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Interview

Die erste Bilanz von FCB-Sportdirektor Ruedi Zbinden: «Die können wir uns schon leisten»

Neo-Sportdirektor Ruedi Zbinden erklärt die Leih-Transfers, wie man stressfrei als Sportdirektor arbeitet und wie der FC Basel in Zukunft erfolgreich sein soll.
Jakob Weber

Nehmen Sie eigentlich jeden Anruf auf Ihrem Handy entgegen?

Ruedi Zbinden: Ja, auch wenn ich die Nummer nicht kenne. Nur wenn ein Anruf unterdrückt ist oder wenn ich gerade in einer Sitzung bin, nehme ich nicht ab. Einmal habe ich sogar die Anrufe gezählt. In den letzten Wochen waren es schon so zwischen 50 und 100. Dazu kommen unzählige SMS, Whats-App-Nachrichten und E-Mails über Spieler. Eine Riesenmenge.

Wie oft legen Sie schnell wieder auf und sagen: «Nein Danke»?

Ich höre mir alles an. Viele Spieler kenne ich bereits. Da kann ich oft direkt sagen, dass das nicht unserer Vorstellung entspricht. Bei unbekannten Spielern nehme ich die Informationen auf, schaue mir den Spieler später kurz im Video an und melde mich dann zurück.

Was war das kurioseste Angebot, das Sie in den letzten Wochen bekommen haben?

Kuriose Angebote gab es eigentlich nicht. Aber es gibt immer wieder Spieler, die angeblich günstig zu haben sind. Wenn man dann nach dem Lohn fragt, kann ich nur sagen: Ja gut, Danke für den Anruf. (lacht.) Die haben manchmal Vorstellungen, die bei uns in der Schweiz gar nicht machbar sind. Zumeist sind das auch oft ältere Spieler. Eigentlich wollen wir lieber auf jüngere Spieler mit Potenzial setzen.

Wurde Seydou Doumbia dem FCB angeboten?

In diesem Transferfenster nicht, nein.

Ex-FCB-Stürmer Seydou Doumbia wechselte im Sommer zum FC Sion. Quelle:Twitter

Ex-FCB-Stürmer Seydou Doumbia wechselte im Sommer zum FC Sion. Quelle:Twitter

Wie lautet Ihr Fazit nach Ablauf der Transferperiode?

Es war ja lange ruhig. Das fand ich gut, denn so konnten wir mit einem eingespielten Team gut in die Meisterschaft starten. Doch dann kam das Angebot für Albian Ajeti und die Aneurysma-Diagnose von Ricky van Wolfswinkel. Da war klar, wir müssen etwas machen. Auch wenn der ins kalte Wasser geworfene Kemal Ademi das bisher sehr gut gemacht hat.

Wie kamen Sie auf den neuen Stürmer Arthur Cabral?

Ich habe eine Liste mit Spielern, die wir beobachten und die für uns infrage kommen könnten. Da war Cabral ganz oben. Der Spieler hatte Angebote aus Brasilien, Portugal und Saudi Arabien. Sein Klub Palmeiras wollte ihn gerne ins Ausland transferieren. Ich habe seinen Agenten und ihn dann eingeladen, nach Basel zu kommen. Als sie das Gesamtpaket gesehen haben, waren sie überzeugt, dass das der richtige Ort für Cabral ist. Solche Spieler kannst du aber normalerweise nicht ausleihen.

Warum nicht?

Normalerweise wollen die Vereine solche Spieler verkaufen, mit einer Beteiligung am Weiterverkauf. Ich habe aber auf eine Leihe gepocht. Das ist für uns wie auch für den Spieler besser: So hat man ein Jahr Zeit, sich gegenseitig kennenzulernen.

Ruedi Zbinden (Bild: bz)

Ruedi Zbinden (Bild: bz)

Die Karriere des 60-jährigen Ruedi Zbinden beim FC Basel begann 1982 als Spieler. Der damals 23-jährige Stürmer wechselte vom FC Nordstern zu Rotblau, wo er dreieinhalb Jahre in der ersten Mannschaft spielte. Nach Stationen bei Grenchen, Wettingen und Bellinzona kehrte er 1989 zurück und spielte weitere vier Jahre für den FCB.

Von 1996 bis 1999 war Zbinden Nachwuchs-Trainer beim FCB. Ab 1999 assistierte er zwei Jahre FCB-Chefcoach Christian Gross und übernahm schon damals die Aufgaben eines Sportdirektors, nur ohne diesen Titel. Danach begann Zbinden den Scouting-Bereich des FCB auf- und auszubauen. Im Juni 2019 übernahm er das Amt des zurückgetretenen Marco Streller als Sportdirektor.

Sind diese Leihtransfers Ihr persönlicher Stil oder Notwendigkeit in der aktuellen Zeit für den FCB?

Es ist enorm schwierig geworden, Spieler mit Potenzial für einen bezahlbaren Preis von wenigen Millionen zu kaufen. Jeder normale Spieler kostet heute schon fünf Millionen. Das ist wahnsinnig. Wenn du so einen dann aus dem Ausland holst, hast du immer ein Risiko. Deshalb sind Leihen mit Kaufoption sehr interessant.

