Die erschreckende Wahrheit der Magglingen-Protokolle: Wie Spitzenturnerinnen gedemütigt werden

In den Magglingen-Protokollen schildern ehemalige Spitzenturnerinnen, wie sie gedemütigt wurden. Auch der aktuelle Nationaltrainer Fabien Martin wird beschuldigt.

Raphael Gutzwiller
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Ariella Kaeslin ist eine von acht Athletinnen, die ihre schrecklichen Erlebnisse schildert.

Ariella Kaeslin ist eine von acht Athletinnen, die ihre schrecklichen Erlebnisse schildert.

Bild: Imago

«Magglingen verändert dich. Ich hatte keine Gefühle mehr. Ich habe vom Kopf an abwärts nichts mehr gespürt. Ich musste wieder lernen, zu verstehen, dass ich Hunger habe. Oder dass ich aufhören muss, wenn etwas wehtut.» Lisa Rusconi erinnert sich mit Schrecken an ihre Zeit im nationalen Leistungszentrum in Magglingen. Wie schlimm das Klima beim Schweizerischen Turnverband (STV) ist, zeigen die «Magglingen Protokolle» im «Magazin». Darin berichten acht ehemalige Spitzenturnerinnen der Disziplinen Kunstturnen und rhythmische Gymnastik von schweren Verfehlungen, physischen und verbalen Übergriffen. Von Angstmacherei, Depressionen und Essstörungen.

Dass beim STV in Sachen Umgang mit Athletinnen einiges im Argen liegt, wurde im Dezember 2019 zum ersten Mal in dieser Zeitung thematisiert. Auch im Fall einer mutmasslich sexuell missbrauchten Kunstturnerin am Regionalen Leistungszentrum Ostschweiz macht der STV seit Mitte 2019 keine gute Figur, wie Recherchen von CH Media zeigen. In diesem Sommer äusserten sich ehemalige Athletinnen im «Blick», im «Le Temps», in der «NZZ am Sonntag» und im Westschweizer Fernsehen RTS. Im «Magazin» schildern die Athletinnen nun, wie sie gedemütigt wurden.

Turnerinnen müssen Kinder bleiben

Bei der Thematik handelt es sich auch um ein systematisches Problem. Kunstturnen und rhythmische Gymnastik sind Kindersportarten. Anders als in den meisten Sportarten sind die Athletinnen nicht dann am leistungsfähigsten, wenn sie erwachsen sind. Sie sind dann am beweglichsten, wenn ihr Körper dem eines Mädchens ähnelt. Überehrgeizige Trainer drängen Athletinnen zum Hungern, damit sich der Körper in der Pubertät nicht verändert. Die Athletinnen essen am Abend ein halbes Joghurt, am Mittag ein paar Blätter Salat. Lisa Rusconi erzählt: «Es kam vor, dass ich im Training ohnmächtig wurde. Ich fiel zusammen, kippte um. Wir durften selten etwas trinken während des Trainings. Abends kam ich mit weissen, ausgetrockneten Lippen zur Gastfamilie.»

Der Verlust des Selbstwertgefühls

Für Erfolge im Spitzensport müssen Athleten immer viel unterordnen. Im Fall der Turnerinnen aber wurde dies übertrieben. Marine Périchon erzählt: «Im Trainingslager wusste ich nicht mehr, ob es Tag oder Nacht ist, solange behielt man uns in der Halle. Mit der Zeit verlor ich die Verbindung zu meinem Körper. Ich spürte ihn nicht mehr, spürte mich nicht. Ich wurde ein Roboter, der keinen Schmerz empfand. Wir durften nichts essen, nichts trinken. Als ich vor Erschöpfung zusammenklappte, zeigte Vesela (Vesela Dimitrova, bis 2013 Nationaltrainerin in der rhythmischen Gymnastik) auf einen leeren Plastiksack: ‹Schau, Marine, das bist du. Du bist nichts.› Ich glaubte ihr. Ich war schon so kaputt, dass ich dachte: Ja, sie hat recht. Das bin ich. Ich bin ein Nichts. Dann riss sie den Sack in zwei Teile.»

Aktuelle Vorwürfe gegen Nationaltrainer Fabien Martin

Nicht nur in der Vergangenheit scheinen die ungemeinen Umgangsformen im Magglingen Realität gewesen zu sein, auch über aktuelle Entscheidungsträger werden Vorwürfe erhoben. Lynn Genhart und Fabienne Studer kritisieren den aktuellen Kunstturnnationaltrainer Fabien Martin, dessen Vertrag vom STV vor kurzem bis 2024 verlängert wurde. Laut Studer habe Martin ihr von Anfang an mit dem Rausschmiss gedroht. Dies sei Teil der Angstkultur, die in Magglingen herrsche. Und Genhart sagte: «Fabien hatte verschiedene Strategien, uns fertigzumachen.» Eine davon seien Kommentare zum Essverhalten und zum Körpergewicht gewesen.

Wird stark kritisiert: Fabien Martin.

Wird stark kritisiert: Fabien Martin.

Bild: Keystone

Im Sommer hat der STV aufgrund des öffentlichen Drucks die Gymnastik-Nationaltrainerin Iliana Dineva entlassen. Zudem wurde der Spitzensportchef Felix Stingelin bis auf weiteres suspendiert. Der Verband ordnete eine externe Untersuchung an. Öffentlich dazu Stellung nimmt er derweil nicht. Swiss Olympic und das Bundesamt für Sport schieben die Verantwortung an den STV ab.

Verändert sich etwas?

Die Frage, ob sich dauerhaft etwas verändert, bleibt berechtigt. In den vergangen zwei Jahrzehnten entliess der STV viermal Trainerinnen oder Trainer. 2002 Olga Bullert, Nationaltrainerin in der Rhythmsichen Gymnastik, 2007 Eric Demay, Nationaltrainer im Frauenkunstturnen, 2013 Heike Netzschitz und Vesela Dimitrova, Nationaltrainerinnen in der Rhythmischen Gymnastik und 2020 schliesslich Iliana Dineva und Aneliya Stancheva, Nationaltrainnerinnen in der Rhytmischen Gymnastik. Verändert hat sich durch die vielen Entlassungen nichts.

Was muss nun geschehen, dass sich etwas tut? Mit dieser Frage muss sich der STV spätestens nach diesem nächsten öffentlichen Aufschrei ausführlich und grundlegend befassen.

Die Athletinnen litten nach den Misshandlungen unter Angst- und Essstörungen, an Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Ariella Kaeslin sagt: «Als Turnerin denkst du: Wenn ich mir das Leben nehme, dann ist nicht nur alles endlich vorbei, du denkst auch: So kann ich dem Trainer eins auswischen.»

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