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«Dieses Team kann Geschichte schreiben»

Die 22-jährige Laura Künzler führt die Schweizer Volleyball-Nationalmannschaft als Captain an die Europameisterschaft in der Slowakei.
Rainer Sommerhalder
Der Schweizer Teamcaptain Laura Künzler punktet am Netz. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, 6. September 2018 in Montreux)

Der Schweizer Teamcaptain Laura Künzler punktet am Netz. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, 6. September 2018 in Montreux)

Die Schweizer Volleyballerinnen befinden sich im Ausnahmezustand. Die erste sportlich erkämpfte Teilnahme an einer EM-Endrunde hat das Nationalteam der Frauen in neue Sphären katapultiert. „Alles ist ein wenig grösser“, sagt Teamcaptain Laura Künzler.

Etwa der zeitliche Aufwand. Rund 60 Tage haben die 14 Spielerinnen des EM-Kaders seit Mitte Mai miteinander verbracht, um optimal auf das Turnier in der Slowakei vorbereitet zu sein. „Dass ich nach einem strikten Zeitplan Zeitungsinterviews gebe, habe ich auch noch nie erlebt“, sagt Künzler. Mit einem speziellen Medientraining wurden die jungen Sportlerinnen auf das für sie ungewohnte öffentliche Interesse vorbereitet. Auch die Live-Übertragungen im Fernsehen sind für das Schweizer Volleyball noch ungewohnt.

Laura Künzler spürt bei sich und den Kolleginnen „eine riesige Vorfreude“ auf die am Freitag beginnende Endrunde. Man möchte das Turnier in vollen Zügen geniessen. Mit welchen sportlichen Zielen? „Wir wollen eine unglaubliche EM spielen“, sagt die 22-Jährige.

Fünf Ligen von der Weltspitze entfernt

Nationaltrainer Timo Lippuner kennt die sportlichen Relationen. Die Schweiz ist in ihrer Sechsergruppe ultimativer Aussenseiter. „Gegen Russland und Deutschland wäre bereits ein Satzgewinn eine grosse Überraschung. Von diesen beiden Gruppengegnern trennen uns fünf Ligen, von Weissrussland vier und von Spanien und der Slowakei zwei“, sagt der 39-Jährige, der das Amt des Nationaltrainers nach der EM und nach sechs Jahren in dieser Funktion niederlegen wird.

Um die kleine Chance auf ein Weiterkommen zu nutzen, fokussiert sich die Schweiz auf die zwei Begegnungen mit den Spanierinnen und den Gastgebern, die am ehesten in Reichweite liegen. „Wir wollen an der EM unsere Bestleistung abrufen“, sagt Lippuner, der mit dieser Premiere aber noch etwas anderes erreichen will. „Ich möchte, dass die 14 Spielerinnen mit der Erkenntnis in die Schweiz zurückkehren, dass eine solche EM das coolste Gefühl bietet, das eine Sportlerin erleben kann. So dass sie selber in Zukunft noch mehr in den Sport investieren und bei weiteren Spielerinnen die Motivation auslösen, so etwas ebenfalls erleben zu wollen.“

Laura Künzler hat diese Extramotivation längst gefunden. Schon als Jugendliche, als sie noch in ihrem damaligen Wohnort Neuenhof in der 4. Liga spielte, träumte sie von grossen Zielen. Und die 189 cm lange Aussenangreiferin ist ihren Weg seither konsequent gegangen. Im Herbst 2013 debütierte sie mit 16 Jahren und als damalige NLB-Spielerin in der Nationalmannschaft. Schon drei Jahre später wurde sie Captain.

Künzler und Storck als Schweizer Trümpfe

Als 17-Jährige zog die zweitälteste von vier volleyballverrückten Schwestern von zuhause aus, um mit dem NLA-Team Sm’Aesch-Pfeffingen um den Schweizer Meistertitel mitzuspielen. Vor zwei Jahren wechselte Künzler in die Bundesliga zu den Roten Raben Vilsbiburg. Zusammen mit der nochmals zwei Jahre jüngeren Maja Storck, die ebenfalls in Deutschland spielt, bildet die passionierte Köchin (Spezialmenü: Thai-Curry mit Shrimps) das Rückgrat der Nationalmannschaft.

Eine Konstante gibt es in der sportlichen Laufbahn von Laura Künzler. Sie heisst Timo Lippuner. Der Solothurner hat sie in die Nati geholt, er war drei Jahre lang ihr Klubtrainer bei Sm’Aesch. Er wechselte gleichzeitig wie Künzler zu den Roten Raben. „Für jemanden in ihrem Alter hat sie bereits einen extremen Reifeprozess durchgemacht“, sagt Lippuner. „Sie wird von allen im Team akzeptiert.“ Künzler selber möchte in ihrer Funktion vor allem „dem Team helfen und dabei Präsenz und Ruhe ausstrahlen.“ Sie sei auch privat eine Person, die sich gut in andere Leute hineinversetzen kann und zu helfen versuche, wenn es jemandem nicht gut gehe. Durch ihre sportlichen Erfahrungen sei sie als Person „sehr gewachsen“.

Nach der EM trennen sich die Wege von Lippuner und Künzler erstmals. Er bleibt in der Bundesliga, sie wechselt zum letztjährigen Qualifikationssieger Mulhouse in die französische Liga. „Das ist gut so, denn neue Inputs helfen ihr, den nächsten Schritt zu machen“, sagt Lippuner, der bei der 22-Jährigen noch grosses Steigerungspotenzial ausmacht. Auch wegen zwei schweren Bänderverletzungen fehlte bei Künzlers Entwicklung ein wenig die Kontinuität.

Schweizer Team im Lernprozess

Dem jungen Schweizer Team mit einem Durchschnittsalter von knapp 21 Jahren traut Laura Künzler viel zu. Man zeige bereits jetzt phasenweise „unglaubliche Ballwechsel“, etwa beim Satzgewinn gegen Deutschland diesen Frühling am Volley Masters in Montreux. Nur scheitere man noch regelmässig an der eigenen Unkonstanz, sagt die Teamleaderin, die sich in einem Fernstudium der Pädagogik widmet. Nach der Profikarriere möchte sie gerne mit kleinen Kindern arbeiten. Auch an der Präzision habe man in den letzten Wochen intensiv gearbeitet.

Die 22-Jährige spricht von einem „unglaublichen Potenzial“, welches dieses Team mitbringe. Für sie sei es die bestmögliche Schweizer Frauen-Nati. Und sie spürt: „Dieses Team kann im Schweizer Volleyball Geschichte schreiben“. Wenn nicht schon in den nächsten Tagen in Bratislava, dann auf jeden Fall irgendwann in Zukunft. „Voraussetzung, wir bleiben zusammen.“

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