Die Herzen schmelzen wie Gelati

Die italienische Legende Alessandro Del Piero verzaubert in Melbourne ein ausverkauftes Fussball-Stadion – nicht mit seiner Leistung, sondern allein mit seiner Aura.

Adrian Lustenberger
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«Del Piero comes to Town»: Alessandro Del Piero (rechts) verzückt die australischen Fans. (Bild: EPA/Dean Lewins)

«Del Piero comes to Town»: Alessandro Del Piero (rechts) verzückt die australischen Fans. (Bild: EPA/Dean Lewins)

Finten und Pirouetten, Flatterbälle und Absatztricks. Der Name Del Piero über der Nummer 10 auf Schwarz-Weiss-gestreiftem oder azurblauem Leibchenstoff stand während zwei Jahrzehnten für Unerwartetes auf dem grünen Rasen. Die Geniestreiche ihres «Ale» liessen die Herzen der Tifosi schmelzen wie eine Kugel Gelati, die mit einem heissen Espresso übergossen wird.

Und am Samstagabend ist der 38-Jährige, der Weltmeister, die Legende der «Alten Dame» Juventus Turin plötzlich da: Mitten in Melbourne, einer der sportverrücktesten Städte der Welt. «Del Piero comes to Town» titelt «The Age». Die zweitgrösste Metropole Australiens zählt 300 000 Menschen italienischer Herkunft zu ihrer Bevölkerung. Noch heute erinnert man sich in «Little italy» mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Strahlen in den Augen an die Festivitäten nach dem gewonnenen WM-Endspiel 2006. Del Piero hatte damals im Halbfinal das wichtige 2:0 in der Verlängerung gegen Deutschland erzielt, im Final versenkt er den zweitletzten Penalty gegen Frankreich für den auferstandenen Weltmeister Italien.

Frauen-Final? Fantasisti!

«Alex, we love you» und «Grazie Ale» steht auf Transparenten im AAMI-Stadion geschrieben. Über 28 000 Fans pilgern in die muschelförmig erbaute Sportstätte. Ein Steinwurf davon entfernt findet der Frauen-Final an den Australian Open statt. Die Wenigsten der Anwesenden sind sich dessen bewusst. Warum sollten sie auch? Ein sogenannter «fantasisti» ist in der Stadt; ein Unangepasster, ein Kreativer. Del Piero, der ewige Jüngling, der lächelnd die Zunge rausstreckt, wenn ihm ein Streich gelingt.

In Italien wurde er weit über Grenzen der Klubrivalität hinaus geliebt. Kürzlich wurde Del Piero zu Italiens beliebtestem Sportler überhaupt gewählt. Er sammelte doppelt so viele Stimmen als der Zweitplazierte, Motorradfahrer Valentino Rossi. Gerne hätte er im Zebrastreifen-Leibchen von Juventus weitergespielt. Doch er musste die «Alte Dame»,  der er auch in der Serie B die Treue hielt, mit bittersüssen Gefühlen nach fast 20 Jahren verlassen. Sein Bruder und Manager Stefano sortierte die zahlreichen Angebote aus aller Welt («Japan, China, Südkorea, Südamerika, Südafrika, einfach überall»). Im September wurde der Transfer zum Sydney FC publik. Bis zur letzten Minute hatten neben dem FC Sion auch die Premier-League-Klubs Liverpool und Southampton um den 38-Jährigen gebuhlt. Auf den australischen Fernsehsendern kann man sich seither an den Karrierehöhepunkten des italienischen Altstars nicht satt sehen. Seine Spiele mit dem Sydney FC werden in der Heimat live ausgestrahlt.

