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Die Vorreiter vom Sempachersee

Der Seeclub Sempach feiert mit dem 100-jährigen Bestehen nicht nur seine sportlichen Erfolge.
Stefan Welzel

Im April 1919 fanden sich sechs junge Männer im Sempacher Gasthaus Kreuz ein, um einen neuen Sportclub zu gründen. Dazu gehörten unter anderem ein Tuchvertreter, ein Coiffeur und ein Wagnergeselle. Zusammen mit drei Gleichgesinnten einigten sie sich auf den Vereinszweck, «die Förderung des Rudersports und die Pflege der Geselligkeit» zu verfolgen. Vor allem Zweiteres war den Gründungsmitgliedern des Seeclubs Sempach um ihren ersten Präsidenten Hans Regulati ein wichtiges Anliegen. Man kann sich gut ausmalen, wie das halbe Dutzend Sportsfreunde in fröhlicher Runde beisammensass und dabei den Grundstein zu einem inzwischen sehr erfolgreichen Ruderclub legte. Leicht verspätet feiert der Seeclub nun Mitte August seinen 100. Geburtstag (siehe Kasten). Präsident Roland Renggli schaut dabei nicht ohne Stolz auf die wechselvolle Geschichte und eine Reihe erstaunlicher Pioniertaten in der Schweizer Ruderszene zurück: «Wir haben uns jeweils früh mit gesellschaftsrelevanten Themen wie zum Beispiel Frauen im Rudersport auseinandergesetzt.»

Doch zurück ins Jahr 1919: Kurioserweise mag die Begeisterung fürs Rudern bei den Gründern um Hans Regulati zu Beginn deutlich verhaltener gewesen sein als bei vielen der aktuellen, rund 280 Mitgliedern des Seeclubs. So hielt der Vereinschronist damals fest: «Da bis jetzt kein Mitglied unseres Clubs in einem richtigen Sportboot gesessen hatte, begaben wir uns im Mai per Rad ins Bootshaus des Seeclubs Luzern. Bei einem Clubausflug nach Meggen durften wir als Steuermänner funktionieren.» Mit anderen Worten: Die sechs Männer hatten eigentlich keine Ahnung von dem Sport, den sie ab jenem Frühling nun regelmässig treiben wollten.

Wer ist schneller als Roman Röösli?

Vom 14. bis 18. August begeht der Seeclub Sempach ausgiebig seinen 100. Geburtstag. Zwischen Luzernerstrasse und Seeweg wird eine Festarena mit einem mobilen Pool, einem Festzelt sowie einer Bar aufgebaut. Zu den Höhepunkten zählen der Gottesdienst und Brunch mit Festakt am Donnerstag, 15. August, der Super-Zehnkampf «Poseidon-Seefestspiele» am Samstag, 17. August, bei welchem die Seegemeinden gegeneinander und gegen ein Ruderer «All-Star-Team» antreten sowie das virtuelle Kurzrennen «Schlag den Röösli» gegen Ruderstar Roman Röösli am Sonntag, 18. August. (sw)

Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründeten sich überall in Europa zahlreiche neue Sportvereine. Die Menschen kamen im Zuge des wirtschaftlichen, politischen und technischen Fortschritts zunehmend in den Genuss von mehr Freizeit, die entsprechend gestaltet werden wollte. Rudern wurde bereits 1900 olympische Disziplin und traf in der Schweiz mit ihren vielen ruhigen Binnengewässern auf einen fruchtbaren Boden. Der Seeclub war der zweite Ruderverein auf dem Sempachersee. Schon 1917 wurde in Sursee ein Seeclub gegründet. Den Luzerner Ruderclub Reuss gab es schon seit 1904, den Seeclub Luzern sogar seit 1881.

Sportvereine als Folge von mehr Freizeit

«Wir sind ein verhältnismässig kleiner Verein. Umso erstaunlicher sind unsere Erfolge der vergangenen Jahrzehnte», so Renggli. Unter anderem verweist der 44-Jährige damit auf die Tatsache, dass man der einzige von insgesamt 76 im Ruderverband organisierten Vereinen der Schweiz sei, der seit dem Jahr 2000 durchgehend mindestens einen Sportler oder eine Sportlerin an die Olympischen Spiele schicken konnte. Doch bis der Leistungssport im Seeclub Sempach an Bedeutung gewinnen konnte, verstand man sich ausschliesslich als Breitensport-Verein, bei dem eben jene eingangs erwähnte Geselligkeit fast wichtiger war als die körperliche Betätigung. Dennoch fanden bereits Mitte der 1920er-Jahre erste Rennen auf dem See statt. Zu jener Zeit noch in Bootstypen wie der «Yole de mer», die es heute in dieser Form gar nicht mehr gibt. «Damals waren die Boote viel breiter, und man sass versetzt an den Riemen», erklärt Renggli. Ein erster sportlicher Höhepunkt folgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei der bisher einzigen Schweizer Meisterschaft auf dem Sempachersee 1949 bejubelte der Seeclub seinen ersten nationalen Titel in der Vierer Yole de mer.

