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Die überraschende Faszination des NFL-Draft

Der am Donnerstag beginnende Draft der National Football League (NFL) hat sich vom Nischenprodukt zum mehrtägigen Medienspektakel gewandelt – und soll die Parität der Liga gewährleisten.
Nicola Berger
Bald bereit für die grosse Show: Die Hauptbühne des NFL-Drafts. (Bild: Vera Nieuwenhuis/AP (Nashville, 23. April 2019))

Bald bereit für die grosse Show: Die Hauptbühne des NFL-Drafts. (Bild: Vera Nieuwenhuis/AP (Nashville, 23. April 2019))

Die Philadephia Eagles hatten im Jahr 1935 das Verlieren satt – und eine Idee: Das schlechteste Team der NFL sollte die Möglichkeit haben, als erstes über die besten Talente zu verfügen. Zuvor hatten die Jünglinge ihre Arbeitgeber frei wählen können, was für Disparität sorgte, weil die Starken immer stärker wurden und die Schwachen schwächer. Der Einfall war brillant, das Draftsystem ist ein Segen für den US-Profisport, es garantiert eine gewisse Ausgeglichenheit.

Lieber Arbeiter als NFL-Profi

Die Eagles hielten die Talentschau 1936 gleich selber ab, im Hotel Ritz-Carlton in Philadelphia – und verbrannten sich die Finger. Mit der Nummer-1-Selektion wählten sie Jay Berwanger aus, doch inmitten der Grossen Depression fand der Running Back die Option Profisport zu unsicher: Er lehnte die Vertragsofferte ab und wurde Arbeiter in einer Kunststofffabrik.

Heute wäre das undenkbar, in der NFL winken Ruhm und Millionenverdienste – aber mit den Ad-hoc-Entscheidungen von einst hat der Draft heute ohnehin nichts mehr zu tun. Riesige Scoutingabteilungen beschäftigen sich 365 Tage im Jahr damit, welches Talent zu welcher Organisation passt, sie sezieren dafür in Endlosschlaufe Videomaterial – und stellen manchmal seltsame Fragen: Es kam vor, dass Talente in Interviews auf die Frage antworten mussten, «was ihre bevorzugte Mordwaffe wäre».

Gratistickets für 300 Dollar

Auch die Fans beschäftigen sich ausgiebig mit den Zukunftshoffnungen – und wenn ihnen die Selektion ihres Teams nicht genehm ist, buhen sie am Draft auch schon mal ausgiebig. Der Sportsender ESPN nennt den Draft «die Obsession der Nation», die Veranstaltung ist zu einem dreitägigen Spektakel ausgewachsen. In Nashville werden mehr als hunderttausend Besucher erwartet. Im Vorjahr in Arlington, Texas, war der Andrang so gross, dass eigentliche Gratistickets auf dem Schwarzmarkt für 300 Dollar gehandelt wurden.

Vor allem ist der Draft aber ein Medienspektakel, mehrere TV-Stationen übertragen live (unter anderem auch Pro 7 Maxx, Freitag, 1.45 Uhr); 2018 schalteten insgesamt 45 Millionen Menschen ein, der Marktanteil war grösser als bei den Übertragungen des Stanley-Cup-Finals in der NHL. Es ist eine verblüffende Entwicklung, denn die Liga selbst glaubte einst nicht an ein Vermarktungspotenzial der Veranstaltung. Als ESPN 1979 erstmals anfragte, ob eine Übertragung möglich sei, reagierte der damalige Liga-Kommissionär. Pete Rozelle soll in einer ersten Reaktion gesagt haben:

«Es ist, wie wenn jemand Namen aus einem Telefonbuch vorliest. Wer will sich so etwas ansehen?»

Die Befürchtungen waren unbegründet, der Hunger des Publikums ist gross – auch, weil die NFL-Saison nur wenige Monate dauert und jeweils Anfang Februar mit der Superbowl endet. Die NFL und ihre 32 Teams unternehmen zudem viel dafür, dass der Entertainmentfaktor stimmt. Die Tampa Bay Buccaneers (Seeräuber) liessen ihre Selektionen von einem Papagei vortragen, die San Francisco 49ers bedienten sich zuletzt bei Charakteren aus dem Universum von «Star Wars».

Kyler Murray, die diesjährige Nummer 1?

Auch in Nashville wird es ab Donnerstag an Unterhaltung nicht fehlen, die Gazetten sind seit Monaten voll mit Draft-Berichterstattung; die Schlagzeilen gehören bisher vor allem Kyler Murray, der möglichen Nummer-1-Selektion. Murray, 21, wurde 2018 bereits einmal in der ersten Runde gedraftet: Vom Baseballteam Oakland Athletics. Doch nachdem er bereits einen Vertrag unterschrieben hatte, entschied sich Murray doch für den American Football – es winkt dort mehr beziehungsweise schnelleres Geld. Ja, die Zeiten haben sich verändert, seit Jay Berwanger eine NFL-Karriere als finanziell zu wenig interessant befand. Doch Berwanger kann darüber nicht mehr staunen: Er verstarb im Jahr 2002.

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