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Die einmalige Gelegenheit für Karate-Kämpferin Elena Quirici

Karate erlebt 2020 in Tokio Premiere und Abschied zugleich. Die Schweizer Hoffnung Elena Quirici leidet mit.
Rainer Sommerhalder
Elena Quirici (rechts) im Kampf gegen die Japanerin Someya Kayo. (Bild: Stephen Caillet/Imago (Paris, 27. Januar 2019))

Elena Quirici (rechts) im Kampf gegen die Japanerin Someya Kayo. (Bild: Stephen Caillet/Imago (Paris, 27. Januar 2019))

Karate-Kämpferin Elena Quirici will nächsten Sommer in Tokio Sportgeschichte schreiben. Für die Aargauerin eröffnet sich die Chance, ihre Sportart bei der olympischen Premiere zu vertreten. Als amtierende Europameisterin darf sie sogar leise von einer Medaille träumen.

Derzeit befindet sich die 25-jährige Quirici auf der Mission, sich überhaupt für den erstmaligen Auftritt ihrer Disziplin im sportlichen Olymp zu qualifizieren. Alles andere als ein Selbstläufer, denn einerseits ist die Dichte an der Spitze gross, andererseits legt man für die Karate-Premiere in Tokio verschiedene Kategorien zusammen. Quirici, die in der Gewichtsklasse bis 68 Kilogramm antritt, muss sich in Japan auch mit den ganz schweren Girls ohne Gewichtslimite messen. Nur zehn Athletinnen dürfen in der für Olympia vereinten Kategorie an den Start.

In Paris gibt’s 2024 Breakdance statt Karate

Jüngst erhielten Quiricis Olympiaträume einen argen Dämpfer. Nicht etwa, weil es der Schinznacherin sportlich schlecht läuft. In den drei bisherigen Qualifikationsturnieren stand sie einmal zuoberst auf dem Podest und einmal im Final. Aber ein sportpolitischer Entscheid sorgt für gehörigen Frust. Die Organisatoren der Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris haben entschieden, welche Sportarten sie zusätzlich ins Programm aufnehmen. Im Rahmen der Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) dürfen die Veranstalter zusätzliche Sportarten ins Programm aufnehmen. Die Bedingung dafür ist, die vorgegebene Höchstzahl von 10 500 Teilnehmern nicht zu überschreiten.

Zwar setzt Paris weitgehend auf Kontinuität: Mit Skateboard, Surfen, und Sportklettern berücksichtigen die Franzosen drei der fünf Olympia-Premieren von ­Tokio erneut. Doch Baseball und Karate müssen zu Gunsten von Breakdance weichen. Dies ausgerechnet im Land, das nach Japan als bedeutendste Karate-Nation der Welt gilt: 167 WM-Medaillen gewannen französische Kämpfer bisher. Begründet wird der Entscheid mit der Philosophie, auf ein junges, urbanes Publikum ­setzen zu wollen. Dafür wählte man Sportarten mit Wettkämpfen ausserhalb konventioneller Arenen und mit starker Präsenz in ­sozialen Netzwerken.

Grosser Aufschrei in der Karate-Welt

Der Aufschrei in der Karate-Welt ist gross. «Wir werden nicht aufgeben», sagte Antonio Espinos, der Generalsekretär der Welt-­Karate-Föderation, trotzig. Auch Elena Quirici, die an diesem ­Wochenende in Spanien versuchen wird, ihren EM-Titel zu verteidigen, schüttelt den Kopf. «Als wir es im Trainingslager erfuhren, waren alle sehr gefrustet. Leid tun mir vor allem die jungen Sportler, für die Tokio noch zu früh kommt. Ihnen wurde der olympische Traum wieder weggenommen.» Für sie selber bedeutet das Wegfallen der Perspektive Paris 2024 eine neue Ausgangslage, wenn «ich nach Tokio über meine sportliche Zukunft entscheiden werde».

Was aber sagt man beim IOC zur Situation von Karate? Sportdirektor Kit McConnell weist darauf hin, dass die neue Möglichkeit der Austragungsorte, Sportarten zu benennen, in erster Linie eine grosse Chance für diese sei, Teil des olympischen Programms zu sein. «Es gibt noch viele Sportarten, die gerne dabei wären.»

Auch das IOC selbst hat Möglichkeiten, das olympische Programm zu ändern. So stand ­Ringen für Tokio 2020 auf der Kippe, und zuletzt gab es Diskussionen um Boxen (wegen des umstrittenen Präsidenten, ein Entscheid steht noch aus) und Gewichtheben (wegen der vielen Dopingfälle).

Los Angeles 2028 kommt für Quirici wohl zu spät

Zwei weitere Faktoren haben im Rahmen der Agenda 2020 für das IOC höchste Priorität. Dass man Synergien bei der Benützung von Wettkampfstätten schafft und dass die Geschlechter im gleichen Masse vertreten sind. In Paris werden erstmals in der olympischen Geschichte exakt die gleiche Anzahl Sportlerinnen wie Sportler teilnehmen.

McConnell will nicht ausschliessen, dass Karate 2028 in Los Angeles zurück ins Programm rückt. Durch die Doppelvergabe der beiden Sommerspiele 2024 und 2028 hat das IOC bei der Festsetzung des Programms so viel Vorlaufzeit wie noch nie. Bereits 2021 will man dieses festlegen. Dannzumal mit den Erfahrungen von Tokio.

Für die Athletin Elena Quirici wird Los Angeles kaum mehr ein Thema sein. Ihr olympischer Traum ist auf Japan ausgerichtet. Dafür ordnet die 25-Jährige alles unter. Erst am 15. März beendete sie die Spitzensport-Rekrutenschule. Ihren 40-Prozent-Job als kaufmännische Angestellte hat sie gekündigt, um in den nächsten Monaten als Profisportlerin optimale Bedingungen für ihr grosses Ziel zu schaffen.

Ironie des Schicksals: Die ­allerletzte Gelegenheit, sich für Tokio zu qualifizieren, bietet sich Quirici im April 2020 … in Paris.

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