Das Geheimnis um die Könige von Bern – wie Jean-Pierre Nsame aus dem Schatten von Guillaume Hoarau trat

30 Tore hat Jean-Pierre Nsame in dieser Saison erzielt, vor allem dank ihm steht YB vor dem Gewinn des dritten Titels in Serie. Nsame hat sich aus dem grossen Schatten von Guillaume Hoarau befreit – ob der Franzose eine Zukunft in Bern hat, ist indes ungewisser denn je.

Etienne Wuillemin
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Die YB-Wachabslösung. Jean-Pierre Nsame ist Torschütze vom Dienst, während Guillaume Hoarau um eine Vertragsverlängerung zittern muss.

Die YB-Wachabslösung. Jean-Pierre Nsame ist Torschütze vom Dienst, während Guillaume Hoarau um eine Vertragsverlängerung zittern muss.

Keystone

Die heisseste Woche des Jahres? Gilt das wirklich auch für den Fussball, nicht nur für das Wetter in der Schweiz? Es ist nicht allzu lange her, da hat noch einiges auf eine Finalissima zwischen YB und St.Gallen hingedeutet. Doch nun stehen die Zeichen auf eine erneute vorzeitige Meisterfeier der Berner. Ein Punkt noch, und das Ziel ist erreicht. Heute Abend kann YB beim FC Sion den entscheidenden Schritt machen.

Wenn es denn wirklich so kommt, dass die Meisterschaft doch noch den erwarteten Ausgang nimmt und die YB-Nerven nicht mehr ins Flattern kommen, so ist das vor allem einem Mann zu verdanken: Jean-Pierre Nsame. Der 27-jährige Kameruner erzielte in 30 Spielen 30 Tore. Er egalisierte damit den Torrekord der Super League von Seydou Doumbia, hat noch zwei Spiele Zeit, um ihn zu übertreffen. Nsame war in einer komplizierten YB-Saison so etwas wie die einzige Konstante.

Nsame: Der komplizierte Weg zum Star

Nsame sitzt auf der leeren Tribüne des Berner Wankdorfs. Das Morgentraining ist soeben zu Ende, die letzten grossen Aufgaben rücken näher. Er sagt: «Wir wollen die Finalissima gegen St.Gallen am Montag um jeden Preis verhindern. Es zählt nur der Sieg in Sion. Es wird eine Frage unserer Mentalität, der Gier auch.» Er tönt so wie ein Stürmer eben, dessen Lust auf Tore noch immer ungestillt ist.

30 Tore hat Jean-Pierre Nsame in dieser Saison erzielt. Hier das 4:3-Siegtor gegen den FC St.Gallen - in einer Zeit im November 2019, als noch Fans zugelassen waren.

30 Tore hat Jean-Pierre Nsame in dieser Saison erzielt. Hier das 4:3-Siegtor gegen den FC St.Gallen - in einer Zeit im November 2019, als noch Fans zugelassen waren.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Die Zahlen, die seine Saison schmücken, sind beeindruckend. Und nicht nur das: Vielleicht ist noch nie ein Stürmer in der Super League derart dominant aufgetreten wie Nsame derzeit. In den letzten fünf Spielen hat er immer getroffen. Er tut das auch dann, wenn er lange im Spiel unsichtbar ist. Es ist nicht so, dass ihn Fragen nach seinem Tor-Rekord aus Prinzip stören. Aber: «Wenn es tagelang nur um eine einzige Person geht anstatt ums Team, dann wird das etwas unangenehm. Denn wichtig ist nur eines: unser dritter Titel in Serie.»

Es wäre ohne jede Frage der wertvollste für Nsame selbst. Denn in den Saisons 2017/18 und 2018/19 kam er nicht über die Rolle des Edeljokers hinter Guillaume Hoarau und Roger Assalé hinaus. Nsame hat seine Rolle immer klaglos akzeptiert. Für 13 respektive 15 Tore hat es gleichwohl gereicht. Unter anderem auch für das berühmteste in der neueren YB-Geschichte: Jenes Tor am 28. April 2018 in der Nachspielzeit gegen den FC Luzern, das YB den ersten Meistertitel seit 1986 sicherte. «Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich schaue auf den Rasen hinaus und sehe mich vor dem inneren Auge das Tor schiessen. Und gleichzeitig spüre ich die einzigartige Stimmung rund um mich herum. Diese Erinnerungen werde ich mein Leben lang in mir tragen.» Nsames Augen leuchten, wenn er davon erzählt.

