Die Horrorjahre liegen hinter Del Potro

Nachdem Juan Martin Del Potro 2009 erstmals einen Grand-Slam-Titel gewann, begann eine lange Leidensgeschichte. In diesem Jahr ist ihm am US Open ein Coup zuzutrauen.

Jörg Allmeroth, New York
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Zwei Siege vom Final entfernt: Juan Martin del Potro. (Bild: Adam Hunger/AP (New York, 2. September 2018))

Zwei Siege vom Final entfernt: Juan Martin del Potro. (Bild: Adam Hunger/AP (New York, 2. September 2018))

Als Juan Martin del Potro vor neun Jahren in einer magischen Tennisnacht die lange Siegesserie von Roger Federer beendete, schien auch die Machtarchitektur im Tenniszirkus ins Wanken zu geraten. Del Potro, genannt «El Palito» («Die Bohnenstange»), wirkte wie einer, der die Dominanz der Titanen brechen konnte – mit seinen Hochgeschwindigkeitsschlägen, mit seiner Leidenschaftlichkeit, mit guten Nerven in der Hitze der Duelle. Del Potros Karriere war mehr als geradlinig verlaufen bis zu jenem traumhaften Moment, er war nacheinander der jüngste Profi in den Top 100, den Top 50, den Top 10 und dann auch in den Top 5.

Doch ausgerechnet nach der geglückten Gipfelbesteigung im Big Apple begann das jahrelange Leiden des «Turm von Tandil», des zerbrechlichen 198-Zentimeter-Riesen mit dem grossen Herz und dem schwer verletzungsanfälligen Körper: «Ich habe echte Horrorjahre hinter mir», sagt del Potro, «ich war nicht weit davon entfernt, mit dem Tennis aufzuhören.» Allein drei Handgelenksoperationen hatte del Potro zu überstehen, immer wieder wurde er zurückgeworfen in seinen Anstrengungen, immer wieder musste er mühselige Comebacks in Angriff nehmen. Nun aber, im Jahr 2018, eine kleine Ewigkeit nach seinem ersten und einzigen Grand-Slam-Coup, scheint der Hochbegabte mit dem harten Punch wieder in der Lage zu sein, für richtig Aufruhr unter dem Grand-Slam-Establishment zu sorgen.

Genug Energie im Tank

Endlich verletzungsfrei, endlich ohne Ängste und Zweifel über seine Wettbewerbstauglichkeit, rauscht der zupackende Argentinier bei den US Open wie selbstverständlich durch die Turnierrunden – auch am Sonntag geriet der Publikumsliebling beim glatten Drei-Satz-Sieg über den jugendlichen Herausforderer Borna Coric (Kroatien) nie in Gefahr. «Hochzufrieden» sei er mit dem bisherigen Turnierverlauf, gab der 29-Jährige zu Protokoll: «Ich habe auch noch genug Energie im Tank für das, was kommt.» Wer kommt, ist zunächst John ­Isner, der körperlich noch etwas grössere 208-Zentimeter-Aufschlaggigant, der gerade seine beste Zeit im Proficircuit erlebt. Der aber im Normalfall nicht über genügend Tennis-Ressourcen verfügen sollte, um del Potro zu stürzen.

Schon im Vorjahr hatte del Potro für Aufsehen in der Stadt gesorgt, in der einst sein Stern am Tennishimmel aufzugehen schien. Gegen den Österreicher Dominic Thiem drehte und wendete er eine völlig verrückte Partie nach 0:2-Satzrückstand und 2:5- und 0:30-Defizit im vierten Durchgang noch zu seinen Gunsten, lieferte dabei ein Meisterwerk an Beharrungskraft, Willensstärke und Trotzigkeit ab. Auch gegen Maestro Roger Federer ging del Potro, dieser Sisyphos der Tenniswelt, anschliessend an seine Grenzen, gewann in vier umkämpften Sätzen – und schied dann ermattet im Halbfinal gegen Rafael Nadal aus. Der Spanier gewann schliesslich auch das Turnier, wieder einmal einer aus der schier unantastbaren Führungselite.

So sehr die Renaissance der alten Titanen Federer und Nadal zuletzt begeisterte, so sehr auch das strahlende Comeback des vorübergehend kriselnden Novak Djokovic imponierte – es gibt bei vielen in der Branche und bei Fans auch eine keineswegs klammheimliche Sehnsucht nach anderen Titelhelden, nach Abwechslung in der Kür der Grand-Slam-Champions. Und keiner verkörpert diese Sehnsucht mehr als der so lange leidende del Potro, der vor zwei Jahren seinen grössten Coup neben dem US-Open-Sieg 2009 gelandet hatte – die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Rio. «Wer würde ihm diesen Sieg hier nicht gönnen?», fragt Schwedens Altmeister Mats Wilander. «Er hätte es ohne Zweifel auch verdient, noch mal ganz oben auf dem Podium zu stehen.»

Ein Duell mit Nadal könnte folgen

Anders als vor einem Jahr hat del Potro für den heissen Grand-Slam-Endspurt noch Kräfte konservieren können. Bisher hat er noch keinen Satz verloren, auch gegen Isner dürfte es keine lange Abnutzungsschlacht geben. Im Halbfinale könnte es dann zu einer Neuauflage des elektrisierenden Duells mit Nadal kommen, dem Führenden in der Weltrangliste, dem vielleicht formstärksten Spieler im Hier und Jetzt. «Wenn ich nochmal einen Grand-Slam-Titel gewinnen würde, wäre es der grösste Moment meiner Karriere», sagt del Potro, «nach all dem, was ich hinter mir habe.»