DRACHENBOOTSPORT: Im Gleichschlag zum Grosserfolg

Ein Boot, 22 Insassen, ein Ziel – die Schweizer Nationalmannschaft bereitete sich in Sarnen auf die WM vor. Bettina Bieler, Paddlerin mit Luzerner Wurzeln, erklärt die exotische Sportart.

Stephan Santschi
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Bettina Bieler (vorne rechts) beim Training mit dem Schweizer Nationalteam auf dem Sarnersee. (Bild: Boris Bürgisser (Sarnen, 27. Mai 2017))

Bettina Bieler (vorne rechts) beim Training mit dem Schweizer Nationalteam auf dem Sarnersee. (Bild: Boris Bürgisser (Sarnen, 27. Mai 2017))

«Es ist der Teamsport schlechthin. Im Volleyball hat im Vergleich jeder seine spezifische Rolle. Bei uns macht aber jeder das Gleiche.» So umschreibt Bettina Bieler ihre grosse Leidenschaft, den Drachenbootsport. Ende Mai gastierte die Schweizer Nationalmannschaft zum Trainingslager in Sarnen. Es war ein ungewohntes Bild, das sich dort dem Beobachter bot. 22 Menschen sassen hintereinander in zwei Reihen auf Holzbänken, 20 davon paddelten im Gleichschlag, trieben das Boot mit Drachenkopf und Drachenschwanz bei herrlichem Wetter über den Sarnersee. Am Heck befand sich der Steuermann, am Bug sorgte der Trommler für den Rhythmus. Den Bewegungsablauf kennt man aus dem Kanurennsport, wobei sich dort maximal vier Akteure in einem Boot befinden. Der Drachenbootsport setzt in Sachen Zusammenarbeit also nochmals einen obendrauf. «Alles dreht sich um Synchronität», sagt Bieler.

Die 39-jährige Wädenswilerin mit Luzerner Wurzeln ist eines von insgesamt 28 Mitgliedern des Schweizer Nationalteams, das zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern besteht. Ihre Liebe zum Drachenbootsport entdeckte sie in Fernostasien, wo der Sport ursprünglich auch herkommt. Acht Jahre lebte sie in Hongkong, arbeitete im Businessdevelopment für eine Genfer Uhren- und Schmuckfirma. «Im Reich der Mitte betreiben laut Schätzungen rund 50 Millionen Menschen Drachenbootsport. Wichtige Wettkämpfe werden live vom chinesischen Staatsfernsehen übertragen», erzählt Bieler. Zurückzuführen sei der Drachenbootsport auf die Urform des Bootes, den Einbaum, «das ursprünglichste aller Fortbewegungsmittel». Die Rennboote bestehen heute aber nicht mehr aus Holz, sondern ganz modern aus Carbon.

«Luzern wäre prädestiniert»

Obwohl der Schweizerische Drachenboot-Verband mit der Gründung 1993 als Pionier in Europa gilt, fristet die Sportart hierzulande ein stiefmütterliches Dasein. Beim einen oder anderen Kanu-Club ist sie zwar integriert, Vereine, die sich ganz und gar dem Drachenboot widmen, gibt es indes nur deren drei – und alle sind sie im Raum Zürich zu Hause (Eglisau, Meilen, Greifensee). «Luzern hat kein Team, dabei wäre es mit See und Fluss dafür prädestiniert», bedauert Bieler. Die Tochter eines Bündners und einer Luzernerin schwärmt von der Heimat ihrer Mutter, «in Luzern verbinden sich das Wasser und die Berge auf extrem schöne Weise. Nach meiner Auslandzeit schaue ich diese Gegend mit anderen Augen an, sie ist effektiv aussergewöhnlich.» Aufgewachsen im Bündnerland, habe sie in den Ferien oft ihre Grosseltern in Vitznau besucht, «der Sommer in Graubünden dauert gefühlt ja nur ein Wochenende», sagt sie schmunzelnd. Auch heute ist der Kontakt nach Luzern nicht abgebrochen, ihr Gotti und ihr Götti, aktuell Verwaltungsratspräsident von Energie Wasser Luzern, leben noch in der Stadt.

Zurück zum Sport. Das Schweizer Nationalteam bestritt Ende Mai in Sarnen eine weitere Trainingsetappe auf dem Weg zum grossen Ziel, der Weltmeisterschaft im Oktober in Kunming, China. Für Bieler, die erst seit einem Jahr im Nationalteam figuriert, ist der Austragungsort umso spezieller, weil er für sie eine Rückkehr nach China bedeutet. Neben dem Standardboot mit 20 Paddlern stehen auch Wettkämpfe in einem kleineren Boot mit zehn Paddlern auf dem Programm. Gestartet wird über die Distanzen 200, 500 und 2000 Meter. 2015 gewann die Schweiz in zwei Kategorien WM-Bronze. «Eine Medaille ist immer das Ziel, wir dürfen diese aber nicht einfach erwarten», sagt Bieler und fügt kämpferisch an: «Wenn mindestens ein Dutzend Leute in einem Boot sitzen und das Gleiche erreichen wollen, kann man Unmögliches möglich machen.»

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch