Interview

FCL-Präsident über die Lage des Clubs: «Die Spieler verzichten auf einen Teil ihres Lohnes»

Auch beim FC Luzern herrscht derzeit Kurzarbeit. FCL-Präsident Philipp Studhalter spricht im ausführlichen Interview über den Lohnverzicht seiner Profis, die Fortsetzung der Meisterschaft und Ideen für die Zukunft.

Simon Wespi und Cyril Aregger
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Es drohen Geisterspiele in der Swissporarena, welche mit hohen Kosten verbunden sind. «Theoretisch wäre ein Saisonabbruch tatsächlich günstiger», so der FCL-Präsident.

Es drohen Geisterspiele in der Swissporarena, welche mit hohen Kosten verbunden sind. «Theoretisch wäre ein Saisonabbruch tatsächlich günstiger», so der FCL-Präsident.

Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 17. April 2020)

Wie fühlt es sich derzeit an, Präsident eines Super-League-Klubs zu sein?

Philipp Studhalter: Wir sind in einer schwierigen Situation, die für den Club finanziell sehr angespannt und ungewiss ist. Als Klubpräsident ist man es zwar gewohnt, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Aber die aktuelle Situation ist absolut speziell. Aber ich kann feststellen: Wir schauen trotz der unklaren Situation positiv nach vorne.

Die Swisspor-Arena steht derzeit leer und verlassen da. Sind alle rund 160 FCL-Mitarbeiter in Kurzarbeit?

Ja, zu unterschiedlichen Prozentzahlen: Die erste Mannschaft und der Nachwuchsbereich zum Beispiel zu 100 Prozent, auf der Geschäftsstelle zu 50Prozent – gewisse Arbeiten können auch ohne Meisterschaftsbetrieb gemacht werden. Die erste Mannschaft hat hier zudem ein starkes Zeichen gesetzt.

Inwiefern?

Die Mannschaft verzichtet von sich aus auf einen Teil ihres Lohns. Sie kam mit diesem Vorschlag bereits Ende März, kurz nach dem Lockdown auf uns zu – freiwillig. Das Geld kann anderwertig im Klub eingesetzt werden. Dieses Zeichen der Solidarität hat mich überwältigt und hilft dem Klub finanziell kurzfristig.

Kompensiert der FCL den Lohn, der den Mitarbeitern durch die Kurzarbeit wegfällt?

Das war ein Thema. Aber alle unsere Mitarbeiter haben ebenfalls freiwillig darauf verzichtet. Dieser unglaubliche Zusammenhalt aller Mitarbeitenden für den Verein macht mich unglaublich stolz und dankbar.

Dieser Verzicht gilt für die gesamte Phase der Kurzarbeit?

Nein, vorerst «nur» für den Monat April. Wir wissen ja auch noch nicht, wie und wann wir die sportlichen Aktivitäten wieder aufnehmen können. Weiter hinaus zu planen, ist aus unserer Sicht nicht zielführend. Wir informieren alle Mitarbeitenden regelmässig und tauschen uns weiter aus.

Können Sie den Lohnverzicht beziffern?

Es ist ein wirklich substanzieller Beitrag, der uns weiterhilft – aber natürlich bei weitem nicht über den Berg bringt. Aber ich möchte nicht, dass man eine Super-League-Rangliste aufstellt mit den «grosszügigsten» Profis. Die Situation der Klubs kann man nicht vergleichen. Deshalb verzichten wir auf konkrete Zahlen.

Sie haben die Zukunft angesprochen. Rechnen Sie noch damit, dass die Super-League-Saison zu Ende gespielt wird? Es dürfte wohl frühestens im Juni wieder gespielt werden – und es stehen noch 13 Meisterschafts- und drei Cuprunden auf dem Programm.

Das Bundesamt für Sport hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um zu prüfen, wie die einzelnen Sportarten ihren Betrieb wieder aufnehmen können. Auch die Swiss Football League ist dort vertreten. Derzeit habe ich keine Informationen darüber, wie und wann es weitergehen könnte. Hoffentlich wissen wir nächste Woche mehr.

Wie schätzen Sie die Lage ein?

Es muss unser Ziel sein, die Saison weiterzuspielen. Aber es sind noch unglaublich viele Fragen offen: Wie und wie oft müssen die Spieler im Spielbetrieb beispielsweise auf das Virus getestet werden? Was geschieht, wenn sich Spieler angesteckt haben? Was ist mit dem Transferfenster? Können wir Verträge, die am 30. Juni auslaufen, einfach verlängern?

Das spricht nicht unbedingt für eine Weiterführung der Meisterschaft...

Die Super League ist in einen europäischen Rahmen eingebunden. Und die Uefa sagt derzeit klar: Es soll fertig gespielt werden.

Ist das auch Ihre Meinung?

Für die Spieler und die Fans wäre es richtig, einen Abschluss zu haben. Alles andere wäre frustrierend, die Arbeit eines Jahres wäre für die Katz. Aber klar ist auch: Die Gesundheit hat Vorrang. Wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Und das muss man akzeptieren.

