«Die EM wird zur Feuerwehrübung»: Der Luzerner Handballer Nicolas Raemy reist mit lädiertem Fuss nach Schweden

Die Schweiz fliegt morgen an die Handball-EM nach Göteborg. Zwei Zentralschweizer wurden gerade rechtzeitig fit: Nicolas Raemy und Lukas von Deschwanden.

Stephan Santschi aus Winterthur
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Handball-Nationalspieler aus Buchrain: Nicolas Raemy.

Handball-Nationalspieler aus Buchrain: Nicolas Raemy.

Christian Merz/Keystone (Schaffhausen, 14. April 2019)

Eine halbe Stunde ist seit dem Schlusspfiff vergangen, noch immer stehen die Schweizer Nationalspieler am Sonntagabend auf dem Platz in der Winterthurer Axa-Arena. Sie geben Interviews, schreiben Autogramme, sprechen mit Angehörigen. Darunter auch Nicolas Raemy, der 27-jährige Luzerner aus Buchrain. «Früher war ich mehr gefragt. Heute stürzen sich die meisten auf unsere Bundesligaspieler», sagt er schmunzelnd. Zu tun hat er trotzdem reichlich, seine Unterschrift ist bei den Kids gefragt. Raemy lächelt, macht einen zufriedenen Eindruck. Gerade hat die Schweiz auch die Niederlande bezwungen und erstmals seit 2017 wieder den Yellow Cup gewonnen.

Wenn die Schweizer morgen Nachmittag via München nach Göteborg an die Europameisterschaft fliegen, wird Raemy im 17-Mann-Kader stehen. Das ist nicht selbstverständlich. Weil der Mittelfussknochen im rechten Fuss gleich zweimal brach, hat der Linkshänder in dieser Saison noch keine Minute für Wacker Thun gespielt. Intensiv bereitete er sich in Magglingen auf das Comeback vor. Noch sei die Verletzung nicht ausgeheilt, dank einer Karboneinlage habe der lädierte Fuss aber Stabilität. «Es ist unangenehm, ich bevorzuge weichere Schuhe. Die EM wird für mich zu einer Feuerwehrübung», erklärt Raemy. Doch Hauptsache, er ist dabei, wenn sich die Schweiz erstmals seit 14 Jahren wieder im Konzert der Grossen zeigen kann.

Von Deschwanden erlitt Bänderriss im Fuss

Der Urner Lukas von Deschwanden.

Der Urner Lukas von Deschwanden.

Ennio Leanza/Keystone (Winterthur, 5. Januar 2020)

Ein anderer Zentralschweizer, der um die EM bangte, ist Lukas von Deschwanden. Der 30-jährige Urner aus Altdorf erlitt Ende Oktober einen zweifachen Bänderriss im linken Fuss, hat seither für seinen französischen Klub Chambéry Savoie nicht mehr gespielt. «Wichtig war für mich, dass ich trainieren konnte. Ich wollte kein Risiko eingehen», erklärt der Rückraumspieler. Sein Klub, letztes Jahr Meisterschaftsdritter und Cupsieger, kam bisher nicht auf Touren. Nach der Vorrunde stehen die Savoyer nur auf Platz neun, zudem haben sie die Gruppenphase des EHF-Cups verpasst.

Im letzten Sommer hatte er den Bundesligisten Stuttgart nach nur einem Jahr verlassen, um nach Frankreich zu wechseln – in jene Liga, in die er schon immer wollte. So lange von Deschwanden spielte, machte er es ordentlich. Seine Rolle veränderte sich, vom torgefährlichen Spielmacher mutierte er zum Organisator der Angriffe mit wenigen eigenen Torwürfen. Zeitweise spielte er mangels Linkshänder auch im rechten Aufbau.

Nicolas Raemy setzt im Angriff wichtige Akzente

Die Vielseitigkeit von Lukas von Deschwanden macht sich auch der Schweizer Nationaltrainer Michael Suter zu Nutze. In den drei Spielen am Yellow Cup gegen die Ukraine, Tunesien und die Niederlande wurde der Urner jeweils eingewechselt. In der Abwehr erhöhte er mit seiner offensiven Deckungsweise die taktische Variabilität und im Angriff kam er neben seiner angestammten Position als Spielmacher auch als linker Flügel zum Einsatz.

Nicolas Raemy spielte derweil dort, wo er schon immer hingehörte – im rechten Rückraum. Trotz fehlender Spielpraxis gefiel er in den letzten Testspielen als ballsicherer, geschmeidiger Angreifer und erzielte fünf Tore. Den Stammplatz, den er sich in der Qualifikation erarbeitet hatte, verlor er zwar an den formstarken Dimitrij Küttel. Doch als dessen Backup ist er für die EM bereit.

Definitiv dabei sind aus Zentralschweizer Sicht auch der Stadtluzerner Spielmacher Andy Schmid, der sich am Yellow Cup mit einer Verhärtung im Oberschenkel herumgeschlagen hatte, sowie der Megger Nik Tominec, der als zweiter Mann am rechten Flügel und in Überzahlsituationen auch im rechten Aufbau zum Einsatz kam.

Bleibt die Frage nach der Zielsetzung der Schweizer, die an der EM in der Gruppe F mit Gastgeber Schweden, Polen und Slowenien Aussenseiter sind. «Das Eröffnungsspiel am Freitag gegen Schweden vor 12 000 Zuschauern spielen zu können, ist schön», sagt Raemy. «Eine Runde weiterkommen aber, ist schöner. Das ist unser Ziel!»