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Die Schweizer müssen den Zenit erreichen

Eine Analyse von Sportreporter Christian Brägger zur Fussball-Nationalmannschaft vor dem WM-Start gegen Brasilien.
Christian Brägger, Rostow
Christian Brägger, Sportredaktor. (Bild: Urs Bucher)

Christian Brägger, Sportredaktor. (Bild: Urs Bucher)

Mit dem WM-Auftakt gegen Brasilien beginnt für die Schweiz ein heisser Turniertanz. Wozu ist sie fähig in Russland – und nur schon in ihrer Gruppe E, die nach der Summe der Weltranglistenpositionen die stärkste ist?

Seit dem 1:2 gegen Belgien im Mai 2016 hat die Nationalmannschaft über die normale Spieldistanz in 21 Begegnungen ein einziges Mal verloren. Als verdiente Weltnummer sechs geht sie mit breiter Brust in die WM-Spiele. Auch Trainer Vladimir Petkovic sagt: «Wir fahren mit einem Gedanken dahin: Der Achtelfinal ist das kleinste Ziel, das wir uns setzen.» Spieler und Coach zweifeln nicht an sich, auch wenn eine Weltmeisterschaft eine ganz eigene Grösse und mit vielen Unwägbarkeiten behaftet ist. Der typische Schweizer indes, zurückhaltend und ein Vorsichtsbolzen, bleibt kritisch. Seine Zuneigung zum Nationalteam hält sich ohnehin in Grenzen. Sie ist volatil, ein zartes Pflänzchen, wie zuletzt in der Barrage und bei den Pfiffen gegen Haris Seferovic erlebt.

Von den Schweizern werden wir gewiss keinen stilprägenden Fussball sehen. Dieser wird in den Clubs über Jahre entwickelt und kaum in Nationalmannschaften. Dennoch: auch wenn die Spieler sachlich und teilweise ergebnisorientiert auftreten, ist die Forderung des Trainers nach positivem, mutigem Fussball omnipräsent. Ebenso der Fokus auf sich und die eigenen Stärken. Das bedingt grosses Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Nach Jahren im Ausland bringen die Spieler beides mit. Auch der Mix ihrer kulturellen Herkunft wirkt verstärkend. Petkovic sagt: «Die Mannschaft verliert nie die Ruhe, sie kann ein Spiel steuern, sie hat aber auch einen klaren Kopf, um zu reagieren, falls es nötig ist.»

Diese Nationalmannschaft hat über die Jahre einen eigenen Charakter entwickelt. Sie ist geformt von einem sozialkompetenten Trainer, der in kritischen Momenten geschickt navigiert und in seinem Wesen so ganz anders ist als sein Vorgänger Ottmar Hitzfeld. Das Team ist organisch gewachsen, es hat sich stetig weiterentwickelt. Auch nach dem Misserfolg an der EM 2016, jener bitteren Niederlage gegen Polen, die es gemeinsam verarbeitet hat. Seit zwei Jahren kommt die Nationalmannschaft als harmonische, hungrige Einheit daher. Ein Brief wie jener von Gelson Fernandes an der WM 2014, mit dem er sie wachrütteln wollte, ist nicht nötig.

Kleine Konflikte löste die Mannschaft bislang problemlos und auch Petkovic sagt: «Wir können Differenzen ausgleichen.» Das zeigte sich dieser Tage in Toljatti, als Josip Drmic und Granit Xhaka aneinandergerieten. Die positive Anspannung vor dem Turnier ist da. Trotzdem scheint von aussen etwas gar viel Harmonie vorhanden. Dabei kann doch Reibung auch Positives bewirken – wenn sie nicht zu viel Energie kostet wie seinerzeit vor der EM. Ungewiss ist zudem, wie das Team auf die nahezu vergessen gegangene Erfahrung einer Niederlage reagiert. Das wäre die Prüfung schlechthin.

Es gibt indes keine Anzeichen dafür, dass die Schweiz ausgerechnet in Russland einbricht. Die Crème de la Crème der Spieler ist an Bord, beseelt vom Willen zum Erfolg, bereit zu leiden. Das ist auch unabdingbar. Um etwas zu erreichen, muss sich das Team schon in den Gruppenspielen am Limit bewegen. Alles muss stimmen, und insbesondere die Offensivabteilung muss endlich ihrem Namen gerecht werden. In Russland muss das Team seinen Zenit erreichen.

Nach der WM dürfte sich das Gesicht des Teams verändern, Valon Behrami, Blerim Dzemaili, Stephan Lichtsteiner und Johan Djourou sind über 30 Jahre alt. Ihre Zeit läuft ab, Jüngere stossen nach. Die WM könnte für sie zum Höhepunkt der Karriere werden.

Die Schweizer stehen an der WM an einem günstigen Ausgangspunkt, Spieler und Trainer vertrauen einander, die Turniererfahrung ist eine Trumpfkarte, die sie spielen müssen. Aber anders als früher haben die Schweizer etwas zu verlieren. Bei den Anhängern, bei sich selber. Es wäre schade, wenn das passierte. Es könnte etwas kaputtgehen.

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