Darts: Der ungeliebte Champion der Pfeile

Souverän wie selten ein Spieler zuvor krönt sich Michael van Gerwen zum dritten Mal zum Weltmeister. Doch die Zuneigung der Fans konnte er bisher nicht für sich gewinnen.

Tobias Schwyter (SID), London
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Hat wieder getroffen: Der Niederländer Michael van Gerwen. (Bild: Sean Dempsey/Keystone (London, 1. Januar 2019))

Hat wieder getroffen: Der Niederländer Michael van Gerwen. (Bild: Sean Dempsey/Keystone (London, 1. Januar 2019))

Um die Anerkennung seiner Mitmenschen musste Michael van Gerwen schon seit jeher kämpfen. In der Schule wurde der Niederländer gemobbt, weil er «zu dick war», wie er unlängst verriet. Also liess er die Fäuste sprechen, um sich auf dem Pausenhof Respekt zu verschaffen. Diese Zeiten sind lange vorbei, heute weiss der Darts-Dominator durch immensen sportlichen Erfolg zu überzeugen. Zum Liebling der Massen wurde er damit trotzdem nicht.

«Die Sid-Waddell-Trophy ist die wichtigste Trophäe des Jahres. Jeder weiss, dass sie mir die Welt bedeutet», sagte Van Gerwen mit Tränen in den Augen nach seinem souveränen 7:3 gegen den Engländer Michael Smith im WM-Final: «Es ist ein unglaubliches Gefühl. Dreimaliger Weltmeister – was will man mehr?»

Nur Phil Taylor war es zuvor gelungen, bei der Professional Darts Corporation (PDC) mindestens drei WM-Titel zu sammeln. Doch immer noch steht «Mighty Mike», der seit über fünf Jahren an der Spitze der Weltrangliste thront, im Schatten des Rekordweltmeisters (14 PDC-­Titel).

Immer wieder Gegenwind aus dem Publikum

Während die Fans an Darts-Turnieren weltweit die Legende Taylor auch ein Jahr nach deren Rücktritt noch vom «Taylor Wonderland» grölend vergöttern, spürt Van Gerwen immer wieder Gegenwind aus dem Publikum. So auch im WM-Final gegen den nervösen Final-Debütanten Smith. Jedes gewonnene Leg, jede gute Aufnahme des Aussenseiters feierten die bierseligen Fans frenetisch – die Würfe des Branchen-Primus begleiteten sie immer wieder mit Buhrufen. «Wen interessiert’s?», hatte der gelernte Fliesenleger Van Gerwen schon vor dem Spiel gesagt: «Manchmal macht es mich auch stärker, wenn das Publikum gegen mich ist.» Doch ab und an trifft es ihn auch. Etwa als ihm ein Fan vor seinem Auftaktspiel Bier ins Gesicht schüttete und Van Gerwen nach einem raschen Kleidungswechsel mit Tränen in den Augen zurückkehrte. Oder bei der Halbfinal-Niederlage im Vorjahr gegen den späteren Weltmeister Rob Cross, als ihn die Buhrufe im «Ally Pally» aus dem Konzept brachten.

Er schiesst verbal gerne mal übers Ziel hinaus

Diesmal nicht. Souverän und unangefochten wie zuvor nur Taylor zu seinen Glanzzeiten stürmte der 29-Jährige zu seinem dritten WM-Titel nach 2014 und 2017, lediglich acht Sätze gab er im gesamten Turnier ab. «Das sind immer noch zu viele», scherzte er bei Sport 1, gab aber auch wieder Einblick in sein übergrosses Selbstbewusstsein – mit dem er gerne mal über das Ziel hinausschiesst.

So konnte er sich auch nach dem Final einen kleinen Arroganz-Anfall nicht verkneifen. «Ich glaube, keiner kommt im Moment an mich ran. Ich habe keinem die Chance gegeben, mich zu schlagen», sagte Van Gerwen. Schon zuvor im Halbfinal habe er seinen Rivalen Gary Anderson «wirklich zerstört» – auch aufgrund solcher grossspuriger Aussagen ist «The Green Machine» bei den Fans nicht sonderlich beliebt.

Doch Van Gerwen ist das völlig egal. Trotz zuvor 19 Turniersiegen im Jahr 2018 hatte er herbe Kritik einstecken müssen, umso grösser war die Genug­tuung nach dem WM-Sieg. «Es gibt für mich nichts Grösseres als diesen Titel», sagte er, «ausser meine Familie.» Und zumindest deren Liebe kann sich Van Gerwen sicher sein.