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Die unendlich lange Zielgerade auf der Suche nach einem Ort für die Winterspiele 2026

Den letzten zwei übrig gebliebenen Kandidaten für die Olympischen Winterspiele 2026 fehlt der politische Support und damit die Finanzierung. Die Hoffnung liegt nun in der Wirtschaft – und im Rettungsanker Salt Lake City.
Rainer Sommerhalder
Austragungsorte für die Olympischen Spiele zu finden, wie hier im vergangenen Jahr in Pyeongchang, wird immer schwieriger. (Bild: Filip Singer/EPA (Pyeongchang, 21. Februar 2018))

Austragungsorte für die Olympischen Spiele zu finden, wie hier im vergangenen Jahr in Pyeongchang, wird immer schwieriger. (Bild: Filip Singer/EPA (Pyeongchang, 21. Februar 2018))

Den Kandidaten für die Ausrichtung Olympischer Spiele geht es wie den Protagonisten im Lied der zehn kleinen Negerlein. Nach jedem Vers gibt es einen weniger. Und vielleicht droht den zwei verbleibenden Städten für die Winterspiele 2026 gar das gleiche Schicksal wie dem Kindervers. Sie verschwinden ganz von der Bildfläche. Zwar nicht, weil der Inhalt politisch nicht mehr opportun ist, wie im Fall des Liedes. Eher, weil ihre Ambitionen politisch nicht gestützt sind.

Heute läuft die Frist des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ab, bis zu welcher die verbleibenden Mailand/Cortina d’Ampezzo und Stockholm Kerngarantien für die Finanzierung des Megaanlasses abgeben müssen. In der Regel verbürgt sich der Staat für ein Defizit. Aber genau das wird bei beiden Kandidaten fehlen. Italiens Regierung will keine Gelder für Olympische Spiele sprechen. Die Initianten müssen als Bittsteller auf die ­Regionen ausweichen, was den finanziellen Spielraum empfindlich einschränkt. In Stockholm hat das Stadtparlament entschieden, dass es für eine Bewerbung keine Steuergelder gibt. Nun soll die Wirtschaft einspringen.

Von sieben Städten sind es nur noch zwei

Letztlich müssen die beiden Kandidaturen also privat finanziert werden, was manche als sportlich ambitioniert, andere als praktisch unmöglich betrachten. Die Zielgerade bis zur Vergabe der Winterspiele durch das IOC Ende Juni in Lausanne wird für Mailand/Cortina d’Ampezzo und Stockholm unendlich lang, selbst wenn der Termin näher und näher rückt. Das IOC sagt auf Anfrage, dass es nach einer gründlichen Analyse der abgegebenen Unterlagen zusätzliche Informationen oder Garantien verlangen könne. Spätestens am 12. April muss die Finanzierung stehen.

Ursprünglich hatten sieben Städte, darunter das Schweizer Projekt «Sion 2026» Interesse an der Durchführung. Bereits für die Austragung von 2022 schrumpfte das Feld im Verlauf des Kandidaturprozesses von sechs auf zwei Städte. Mit Peking und Almaty war die verbleibende Vielfalt für Wintersport-Puristen wie eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Das Rennen für 2026 gaben Sion und Calgary nach jeweiligen Volksabstimmungen auf, Graz wegen einer drohenden. Sapporo zog sich zurück und will erst 2030 antreten. Denn es wären nach Pyeongchang, Tokio und Peking die vierten Spiele in Asien in ­Folge gewesen. Und Erzurum scheiterte am Veto aus dem olympischen Hauptquartier in Lausanne. Der türkische Wintersportort hätte den Grossteil der Infrastruktur aufbauen müssen und damit die Bestrebungen des IOC für mehr Bescheidenheit und Reduktion der Kosten im Rahmen der «Agenda 2020» ad absurdum geführt. Überraschend kam vor allem das Volks-Nein aus Calgary. Es war die neunte Abstimmung zu Olympia in Serie, die verloren ging, jedoch die erste ausserhalb Europas. Drei frühere Volksbefragungen in Nordamerika ergaben deutliche Zustimmungen. Zudem hat Calgary seine Winterspiele von 1988 noch immer sehr positiv in Erinnerung, und sie endeten mit einem finanziellen Gewinn für den Ausrichter.

Das Problem des IOC, eine Auswahl an Kandidaten zu finden, akzentuiert sich seit längerem. Bei den Sommerspielen musste man für 2024 (Paris) und 2028 (Los Angeles) erstmals eine Doppelvergabe vornehmen, um auf der sicheren Seite zu stehen, nachdem das Kandidatenfeld von Athen 2004 (11 Bewerber) über Peking (10), London (9), Rio (7) und Tokio (5) stetig abnahm.

Für die Winterspiele könnte die Situation noch prekärer werden. In Westeuropa scheinen Volksabstimmungen nicht mehr zu gewinnen zu sein. Ob dies eine Frage des Zeitgeists ist (wie es IOC-Präsident Bach sieht) oder des olympischen Rufs (wie es IOC-Kritiker sehen), bleibe dahingestellt. Die Chance, dass den «staatslosen» Cortina/Mailand und Stockholm auf der Zielgeraden der Schnauf ausgeht, ist so oder so reell. Was, wenn es Ende Juni in Lausanne für die 96 IOC-Mitglieder gar nichts mehr abzustimmen gibt? Eine Notlösung hat das IOC in der Hinterhand. Salt Lake City meldete sein Inter­esse zwar ausdrücklich für 2030 an, der Ausrichter der Spiele von 2002 im US-Bundesstaat Utah wäre aufgrund der schon vorhandenen Infrastruktur aber bereit für eine Rettungsmission.

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