Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Die Frau aus London im Steilhang: Weshalb FIS-Generalsekretärin Sarah Lewis Sitzungen gerne auf dem Sessellift abhält

Kritiker sagen, die FIS verpasse die Zukunft, weil sie zu träge sei. Generalsekretärin Sarah Lewis wiegelt ab - und setzt auf E-Sport und chinesische Hilfe. Wird die Britin die erste Frau an der Spitze des mächtigsten Wintersportverbandes der Welt?
Jürg Ackermann
Macht Sitzungen gerne auf dem Sessellift: FIS-Generalsekretärin Sarah Lewis. (Bild: Ralph Ribi)

Macht Sitzungen gerne auf dem Sessellift: FIS-Generalsekretärin Sarah Lewis. (Bild: Ralph Ribi)

Wer in England aufwächst, hat die Skipisten nicht vor der Haustüre. Wäre da nicht die skibegeisterte Mutter gewesen, die darauf drängte, die Ferien in Davos zu verbringen, Sarah Lewis’ Leben wäre wohl ganz anders verlaufen.

Niemand konnte damals ahnen, wie sehr die erste Begegnung mit dem Wintersport auf der Parsenn das spätere Leben des damals sechsjährigen Mädchens prägen würde. Denn fortan wollte Sarah Lewis vor allem eins: Zurück in den Schnee, auf die Pisten, zwischen die Slalomstangen. Sobald die ersten Vorboten des Herbsts kamen, träumte sie in London davon, wie es sein würde, einen Steilhang hinunter zu wedeln.

Sie macht Sitzungen gerne auf dem Sessellift

Steile Pisten schrecken sie auch heute nicht ab. Lewis, seit 20 Jahren Generalsekretärin des Weltskiverbands FIS, gilt als Perfektionistin, die fast rund um die Uhr für ihren Job lebt. Im Umgang ist sie sehr direkt. FIS-Präsident Gian-Franco Kasper hievte sie damals ins Amt, weil er davon überzeugt war, dass sie auch mal ihre Ellbogen ausfahren könne, um sich durchzusetzen.

Sitzungen hält die 54-jährige Britin gerne auch auf Sesselliften ab. «Das ist effizient, weil die Zeit beschränkt ist. Und damit sorge ich dafür, dass ich auch während einer Stressphase, wenn alle Weltcupevents laufen, zum Skifahren komme», sagt sie.

Sport ist ihr Leben und ihre Rolle bei der FIS für sie auch ein Lebensstil. Druck hielt sie schon als Athletin auf Trab. Und Druck gibt es auch jetzt wieder.

Denn die Kritiker, die der FIS vorwerfen, sie verpasse die Zukunft, sind in letzter Zeit lauter geworden: Fehlendes unternehmerisches Denken, zu wenig Innovation, Reformstau, der fortschreitende Klimawandel, der den Wintersport an vielen Orten auf der Welt in den Grundfesten erschüttern könnte. Und ein Graben zwischen den wenigen Verbänden wie der Schweiz, Österreich, den USA oder Norwegen, die den Schneesport dominieren, und den vielen Ländern wie Eritrea, Kamerun oder El Salvador, die ebenfalls der FIS angehören, aber im Langlauf, Skifahren oder Skispringen nicht einmal eine Nebenrolle spielen.

E-Sport soll Junge für den Wintersport begeistern

Natürlich mache sie sich Gedanken zur Zukunft, sagt Lewis. Die Frage, die sie vor allem umtreibt: Wie kann die FIS die Relevanz des Skifahrens auch in Zukunft sichern? In den 1980er-Jahren gehörten die Übertragungen von Skirennen in den Alpenländern zu den spektakulärsten Ereignissen, die man gesehen haben musste, um mitreden zu können.

Trotz Stars wie Mikaela Shiffrin kämpft die FIS mit einem «Altersproblem»: Bei Skirennen sind fast die Hälfte der TV-Zuschauer über 60 Jahre alt.

Trotz Stars wie Mikaela Shiffrin kämpft die FIS mit einem «Altersproblem»: Bei Skirennen sind fast die Hälfte der TV-Zuschauer über 60 Jahre alt.

Doch die Konkurrenz durch andere Sportarten oder Freizeitangebote hat sich seither vervielfacht. Die Zahl der Skifahrer in den traditionellen Wintersportländern geht zurück. Fast die Hälfte aller Fernsehzuschauer von Skirennen sind über 60 Jahre alt. Daher ist es nicht sehr überraschend, wenn die FIS jetzt neue und vor allem jüngere Zielgruppen ansprechen will. Über E-Sport und mobile Games auf dem Handy. Am 9. Januar 2020 soll es losgehen. Dann wird das erste von der FIS mitorganisierte virtuelle Skirennen von E-Sportlern stattfinden. Lewis sagt:

«Auch wenn nur ein Prozent der E-Sportler nachher den Sport im richtigen Schnee ausüben, haben wir schon viel gewonnen»

Ihre zweite Zukunftshoffnung neben dem E-Sport: China. Die Regierung unter Xi Jinping will in den nächsten Jahren 300 Millionen Menschen für den Wintersport begeistern – auch dank den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking. «Natürlich wird uns das helfen. Heute gehen wir von weltweit rund 150 Millionen Schneesportlern aus. Da sehen Sie die Dimensionen. China ist eine enorme Bühne, auf der wir wachsen können», sagt Lewis, deren Verdienst es auch war, dass die FIS als einer der ersten internationalen Sportverbände einen UNO-Aktionsplan zugunsten des Klimas unterschrieb. «Es ist wichtig, dass der Sport hier ein Signal aussendet und konkrete Massnahmen unternimmt», sagt Lewis. Sie sei überzeugt, dass «wir dank des technischen Fortschritts Lösungen finden, gerade bei einer viel ökologischeren Produktion von Kunstschnee».

In China schiessen Skihallen und neue Skigebiete wie Pilze aus dem Boden. (Bild: EPA)

In China schiessen Skihallen und neue Skigebiete wie Pilze aus dem Boden. (Bild: EPA)

Die Perspektiven des Wintersports ist das eine, ihre eigene Zukunft das andere. Bereits kurz nach ihrem Amtsantritt 1998 wurde Lewis in Interviews gefragt, ob sie Ambitionen habe, dereinst Nachfolgerin von Gian-Franco Kasper zu werden. Niemand rechnete damals damit, dass der umstrittene Bündner noch mindestens 20 Jahre im Amt sein würde.

Schon bald könnte diese Frage jedoch sehr konkret werden. Insider sagen, die Anzeichen, dass Kasper bereits beim nächsten FIS-Kongress im Mai 2020 in Pattaya zurücktritt, hätten sich verdichtet. Die erste Frau, eine Britin an der Spitze des mächtigsten Wintersportverbandes der Welt? «Es muss die richtige Person gewählt werden – unabhängig vom Geschlecht Klar kann das eine Frau sein», sagte Lewis letzte Woche im Gespräch gegenüber unserer Zeitung beim Impulse Summit in Rorschach, eines von HSG-Studenten organisierten internationalen Sportgipfels, der Manager, Athleten und Marketingleute zusammenbrachte.

Frauen haben in Sportverbänden wenig zu sagen

Aller Emanzipation zum Trotz. Lewis ist als Frau in einer Spitzenposition bei den Verbänden weiterhin eine Exotin. Während Athletinnen mittlerweile in vielen Sportarten ähnlich viel Geld verdienen wie ihre männlichen Kollegen, bleibt die Funktionärswelt männlich dominiert.

Gemäss neuesten Studien beträgt der Frauenanteil in den Entscheidungsgremien der Sportverbände gerade einmal 15 Prozent. Als Lewis vor 20 Jahren FIS-Generalsekretärin wurde, gab es im 17-köpfigen FIS-Gremium keine einzige Frau. Spätestens ab dem FIS-Kongress 2020 wird die Situation mit drei Vertreterinnen ein bisschen besser. «Wir arbeiten bei der FIS mit Hochdruck daran, das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern auf allen Ebenen zu verbessern."

«Der Sport ist ein Abbild der Gesellschaft, wo immer noch viel mehr Männer als Frauen Karriere machen»

Lewis sagt das nicht in anklagendem Ton. Eine Feministin ist sie nicht. Als Vorreiterin sieht sie sich aber schon. Es gebe zu wenige weibliche Vorbilder in Führungspositionen. Leider mangle es vielen Frauen auch am Selbstvertrauen. Dabei sei klar, dass mehr Diversität in Teams zu besseren Ergebnissen führe, auch bei der FIS.

Lewis ist stolz, dass das Frauenskispringen auf ein «gutes Niveau» kommt, dass die Frauen im Skifahren oder im Langlauf gleich viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit genieren wie die Männer, dass die FIS ab 2020 mindestens 30 Prozent des Minderheitsgeschlechtes in allen Komitees vorschreibt. Und stolz ist sie auch auf die Tatsache, dass Mikaela Shiffrin in der vergangenen Saison mehr Preisgeld gewann als Marcel Hirscher. «Stellen Sie sich vor: eine Million Dollar. Das hat kein männlicher Skifahrer vorher geschafft», sagt Lewis, die mit ihrem Lebenspartner, einem norwegischen Skitrainer, seit Jahren im kleinen Dorf Tschingel im Berner Oberland wohnt.

Schon als kleines Mädchen spielte sie auch Fussball

Von solchen Summen konnte Lewis als Athletin in den 1980er-Jahren nur träumen. Immerhin hatte sie es als britische Slalommeisterin 1988 an die Olympischen Spiele nach Calgary geschafft, wo sie im ersten Lauf des Slaloms aber ausschied. Später arbeitete sie in der Skiindustrie, gründete eine Marketingfirma und wurde Chefin des britischen Skiverbandes, ehe sie Gian-Franco Kasper zur FIS holte.

Aber was war das noch für eine andere Welt damals in den 1970er-Jahren, als Sarah Lewis als kleines Mädchen in London nicht nur von verschneiten Skihängen in der Schweiz träumte, sondern auch ihrer zweiten Leidenschaft, dem Fussball, nachging. Sie war oft das einzige Mädchen auf dem Fussballplatz – und entdeckte damals nicht nur ihre Begeisterung für den FC Arsenal, sondern lernte auch, sich in einer «Boys World» zu behaupten. Eigenschaften, die sie nie abgelegt hat und die sie vielleicht schon bald zu einer der mächtigsten Sportfunktionärinnen der Welt machen könnten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.