Aus Brasilien ist zu hören, dass der FCB Kaufverpflichtungen hat, wenn Ramires oder Cabral 23 Spiele für Basel machen. Richtig?

In solchen Verträgen steht viel drin. Über konkrete Vertragsinhalte geben wir keine Auskunft. Ich kann aber sagen, dass auch Leihen nicht billig sind, vor allem wenn es sich um U-Nationalspieler aus Brasilien handelt. Darum ist es gut, wenn man eine Option im Vertrag hat.

Was sind die Fixkosten für die drei Leihen von Emil Bergström, Ramires und Cabral?

Über Kosten kann ich ebenfalls keine Auskunft geben. Nur so viel: Es waren schwierige Verhandlungen. Die Brasilianer nehmen so viele Dinge in Verträge, weil es eine gewisse Angst gibt, dass das Gegenüber nicht zahlt.

Glauben Sie, dass einer der drei länger als ein Jahr in Basel bleibt?

Ich hoffe natürlich alle drei. Bergström ist eine Persönlichkeit. Das ist ein Typ, der uns viel bringt. Ich wollte übrigens unbedingt zwei Brasilianer. So können sie sich gegenseitig die Eingewöhnung erleichtern. Einer alleine hat es immer schwer. Ramires kommt aus Bahia, da ist es immer heiss. Der wird im Winter schlottern, das ist nicht einfach. Zusammen können sie uns schneller helfen.

Wenn die Leihen einschlagen, muss der FCB tief in die Tasche greifen. Die Kaufoption bei Cabral soll 11 Millionen betragen, bei Ramires 7 Millionen.

Also diese Zahlen sind schon etwas hoch (lacht.) Die Optionen sind ok. Die können wir uns schon leisten. Deswegen hoffen wir, dass alle drei einschlagen.

Ruedi Zbinden: «Spieler mit Potenzial, die aber nicht mitziehen, bringen nichts.» (Bild: Freshfocus)

Ruedi Zbinden: «Spieler mit Potenzial, die aber nicht mitziehen, bringen nichts.» (Bild: Freshfocus)

Wie überzeugen Sie einen jungen Brasilianer, in die Schweiz zu kommen?

Ich habe einen Scout vor Ort, der in Porto Alegre wohnt. Er hat den Markt im Griff und nimmt Kontakt auf. Dabei ist es wichtig, dass man den richtigen Agenten kontaktiert. Denn oft haben diese Spieler mehrere Mittelsmänner. Die treiben dann den Preis in die Höhe. Hier war es aber bei beiden nur eine Kontaktperson.

Läuft auch die Verhandlung mit dem Verein über diesen Agent?

Nein. Bei Cabral habe ich Ze Roberto angerufen. Der ehemalige Bayern-Spieler ist jetzt Sportchef von Palmeiras. Er ist ein ganz guter Typ, kann sehr gut deutsch. Bei Bahia kamen der Präsident und der Sportdirektor selber nach Basel. Da konnten wir die Verträge direkt unterschreiben.

Wie hilfreich ist eine Kontaktperson wie Ze Roberto?

Sehr. Er konnte mit dem Spieler reden, weiss was es in Europa braucht und konnte auch mir sagen, ob er Cabral beim FCB sieht. Viele sehen nur, dass er bei Palmeiras nie gespielt hat. Aber Palmeiras ist ein Riesenklub. Die haben einen Wahnsinnskader mit 40 bis 50 Spielern unter Vertrag. Der Druck ist gross, junge Spieler bekommen kaum eine Chance. Das hat mir auch Ze Roberto bestätigt und mir gesagt: «Nehm Cabral, wenn es irgendwie geht. Der ist wirklich sehr interessant. Auch vom Typ her.»

Ze Roberto trinkt privat offenbar gerne Cocktails. Dieses Bild postete der ehemalige Bayern-Spieler und heutige Sportchef von Palmeiras auf Twitter. Sein Gegenüber ist in diesem Fall nicht Ruedi Zbinden. Der wird in Fankreisen wegen seiner guten Kontakte nach Südamerika aber immer wieder Caipi Ruedi genannt. (Bild: Twitter)

Ze Roberto trinkt privat offenbar gerne Cocktails. Dieses Bild postete der ehemalige Bayern-Spieler und heutige Sportchef von Palmeiras auf Twitter. Sein Gegenüber ist in diesem Fall nicht Ruedi Zbinden. Der wird in Fankreisen wegen seiner guten Kontakte nach Südamerika aber immer wieder Caipi Ruedi genannt. (Bild: Twitter)

Kennen Sie Ihren Spitznamen Caipi Ruedi?

Den habe ich auch schon gehört. Ich weiss nicht, woher der kommt. (lacht.) Mit so Sachen habe ich kein Problem.

Ist die geplante Partnerschaft mit San Lorenzo auch über Ihre Kontakte zustande gekommen?