2 Millionen Franken für eine Saison

Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Del Piero («ein Spielzeug war genug für mich, aber es musste ein Ball sein») verdient für die eine Saison in der A-League schätzungsweise zwei Millionen Franken. Damit ist er der am besten verdienende Sportler auf der Insel, noch vor sämtlichen Grössen im Rugby und Australian Football. Ist Del Piero das Geld wert? Vor einer Woche gelangen ihm im Heimspiel gegen Wellington vier Treffer. Erstmals überhaupt in seiner Karriere gelang ihm dies. Gemäss der australischen «Sun-Herald» sei bei jedem Treffer die «Berührung eines Genies» auszumachen gewesen. Nun, die Leistung des Weltmeisters gegen Melbourne Victory ist nicht eben weltmeisterlich. Es sieht eher nach einem Spaziergang auf einem sorgfältig gemähten Rasen aus, den der Italiener in der 1. Halbzeit zurücklegt. Defensivarbeit bleibt für ihn bei der 1:3-Niederlage ein Fremdwort. Aber zu deren Verrichtung ist er ja nicht in Australien. Vielmehr ist er der «Poster-Boy» einer aufstrebenden Liga (siehe Box unten), deren Niveau zwischen Super und Challenge League einzuordnen ist.

Vielleicht aber erinnert sich Del Piero an diesem kühlen Sommerabend auch an den Ratschlag seiner Mutter. Wäre es nach ihr gegangen, hätte der kleine Alessandro (1.74 m) im Tor gestanden. Er sollte nicht schwitzen, sich keine Erkältung einholen. Sein Bruder Stefano hat die Mamma damals gebeten, ihn doch stürmen zu lassen.

Australier sind nicht Italiener

Im Alter von 38 Jahren mag Del Piero zwar nicht mehr der Schnellste sein. Der Steilpass, der zum einzigen Sydney-Tor führt, erinnert aber an alte geniale Zeiten. Seine zweifellos noch immer filigrane Technik wird von den australischen Gegenspielern nicht einfach bewundernd anerkannt, sondern vielmehr in deren Entfaltung mit britischer Härte im Keime erstickt. Dennoch gefalle es ihm hier in Australien, sagt Del Piero. Die Leute seien aber schon anders: «Sie sind viel zurückhaltender, sie bleiben meistens auf Distanz. In Turin flippten die Leute aus, sie versuchten mich alle anzufassen, zu umarmen, zu küssen – wie Italiener halt sind.»

Zum Schmelzen bringt er die australischen Fussballherzen aber allemal – eben wie ein heisser Espresso auf Gelati.

Über 5200 Kilometer für ein Auswärtsspiel

jvf. In den nordamerikanischen Sportligen ist man sich weite Reisen ja gewohnt. Spielt Floridas Eishockeyteam in Vancouver, sind rund 4500 Kilometer zu absolvieren. Immerhin werden dann gleich mehrere Spiele in der Region ausgetragen.

In der australischen Fussballliga A-League, zu der auch das neuseeländische Team Wellington Phoenix zählt, sind die Distanzen aber noch grösser. So fliegt das Team von Perth Glory über 5200 Kilometer ans Auswärtsspiel in Wellington – die ganze Strecke im Unterschied zu den US-Teams aber wieder schnurstracks zurück. Kein Wunder hinkt das abgeschiedene Perth in der Auswärtstabelle hinterher.

12'000 Zuschauer im Schnitt

Die australische Profiliga wurde 2005 gegründet und zunächst zentral vermarktet. So unterschieden sich die Trikots jahrelang nur hinsichtlich ihrer Farbe. Der Ausrüster und das Design waren vorgegeben. Seit der Gründung sind fünf Teams zur Liga gestossen, drei wieder von der Bildfläche verschwunden. Die Erschliessung neuer Regionen wie des Nordens von Queensland ist trotz des Engagements von Robbie Fowler oder Jason Culina gescheitert.

Fussball, oder eben Soccer, hat in Australien nach wie vor einen schweren Stand. Das belegen auch die Zuschauerzahlen. Momentan pilgern durchschnittlich rund 12 000 Zuschauer in die Stadien der A-League. Damit hinkt der Weltsport noch immer Australian Football und Rugby hinterher.

Die A-League profitiert jedoch während ihrer Saison von August bis April von der Sommerpause der zwei grossen Ligen. Sechs der zehn Teams ziehen jeweils in die Playoffs ein, deren Modus kompliziert ist, aber für Spannung sorgt. Das «Grand Final» haben in den letzten Jahren über 50 000 Zuschauer live verfolgt. Die Meisterschaft ist seit Jahren ausgeglichen. In den sieben Spielzeiten wurden mit Brisbane, Sydney FC, Newcastle und Melbourne Victory vier verschiedene Teams Meister.