DRESSURREITEN: Nur die Medaillen sind in Pension

Christine Stückelberger feierte gestern im toggenburgischen Kirchberg ihren 70. Geburtstag. Die Grande Dame der Dressur ist immer noch die erfolgreichste Schweizer Pferdesportlerin.

Peter Wyrsch
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Christine Stückelberger präsentierte im August 1976 die Goldmedaille, die sie an den Olympischen Spielen im kanadischen Montreal gewann. (Bild: Keystone)

Christine Stückelberger präsentierte im August 1976 die Goldmedaille, die sie an den Olympischen Spielen im kanadischen Montreal gewann. (Bild: Keystone)

Peter Wyrsch

Christine Stückelberger ist im Schweizer Sport ein Begriff, eine Ikone des Reitsports. Die Berner Arzttochter gewann an nationalen und internationalen Titelkämpfen insgesamt 40 Medaillen, darunter mit ihrem Ausnahmepferd Granat Olympiagold 1976, WM-Gold 1978 und EM-Gold 1975 und 1977. Fünf Jahre, von 1974 bis zur EM 1979, blieb sie mit dem auf einem Auge blinden Holsteiner-Wallach unbesiegt. Die im Toggenburg in Kirchberg auf dem Hasenberg heimisch gewordene Bernerin feiert heute ihren 70. Geburtstag und sitzt noch täglich im Sattel ihrer geliebten Pferde.

«Nur meine 40 Medaillen, die ich während rund 30 Jahren gewonnen habe, sind in Pension gegangen. Ich setze mich noch nicht zur Ruhe, sitze im Pferdesattel und kümmere mich um meine neun Pferde und sechs Hunde.» Ihre Medaillen indes hat Stückelberger, die ihren «bärndütschen» Dialekt nie verloren hat, vor vier Jahren in die Olympiasammlung des Museums von Markus Osterwalder nach Herisau gegeben. Sie hat sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, sich von ihren wertvollsten Auszeichnungen zu trennen. «Ich habe ja keine Nachkommen.»

Ein Leben für Pferde

Ein Leben ohne Pferde und Hunde kann sich die 14-fache Schweizer Meisterin und Schweizer Sportlerin des Jahres 1976 nicht vorstellen. «Sie gehörten stets zu meiner Familie. Schon als Dreikäsehoch versteckte ich mich im Pferdestall.» Die Tiere haben noch mehr an Zuneigung und Beachtung gewonnen, seit ihr langjähriger Trainer und Lebenspartner Georg Wahl 2013 im 94. Lebensjahr auf seinem geliebten Hasenberg verschieden ist. Der Schlesier war ehemaliger Oberbereiter der Spanischen Hof­reitschule in Wien und ein aussergewöhnlicher Dressurreiter und -trainer. «Ich habe Herrn Wahl so viel zu verdanken. Ohne ihn wäre ich nie in die internationale Dressurspitze aufgerückt.» Wie bitte? «Herr Wahl», nach fast 50 gemeinsamen Lebensjahren? «Natürlich haben wir uns in Haus, Stall und im engen Pferdezirkel geduzt. Aber ich spreche in der Öffentlichkeit von Herrn Wahl aus Hochachtung vor dieser einmaligen Person. Er war ein heraus­ragender Pferdefachmann und trotz seiner eisernen Disziplin ein her­zens­guter Mensch.» Bei diesen Worten wedeln schon wieder die Jack-Russell-Terrier um die Füsse der Dressur-Ikone. Die Enkelin des ehemaligen Bundesrats und zweifachen Bundespräsidenten Eduard von Steiger (1881–1962) züchtet und verkauft Hunde von edler Abstammung. «Nur Jessy wird nie verkauft. Er war Herr Wahls Lieblingshund und lag neben seinem Kopf, als er friedlich und für immer einschlief.»

Christine Stückelberger, die ihre Toppferde (Granat, Achat, Aquamarin, Azurit, Opal, Onix, Turmalin, Tansanit) stets nach Edelsteinen benannte, hat noch heute einen langen Arbeitstag. «Jeden Tag ist um 6 Uhr Tag­wache, und meist falle ich am späten Abend müde ins Bett. Meine Tiere und mein Betrieb müssen ja versorgt werden. Mit meinen Erfolgen wurde ich nicht reich. Ich kann mir nicht viele Angestellte leisten.» Da ist die ganze Kraft gefragt, obwohl sie zahlreiche Unfälle und gesundheit­liche und private Rückschläge verkraften musste. Ihre Pferde sind und bleiben ihr Leben.