Ich war beim ersten Gespräch mit dem Präsidenten dabei. Ich kenne diesen tollen Klub schon lange und habe schon ein paar Mal wegen Spielern angeklopft. Leandro Romagnoli wollte ich früher unbedingt. Der ist jetzt Sportchef dort. Das kann eine gute Zusammenarbeit geben. Aber wir müssen auch bedenken, dass die meisten Südamerikaner Nicht-EU-Spieler sind. Die kannst du erst ab 18 holen. Dazu müssen sie eine Anzahl Spiele gemacht haben und U-Nationalspieler sein. Sonst kriegen sie in der Schweiz keine Arbeitsbewilligung.

Ist die Leihpolitik ein Abwenden vom Konzept «Für immer Rot-Blau»?

Klar hat man gesagt, wir setzten auf eigene Junge und das machen wir auch. Samuele Campo, Raoul Petretta, Noah Okafor, Eray Cömert: Die Liste der Eigengewächse in der ersten Mannschaft ist lang. Wenn wir aber auf gewissen Positionen keine eigenen haben, sucht man in der Schweiz oder dann im Ausland.

Das heisst, dass die Eigenen für diese vakanten Positionen noch nicht soweit sind und der FCB in der Schweiz nicht fündig wurde.

Das ist richtig. Ja.

Warum hat der FCB die Jungen wie Tician Tushi oder Yves Kaiser nicht ausgeliehen?

Bei einer Leihe muss alles passen. Die Jungen kann man aber unabhängig vom Transferfenster das ganze Jahr über ausleihen.

Ist die Mannschaft, so wie sie jetzt da steht, besser als dort, wo Sie übernommen haben?

Das werden wir sehen. Ich hoffe es natürlich. Aber ich denke, wir haben eine gute Mischung. Für mich ist entscheidend, dass wir alle am gleichen Strick ziehen. Das haben wir im Rückspiel gegen Eindhoven gezeigt. . Da waren Spieler, Staff und Zuschauer eine Einheit. So muss es sein. Spieler mit Potenzial, die da nicht mitziehen, bringen nichts.

Sind Sie und Trainer Marcel Koller auch eine Einheit?

Ja, wir sind praktisch jeden Tag im Gespräch. Das ist wichtig. Ich bin vor dem Training meist kurz in der Kabine. Ich unterstütze ihn voll und muss sagen, dass das Trainerteam gut mit den Spielern arbeitet.

Sprechen täglich miteinander: Marcel Koller und Ruedi Zbinden. (Bild: Freshfocus)

Sprechen täglich miteinander: Marcel Koller und Ruedi Zbinden. (Bild: Freshfocus)

Wie oft sehen Sie Präsident Bernhard Burgener?

Der Austausch ist weniger stark. Wir telefonieren wöchentlich und ich besuche ihn auch ab und zu in Pratteln in seinem Büro.

Bernhard Burgener und Ruedi Zbinden am Spielfeldrand im Trainingslager am Tegernsee. (Bild: Freshfocus)

Bernhard Burgener und Ruedi Zbinden am Spielfeldrand im Trainingslager am Tegernsee. (Bild: Freshfocus)

Gibt es die Transferkommission noch?

Ja. Aber da sind nur noch der Präsident, der Trainer, Roland Heri und ich drin. Ich habe schon vor einem Jahr gesagt: Kleine Gruppen sind schneller und dynamischer.

Was ist der Unterschied als Sportchef heute im Vergleich zum Jahr 1999?

Es ist recht ähnlich. Aber jetzt habe ich einen bis zwei Mitarbeiter und Anwälte für die vertraglichen Details. Früher war ich fast alleine. Mit Spielbeobachtungen der Gegner und Scouting war das war eine Riesenbelastung. Dank meinem Team und den Anwälten habe ich jetzt keinen Stress gehabt.

Zu Zeiten von Präsidentin Gigi Oeri übernahm Ruedi Zbinden bereits die Aufgaben eines Sportchefs. (Bild: Freshfocus)

Zu Zeiten von Präsidentin Gigi Oeri übernahm Ruedi Zbinden bereits die Aufgaben eines Sportchefs. (Bild: Freshfocus)

Sie hatten keinen Stress?

Am Schluss haben wir noch die Transfers gemacht, aber alles, ohne nervös zu werden. Ich habe gut geschlafen. Da stecke ich auch die kleinen Auseinandersetzungen mit den Brasilianern gut weg. Wir haben ab und zu kurz gestritten, aber dann auch wieder gelacht. Aber ich habe immer gespürt, dass die auch wollen, dass der Spieler nach Basel kommt. Deswegen blieb ich auch ruhig. Kein Stress.

Also sind Sie froh, dass Sie sich überreden liessen, FCB-Sportdirektor zu werden?

Zu Beginn hatte ich die Belastung von früher im Kopf und war skeptisch, wollte absagen. Doch die Leute in der Stadt und viele meiner Kollegen sagten dann: «Das ist wichtig für den Verein, das musst du machen.» Dann sind wir im Prinzip einfach zusammengesessen und haben mit der Arbeit begonnen. Damals fragte ich mich noch, mach ich's oder mach ich's nicht. Aber dann haben wir über den Kader gesprochen und ab diesem Punkt war klar, dass ich den Job mache. Heute kann ich sagen: Ich mache den Job gerne, es war die richtige Entscheidung.

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