Der Radsport entdeckt die Psychologie

Motivationsbücher wie «Der versteckte Motor» erobern den Markt. Und Psychologen die Tour de France.

Tom Mustroph aus Nîmes
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Ineos-Chef David Brailsford härt sich die Sorgen eines Fahrers an. (Bild: AP Photo/Thibault Camus, Brüssel, 4. Juli 2019)

Ineos-Chef David Brailsford härt sich die Sorgen eines Fahrers an. (Bild: AP Photo/Thibault Camus, Brüssel, 4. Juli 2019)

Bereits 2014 wartete der britische Sportpsychologe Andy Lane mit einer Studie auf, in der er immerhin 20% des Erfolgs eines Spitzensportlers psychischen Faktoren zuschrieb. Rennställe im Profiradsport nehmen solche Anregungen auf. Einen «versteckten Motor» zu befreien und von dessen Antrieb zu profitieren, ist reizvoll. «Wir arbeiten bereits seit 2002 mit dem Psychologen Steve Peters zusammen. Er hatte einen immensen Einfluss auf uns alle und auf unsere Sicht darauf, wie die mentale Seite des Menschen funktioniert», erzählt David Brailsford, der Macher des britischen Radsportwunders, am Rande dieser Tour. Peters und Brailsford arbeiteten zunächst bei British Cycling zusammen, dann bei Team Sky und jetzt auch bei Team Ineos. «Peters war lange Zeit fest angestellt bei uns, jetzt arbeitet er auf Teilzeit», sagt Brailsford.

Peters’ Ansatz besteht darin, die menschliche Psyche in einen rationalen Teil – er nennt ihn die «menschliche Seite» – und einen irrationalen, emotionalen Teil – in seinem Duktus die «Schimpansenseite» – aufzuteilen. Die «Schimpansenseite», also Gefühle wie Angst, Unwohlsein, aber auch Momente von Freude und Stärke, gelte es zu zähmen und in einen Antrieb zu verwandeln. Brailsford erzählt:

«Peters hat grossen Einfluss darauf, wie die Atmosphäre im Team und im Umfeld beschaffen sein sollte. Da ging es darum, ob man anweisen und kontrollieren soll oder eher kommunizieren und verhandeln.»

Beschwerden über 
Mobbing und Machogehabe

Glaubt man allerdings Beschwerden über Mobbing und machohaftes Gehabe einzelner Trainer vor allem in der Frauenabteilung von British Cycling, muss der Einfluss von Peters doch nicht so gross gewesen sein, wie Brailsford es darstellt.

Aber immerhin ist beim Boss das Verständnis für die mentale Seite gewachsen. Und es geht bei ihm auch weit über simple Motivationsfragen hinaus. «Motivation ist nur die Oberfläche des Ozeans, es geht eher darum, die Tiefe des Ozeans darunter zu entdecken. Das ist wichtig, um den individuellen Antrieb zu finden», meint der Rennstallchef. Da waren Sky und jetzt Ineos durchaus erfolgreich, wenn man sich vor Augen führt, wie reibungsarm in den letzten Jahren die doppelte Führung erst durch Chris Froome und Geraint Thomas sowie aktuell durch Thomas und Egan Bernal erfolgte.

«Ich komme selber ganz 
gut mit dem Druck klar»

Andere Teams betreten eher zögerlich dieses Terrain. «Im Trainingslager hat sich bei uns ein Sportpsychologe vorgestellt. Der kam aber nicht vom Team. Mit dem konnte man, wenn man wollte, privat zusammenarbeiten», erzählt Emanuel Buchmann, Profi bei Bora-hansgrohe. Buchmann selbst nahm das Angebot nicht in Anspruch. «Ich komme selbst ganz gut mit dem Druck klar, das ist ja auch eine Typfrage», meinte er, als er auf die Depressionen seines früheren Teamkollegen und Captain-Vorgängers Dominik Nerz angesprochen wurde.

Buchmann weist aber auch auf den Interessenkonflikt hin, in dem ein vom Rennstall bezahlter Psychologe stecken kann. Wem ist der Psychologe zuerst verpflichtet, dem Athleten oder dem Team? «Ich denke, es ist besser, wenn man die mentale Betreuung nicht über das Team macht. Das können ja Probleme sein, die man vielleicht nicht mit dem Team teilen will», meint Buchmann.

Klarer Kopf und gut 
durchblutete Muskulatur

Lennard Kämna, Tourneuling bei Team Sunweb, ging im letzten Jahr zu einer Sportpsychologin. Der junge Profi redete bei der Tour offen darüber. «Es ist doch ganz logisch, dass ich als professioneller Sportler auch professionelle Hilfe in Anspruch nehme», sagte er. Kämna legte – in Absprache mit dem Team – sogar eine längere Trainings- und Wettkampfpause ein. «Dass das Team mir da beigestanden hat, war wichtig, und ich werde es niemals vergessen», meinte der Bremer, der bei dieser Tour einen achtbaren 6. Platz auf der 15. Etappe herausholte.

Ineos-Chef Brailsford gibt nicht detailliert Auskunft über die Hilfe von Peters für einzelne Rennfahrer seines Teams. Er betont aber die Wichtigkeit einer Teamkultur, die offen für das Reden über mentale Probleme ist. «Man soll es nicht einfach wegstecken und sagen: ‹Ich bin ein harter Junge›. Das ist eine der grössten Gefahren. Wenn nämlich alle ihren Beitrag leisten, wird es eines Tages zurückkommen, wenn man selbst einmal harte Zeiten durchmacht. Dann weisst du, das Team ist fähig, dir zu helfen», meint David Brailsford.

Für eine Sportart, in der Schmerzresistenz und Härte gegenüber sich selbst zu den Grundtugenden gehören, bedeutet dies einen tief greifenden Wandel. Im Kampf um Meter und Minuten in den französischen Alpen wird ein klarer Kopf eine ebenso wichtige Rolle spielen wie gut durchblutete Klettermuskulatur in den Beinen.