Sollte es bei einem Saisonabbruch trotzdem Meister, Auf- und Absteiger geben?

Dazu gibt es derzeit keine Planspiele – und auch kein Reglement, das weiterhelfen könnte. Für mich ist klar, dass die Meisterschaft in diesem Fall nicht gewertet werden sollte. Dann gäbe es weder Meister noch Auf- und Absteiger. Aber dann müsste diskutiert werden, wer denn nun in den europäischen Bewerben antritt...

Stichwort Transfers: Im Sommer laufen unter anderem die Verträge von Dave Zibung, Simon Grether und Christian Schwegler aus. Wie ist da der Stand der Dinge?

Da können wir derzeit schlicht keine Entscheidungen treffen. Das wissen und verstehen auch die Spieler. Unser Glück ist es, dass wir mit 20 Spielern weiterlaufende Verträge haben.

Sieht noch kein Licht am Ende des Tunnels: FCL-Präsident Philipp Studhalter.

Sieht noch kein Licht am Ende des Tunnels: FCL-Präsident Philipp Studhalter.

Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 17. April 2020)

Klar scheint, dass die Saison nur mit Geisterspielen beendet werden kann. Sie rechnen pro Spiel mit 100000 Franken unter anderem für Sicherheit, Licht und Rasenpflege. Dazu kommen fehlende Einnahmen von rund 150000 Franken. Heben das allfällige TV-Gelder – in der letzten Saison waren es 2,5 Millionen Franken – wieder auf?

Theoretisch wäre ein Saisonabbruch tatsächlich günstiger. Aber nur theoretisch. Denn ohne Spiele können auch Sponsorenbeiträge wegfallen – und auch die Transferwerte der Spieler sinken massiv, wenn nicht gespielt wird. Ganz besonders natürlich, wenn nur in der Schweiz die Saison abgebrochen werden würde. Eigentlich gehen also beide Szenarien wirtschaftlich für uns nicht auf.

Was tun Sie dagegen?

Wir sind auf Solidarität angewiesen. Sonst überleben wir nicht. Im Verein ist diese Solidarität vorhanden, wie ich eingangs gesagt habe. Doch wir brauchen auch die Solidarität der Sponsoren, die ihr Engagement weiterziehen, der Fans und auch die Solidarität des Bundes, der uns die finanziell und organisatorisch die Möglichkeit geben muss, diese schwierige Zeit zu überstehen.

Kommt die Stadion Luzern AG, die im Besitz von FCL-Mehrheitsaktionär Bernhard Alpstaeg ist, bei der Stadionmiete – rund 900000 Franken jährlich – ebenfalls entgegen?

Es laufen Verhandlungen, erste Optimierungen gab es bereits.

Sie haben die Fans angesprochen. Planen Sie Aktionen, um diese zur Unterstützung des FCL zu animieren?

Es gibt Ideen, ja. Aber noch ist zu vieles unklar. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie die kommende Saison mit Publikum gestartet werden kann. Grundsätzlich hoffen wir natürlich, dass alle, denen der FCL am Herzen liegt, uns nach seinen Möglichkeiten unterstützen werden.

Wenn auch die neue Saison mit Geisterspielen beginnen müsste: Wäre auch die Einführung einer «Sommermeisterschaft» von Januar bis November ein Thema?

Das ist für mich eine Option. Wir könnten relativ entspannt warten, bis die Zuschauer, die in der Schweiz für einen Grossteil der Klubeinnahmen sorgen, wieder ins Stadion kommen können, es gäbe mehr Spiele bei warmen Temperaturen. Natürlich gibt es auch Fragezeichen: Wie schaut es mit den TV-Verträgen aus? Wie könnte die spiellose Zeit bis Ende Jahr finanziell überbrückt werden? Aber ich bin der Meinung, wir sollten in dieser Situation alles prüfen – es darf hier keine Scheuklappen mehr geben.

Sie würden eine Sommermeisterschaft befürworten?

Sie wäre eine Möglichkeit und eine Chance für den Schweizer Fussball. Gefordert ist hier die Ligakommission, die Optionen aufzeigen kann. Ich denke, so schwierig die derzeitige Lage ist, sie gibt uns auch die Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten und das System zu hinterfragen. Dazu kommen wir im «normalen» Ligaalltag viel zu selten. Nun stelle ich fest, dass die Diskussionen unter den Klubvertretern viel sachlicher und mit viel weniger Eigeninteressen geführt werden.

Die Krise als Chance?

Man muss doch auch in solchen Situationen versuchen, das Positive zu sehen. Und auch wenn ich derzeit noch kein Licht am Ende des Tunnels sehe: Ich weiss, dass wir beim FCL ein gutes Führungsteam und solidarische Mitarbeiter haben. Sie alle werden uns gemeinsam zum Ende des Tunnels führen.