Die Himmelsstürmer von der Alb: Wie Heidenheim für die grosse Sensation im deutschen Fussball arbeitet

Kaum jemand kennt die Stadt Heidenheim. Aber mittlerweile kennen wir deren Fussballer. Denn diese schreiben jährlich ein neues Kapitel Fussball-Märchen. Heute geht es sogar um den Aufstieg in die 1. Bundesliga.

François Schmid-Bechtel
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«Das ist einfach nur surreal.» Selbst der geschäftsführende Präsident kann es kaum fassen, dass sein FC Heidenheim in zwei Spielen gegen Bremen die Möglichkeit hat, in die 1. Bundesliga aufzusteigen. Was Holger Sanwald wohl sagen wird, wenn am Montag der Aufstieg realisiert werden sollte? Findet er dann noch Worte? Es wäre ihm nicht zu verübeln. Im Gegenteil: Heidenheim in der 1. Liga – das wäre die grösste Sensation dieses Jahrhunderts im deutschen Fussball.

Heidenheims Captain Marc Schnatterer nach dem Sieg gegen den HSV am 32. Spieltag.

Heidenheims Captain Marc Schnatterer nach dem Sieg gegen den HSV am 32. Spieltag.

Ronald Wittek / EPA

Heidenheim an der Brenz. Tief im Osten Baden-Württembergs. 49'500 Einwohner. In der Liste der grössten Städte Deutschlands wird Heidenheim an Position 196 geführt. Als Schweizer Äquivalent kämen Zuchwil (SO), Neuenhof (AG), Aadorf (TG) oder Arlesheim (BL) infrage. Bei allem Respekt: Es ist unvorstellbar, dass ein Klub aus einer dieser Gemeinden nur schon in die Challenge League aufsteigt.

Vor 16 Jahren noch in der Verbandsliga Württemberg

Als Werder Bremen 2004 letztmals den Meistertitel holte, feierten sie auch in Heidenheim: Den erstmaligen Aufstieg von der sechsten in die fünfte Spielklasse. Gewiss haben wir in den letzten Jahren andere aufsehenerregende Emporkömmlinge aus den Tiefen des Amateurfussballs gesehen. Hoffenheim und Leipzig. Aber im Unterschied zu diesen Klubs wurde der Erfolg in Heidenheim nicht durch das Geld eines Weltkonzerns wie SAP oder Red Bull ermöglicht. Heidenheim ist organisch gewachsen. Weshalb der Klub von der Schwäbischen Alb, der im höchstgelegenen Stadion (555 M.ü.M.) im deutschen Profifussball spielt, gerne als Projektionsfläche für Fussballromantiker herhalten muss.

«Ja, Heidenheim ist provinziell», sagt Ilja Kaenzig, Mitglied der Geschäftsführung von Ligakonkurrent Bochum. «Aber der FC Heidenheim ist einer der meist unterschätzten Klubs Deutschlands. Der Klub profitiert von einer wirtschaftsstarken Region. Die lokal ansässigen Hauptsponsoren Voith (Maschinenbauer für die Papierindustrie; die Red.) und Hartmann (Medizinaltechnik) sind in ihrem Bereich international grosse Nummern. Dazu hat der Klub ein Sponsoren-Portfolio von gegen 500 KMU’s. Aber vor allem ist er ein Musterbeispiel für Kontinuität.»

Der Trainer kommt neben dem Stadion zur Welt

Beste Beispiele dafür: Der heutige Präsident Holger Sanwald, seit über 25 Jahren im Verein. Und Frank Schmidt. Die Geschichte des Trainer wirkt im heutigen, schnelllebigen Fussballgeschäft wie aus der Zeit gefallen. Beinahe kitschig. Stoff für einen Heimatfilm. Allein schon, weil er am 3. Januar 1974 etwa 100 Meter vom Stadion entfernt auf dem Heidenheimer Schlossberg zur Welt kommt.

Ein Ur-Heidenheimer: Tainer Frank Schmidt

Ein Ur-Heidenheimer: Tainer Frank Schmidt

Alex Grimm / Getty Images Europe

Für die ganz grosse Fussballkarriere reicht es Schmidt nicht. Immerhin spielt er fünf Jahre in Aachen und kommt dabei auf 76 Zweitliga-Spiele. Mit 30 kehrt er nach Heidenheim zurück, spielt in der fünften Liga vor 250 Zuschauern und springt am Ende der Karriere für zwei Partien als Trainer ein. Aus diesen zwei Spielen werden 13 Jahre. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Obwohl Schmidt immer wieder von grösseren, ruhmreicheren Klubs bezirzt wird. «Im Leben geht es immer um Konstellationen», sagt Schmidt. «Für den schnellen Karrieresprung haue ich nicht ab. Mein aktueller Vertrag läuft bis 2023. Wenn es nach mir geht, bleibe ich sicher so lange.» Präsidenten Sanwald hofft, dass «der Frank hier in Rente geht».

In Heidenheim gibt es immer auf die Socken

Ja, sie mögen, schätzen und vertrauen sich in Heidenheim. Ilja Kaenzig sagt: «Sie leben vor, wovon andere Klubs nur reden.» Auch, wenn es mal schlecht läuft. Wobei, so richtig schlecht kann es bei einem Klub nicht laufen, der innerhalb von sieben Jahren von der fünften in die zweite Liga hochkraxelt. Aber so ist es halt im Fussball. Erfolge von gestern zählen heute kaum mehr etwas. Auch nicht im beschaulichen Heidenheim. Obwohl erst im dritten Jahr in der zweiten Liga, goutiert man in der Saison 17/18 nicht überall, dass man im Abstiegskampf involviert ist. «In Deutschland wird nicht lange gefackelt und der Trainer muss gehen», sagt Jeff Saibene, zu jener Zeit Coach in Bielefeld. «Aber nicht in Heidenheim. Dafür werden sie nun belohnt.» Und so wertkonservativ, wie der Klub geführt ist, spielt das Team auch. Ehrlich, gradlinig, solidarisch. «Nach Heidenheim reist kein Gegner wirklich gern. Denn jeder weiss: ‹Hier gibts auf die Socken›», sagt Saibene.

In einem Interview mit der «Zeit» sagt Schmidt: «Die Menschen der Region malochen die ganze Woche, viele auch am Wochenende, damit es ihnen und ihrer Familie gut geht. Dann müssen wir auch so Fussball spielen. Unser Fussball ist nicht immer schön, wir beissen aber bis zum Umfallen. Das ist unsere Arbeitsmoral, aber auch die der Menschen auf der Ostalb.» Ob das gegen Werder Bremen reicht, ist fraglich. Selbst wenn Heidenheim scheitern sollte: Damit wäre nur der erste Angriff der Himmelsstürmer von der Alb auf die arrivierten Klubs abgewehrt. Weitere folgen.

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