Hoarau: Der komplizierte Weg zum neuen Vertrag

Nach seinem Transfer von Servette zu YB im Sommer 2017, der von einigen Neben­geräuschen begleitet war, weil ihn Nsame selbst ertrotzt hat, stand der Stürmer lange im grossen Schatten von Guillaume Hoarau. Es gab einige Leute in Bern, die ihm genau diese Rolle eher nicht zutrauten. Doch Nsame bewies Geduld und war stets zur Stelle, wenn er gebraucht wurde. Im Rückblick sagt er: «Ich habe es nie so erlebt, dass ich im Schatten von Hoarau stand. Im Gegenteil: Er war es, der mir in so vielen Situationen geholfen hat, dass ich nun davon profitiere. Zudem bist du als Stürmer sowieso auf ein funktionierendes Team angewiesen. Ich denke, da wäre Egoismus kontraproduktiv.»

Das tönt natürlich gut. Doch Nsames Worte sind nicht aufgesetzt. Das bestätigen einige Wegbegleiter in Bern. Aber eines ist auch klar: Nsame hat Hoarau stets als Vorbild betrachtet. «Seine Lockerheit vor dem Tor ist imponierend. Und es scheint, als würde er immer schon im Vornherein wissen, wie sich gewisse Situationen im Strafraum entwickeln.»

Lange Jahre war Guillaume Hoarau der König von YB. Nun hat ihn Nsame in dieser Rolle abgelöst. Wobei sich das vor allem auf die Rolle auf dem Platz bezieht. «Guillaume bleibt der ‹Grand Homme› von YB», sagt Nsame, «mit allem, was er für diesen Club geleistet hat.»

Womit wir zu jener Frage kommen, die derzeit unter den YB-Fans heisser diskutiert wird als eine mögliche Finalissima gegen St.Gallen: Erhält der YB-Held Hoarau noch einmal einen neuen Vertrag?

Es war eines der emotionalsten Bilder dieser Coronasaison, als Hoarau Anfang Juli im Spiel gegen den FC Thun wegen einer Wadenverletzung tränenüberströmt ausgewechselt werden musste. Es wirkte, als wäre ihm bewusst geworden: Das war mein letzter ­Moment auf dem Feld im ­YB-Dress.

Guillaume Hoarau verlässt enttäuscht den Platz im Berner Derby zwischen YB und Thun. War es sein letzter Auftritt im Dress der Berner?

Guillaume Hoarau verlässt enttäuscht den Platz im Berner Derby zwischen YB und Thun. War es sein letzter Auftritt im Dress der Berner?

Peter Schneider / KEYSTONE

Als Hoarau Ende Sommer 2014 zu YB wechselte, waren die Berner noch weit entfernt von jener Stilsicherheit, die sie nun auszeichnet. Es waren die Jahre des ewigen knappen Verlierens. Die Losermentalität, die den Verein umgab, wollte sich partout nicht auflösen.

Spycher: Die komplizierte Entscheidung des Chefs

Das Selbstverständnis und Auftreten von Hoarau waren ein entscheidender Teil der YB-Wandlung zum Champion. Fredy Bickel, der Hoarau damals zu YB holte, erinnert sich: «Er war direkt nach seinem Transfer noch lange nicht in Topform, brauchte Zeit, bis er regelmässig spielte. Beeindruckend war aber, wie er sofort begann, rund um die Spiele herum Einfluss zu nehmen auf das Team.» Unvergessen, wie er nach einem Europacup-Abend zu später Stunde die Spieler in einer Hotellobby versammelte, um noch einige Songs zum Besten zu geben. Oder wie er auf dem Balkon des Hotelzimmers während eines Trainingslagers zur Freude seiner Teamkollegen ein Gitarrenkonzert gab.

Wie weiter mit Guilaume Hoarau? YB-Sportchef Christoph Spycher steht vor der schwierigsten Entscheidung seiner Karriere.

Wie weiter mit Guilaume Hoarau? YB-Sportchef Christoph Spycher steht vor der schwierigsten Entscheidung seiner Karriere.

Claudio Thoma / freshfocus

Und nun, läuft die Zeit des mittlerweile 36 Jahre alten ­YB-­ Königs ab? Entschieden ist noch nichts. Doch die Zeichen, dass es zum Abschied kommt, mehren sich. YB-Sportchef Christoph Spycher sagt: «Sentimentale Gedanken sind im Sport ­selten ein guter Ratgeber. Wenn Hoarau einen neuen Vertrag ­bekommt, dann weil wir zum Schluss kommen, dass es sportlich Sinn macht.»

Hoarau Ja oder Nein – es ist die wohl bedeutendste und komplizierteste Entscheidung von Spycher, seit er bei YB ist.