Die Männerdomäne wird durchbrochen

Von nun an gehörte der Leistungssport zur festen Grösse im Verein. Doch der Seeclub machte später mehr noch auf gesellschaftlichem als auf sportlichem Gebiet als Vorreiter von sich reden. Und darauf ist Präsident Renggli besonders stolz: «1974 stiegen bei uns die ersten Ruderinnen in die Boote». Damals war das aussergewöhnlich, denn Rudern war ein ausgeprägt männlich dominierter Sport. Lange war es Frauen sogar nicht einmal erlaubt, Rudervereinen beizutreten. Olympisch wurde das Frauenrudern erst 1976. Mit dem erfolgreichen Leistungssportler Peter Schürch trainierte eine Clublegende die neugegründete Juniorinnensparte. Ulrike Heublein Dold war damals eines der ersten Mädchen, die «ab nun wöchentlich drei bis vier Ausfahrten auf dem Programm» stehen hatten, wie sie der Club in seinem Jubiläumsheft zitiert.

Auf die soziale Vorreiterrolle besann man sich auch rund 35 Jahre später, als in Zusammenarbeit mit der Schweizer Paraplegiker-Stiftung das «Nationale Zentrum für Para-Rowing» initiiert wurde. Derzeit gehen fünf körperlich behinderte Sportbegeisterte auf dem Sempachersee regelmässig ihrer Passion nach. «Die Boote sind hierfür mit einem fixierten Spezialsitz und an den Seiten mit Schwimmstützen für das Gleichgewicht ausgestattet», erklärt Präsident Renggli bei einem Rundgang durch das Clubhaus mit seinen rund 60 Booten im Erdgeschoss. Zudem ist das 2009 eingeweihte neue Zuhause des Vereins komplett barrierefrei.

Renggli selbst kam wie viele seiner Generation schon als Bub auf den Rudersport. Mitte der 1980er-Jahre suchte der Seeclub mit der Aktion «Ruderplausch für Schüler» neue Mitglieder. «Seither hat sich der Club kontinuierlich weiterentwickelt. Die Mitgliederzahl hat sich verdoppelt, und wir stehen auf einer soliden Basis», erklärt Renggli. Aktuell ist Profi Roman Röösli das Aushängeschild des Vereins schlechthin. Der 25-Jährige holte diesen Sommer mit dem Lausanner Barnabé Delarze schon zwei Weltcup-Siege und ist amtierender Vize-Europa- und Vize-Weltmeister im Doppelzweier. Für die Grossanlässe wie die WM im österreichischen Ottensheim Ende August sowie Olympia 2020 in Tokio gehört das Duo zum Favoritenkreis. «Ein Weltmeister oder Olympiasieger bei den Profis wäre eine Premiere und natürlich die Krönung für unseren Club», sagt Renggli mit einem Schmunzeln.

Ein Triumvirat für die Zukunft

Derweil sieht Präsident Renggli einem weiteren Vereinsnovum entgegen. Der zweifache Familienvater tritt nach neun Jahren von seinem Amt zurück. Die Nachfolgeregelung fällt dabei unkonventionell aus. «Nach den mehrtägigen Jubiläums-Festivitäten Mitte August werde ich mein Amt einem Triumvirat übergeben.» Co-Leitungen sind im Schweizer Vereinsleben wegen hoher ehrenamtlicher Belastung inzwischen gang und gäbe. Aber dass sich in Zukunft mit Tobias Egli, Marlene Stofer und Basil Grüter gleich drei Personen das Präsidentenamt teilen, ist eine durchaus innovative, fortschrittliche Lösung. So gesehen bleibt der Seeclub Sempach – passend zum Jubiläum – seiner Tradition treu und wagt sich als gesellschaftlicher Vorreiter ins nächste Club-Jahrhundert.

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