Jahren und löste eine kurze K1-Euphorie hierzulande aus. Bonjaskys Stellenwert verdeutlicht die Tatsache, dass selbst der Chefkampfrichter ihn um ein Foto mit ihm bittet.

Renommee hin oder her: In der Garderobe sind alle gleich. Janosch Nietlis­pach und sein Team sind mit den Kämpferinnen und Kämpfern des Baarer Talos-Gym eingeteilt, dessen Inhaber Diego Baldelli die «Boss Art Championship» organisiert hat. Bis zu 20 mehrheitlich tätowierte Menschen teilen sich die überschaubaren Quadratmeter des Raums mit Boxhandschuhen, Springseilen, Bananen, Eisbeuteln, Taperollen oder Vaselinedöschen. Und mit Flaschen voller Thaiöl, dessen Geruch den Raum ausfüllt. Den beissenden Schwaden zum Trotz werden die Augen der Athleten gross und leer, wenn ein Einsatz bevorsteht oder – was an diesem Tag selten der Fall ist – eine Niederlage resultiert hat (siehe Box). Während die einen ihre wallnussgrosse Beule am Schienbein oder ihre Schwellung am Auge kühlen, wärmen sich die anderen für ihren Auftritt auf.

Männergespräche vor dem Kampf

Janosch Nietlispach fährt jeweils spät in den Konzentrationstunnel ein. Das sei Absicht, «das Fokussieren zehrt an der Energie». Da es sich um ein Turnier handelt, bei dem mehr als ein Kampf warten kann, muss er besonders haushälterisch umgehen mit seinen Kräften. «Lachen ist das Wichtigste zum Lockerbleiben», erklärt er den Gutteil seiner Kampfvorbereitung. Dank seines sich neckenden Trainerduos funktioniert das prächtig. Es geht um Fussballrivalitäten und Wetten. Und um die Frage, ob man die Heiratsabsichten des offenkundigen Herzensbrechers Bonjasky diesmal ernst nehmen kann. Die Grenze zur Zotigkeit ist fliessend, die Abgrenzung zum bevorstehenden Kampf ist strikt: Wenige Augenblicke später geht Nietlispach einen imaginären Kreis entlang – er ist in besagtem Tunnel.

Der Rituale sind wenige. Nach dem Eincremen des Gesichts mit Vaseline, um die Gefahr von Platzwunden zu mindern, macht sich Nietlispach die Haare zurecht. Bevor er die Kabine verlässt, küsst ihn sein Bruder Ramon auf die Stirn. So geschieht es auch kurz vor Mitternacht – der letzte Kampf des Tages steht auf dem Programm, der WM-Final. Zwei Schweizer Fahnen hängen zusammengeknüpft über Nietlispachs Schultern, als er den Ring betritt. Die hat ihm seine Mutter Stefanie gegeben, nebst klarer Anweisungen für den Kampf. Der Gegner dort ist Ali Dorri aus dem Iran, er ist der Titelhalter.

1200 Zuschauer peitschen den Lokalmatador nach vorn, aus den Reihen klingt es wie im Film: «Töte ihn!», «Reiss ihm wden Kopf ab!» Der Chamer ist wiederum aktiv, aber der Gegner ist vorsichtig und schwer zu treffen. Die ersten beiden Runden à 3 Minuten sind um. In der letzten ringen beide Kämpfer sichtlich um Konzentration. «Janosch! Janosch! Janosch!», sprechsingt das Publikum im Takt. Tatsächlich: Nietlispach hat noch einen Schlag in petto. Dieser trifft den Kopf des Iraners, der zu Boden geht. Er versucht wieder aufzustehen, doch die Beine knicken weg wie entzweibrechende Stelzen. Der Ringrichter streckt die Arme von sich – der Kampf ist zu Ende.

Eine durchwachte Nacht

20 Minuten später stakst ein halb nackter Mann barfuss durch die fast leere Arena, er weicht Popcornschachteln und halb vollen Nachotellern aus. Die Helfer, die die 600 um den Ring herum aufgestellten Stühle wegkarren, nehmen keine Notiz von ihm. Der Mann ist der AFSO-Weltmeister Janosch Nietlispach, dessen Beine während eines Interviews kalt und steif geworden sind.

Auf die wärmende Dusche folgt das ausgiebige Bad in der Menge. Der neue Gürtelträger empfängt den Stolz der Leute, der ihm so viel bedeutet. Erst um 4 Uhr geht sein letzter Kampf vermeintlich zu Ende: der gegen die Müdigkeit.

Doch Nietlispach wird auch diesen gewinnen.

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