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Die verlorene Romantik des Spengler Cups – und wie ein finnischer Star knapp dem weissen Tod entging

Alles ist in Davos beim Spengler Cup so wohl geordnet. Ach, wäre es doch noch so wie in den wilden 1980er- und 1990er-Jahren.
Klaus Zaugg, Davos
Das Startspiel: Trinec (in Rot) gegen Magnitogorsk. Bild: Andy Müller/Freshfocus (Davos, 26. Dezember 2018)

Das Startspiel: Trinec (in Rot) gegen Magnitogorsk. Bild: Andy Müller/Freshfocus (Davos, 26. Dezember 2018)

Gleich nach der Ausfahrt Landquart, dort wo die Fahrt hinauf in die Berge erst richtig beginnt, stand er. «Socka Hitsch» hatte dort seinen Verkaufsstand. Das war vor ein paar Jahren ein Hinweis auf das Schwinden der Romantik. Ich habe dieses Jahr vergeblich nach dem Bündner Original gesucht.

Und nun ist auch Arno Del Curto nicht mehr da. Aber nicht sein Fehlen hat einem alten Chronisten definitiv vor Augen geführt, dass die wahre Spengler-Cup-Romantik nicht mehr lebt. Es ist das Spiel Magnitogorsk gegen Trinec. Russen gegen Tschechen. Einst das Gipfeltreffen des Welteishockeys. Die Mannschaften aus Russland und der damaligen Tschechoslowakei hatten in den 1980er-Jahren nicht nur eine sportliche Magie. Viel mehr noch eine neben dem Eis. Denn sie waren sprachlos. Es gab in den Zeiten des «Kalten Krieges» keine Erklärungen von Trainern, Managern oder Spielern aus dem Ostblock. Keine Kommunikation mit dem kapitalistischen Klassenfeind. Zwei Drittel der Zeit neben den Spielen verbrachte der Chronist mit dem Versuch, ein Interview mit einem der Hockeygötter aus dem Osten zu bekommen. Ab und zu klappte es. Die Aussagen waren völlig harmlos und doch magisch. Es waren Worte aus dem Osten.

Die Geschichte von Jokerit-Star Juha Lind

Und jetzt? Nach der Partie zwischen Magnitogorsk und Trinec ist es nicht anders als nach Olten gegen Langenthal oder Zug gegen Ambri. Die Trainer und Spieler stehen Red und Antwort. Die Aussagen sind nach wie vor völlig harmlos. Aber das sind inzwischen auch jene der Trainer, Spieler und Manager aller anderen Teams dieser Welt.

Das besondere Spengler-Cup-Reizklima zwischen Weihnachten und Neujahr, zwischen Kommerz und Kultur, zwischen Bett und Bar brachte einst, als es die Romantik des Spengler Cups noch gab, auch Skandale zu schönster Blüte. Einer ist mir ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben. Weil sie nicht geschrieben werden durfte. Ein finnischer Star entging nur knapp dem weissen Tod.

Kein anderer Zwischenfall ist so sorgfältig geheim gehalten worden wie der Skiunfall von Jokerit-Star Juha «The Bird» Lind am Silvestertag 1996. Der damals 22-jährige finnische Center schwemmte am 30. Dezember in einer zünftigen Fete mit seinen Teamkollegen die verpasste Finalqualifikation weg. Zu später Stunde führte er mit Trockenübungen im Hotel «Europe» an der Piano-Bar zum Gaudi der Kollegen die Kunststücke vor, die er am nächsten Tag auf den Davoser Skipisten probieren wollte. Er ging von der «Piano Bar» am Silvestermorgen direkt in ein Sportgeschäft und mietete eine Skiausrüstung. Beim «Bräma­büel» am Jakobshorn kam er von den markierten Pisten ab und konnte sich nicht mehr alleine aus dem tiefen Schnee befreien. Er wäre, zumal alkoholisiert, innert kurzer Zeit erfroren. An gleicher Stelle, weitab von allen markierten Pisten, war ein Jahr zuvor eine Deltaseglerin tödlich verunglückt und ihr Lebenspartner, ein geübter Skifahrer, suchte an diesem Silvester die Unfallstelle auf und fand den finnischen Nationalspieler. Lind entkam dem weissen Tod um ein paar Minuten, musste mit dem Helikopter ins Spital geflogen werden, wo die Ärzte eine Unterkühlung feststellten. Als die Mannschaft am Silvesterabend nach Finnland reiste, hatte Lind immer noch nicht Betriebstemperatur. Auf eigene Verantwortung holte Präsident Harry Harkimo den coolen Lind um die Mittagszeit aus dem Spital, damit er mit seinen Teamkollegen um 17.00 Uhr heimfliegen konnte – nur so konnte der Zwischenfall auch in der Heimat geheim gehalten werden. Da Juhas Vater Arvi Lind in Finnland ein bekannter TV-Moderator ist, hätte ein Bekanntwerden der ganzen Sache die Dimensionen einer Staatsaffäre bekommen. Der «Alptraum» kam Lind noch einmal hoch, als ihm ein paar Monate später, während der A-WM 1997 in Finnland, ein vorwitziger Schweizer Reporter nach dem Training zurief: «Hallo, sind Sie nicht der berühmte finnische Skifahrer?»

Übrigens: den «Socka Hitsch» gibt es immer noch. Er musste seinen Stand bloss wegen der umfangreichen Sanierung der Bahnlinie verlegen. Ich habe also zu wenig intensiv nach ihm gesucht. Vielleicht gibt es ja die Skandale noch. Der Chronist sollte nur intensiver danach suchen.

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