Analyse

Egal was passiert – dieses Team verdient Kredit

Die Schweiz startet heute gegen Schweden in ihre EM-Kampagne. Vieles scheint möglich für das junge Team. Das Weiterkommen, aber auch das Ausscheiden nach drei Spielen. Eine Analyse.

François Schmid-Bechtel
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François Schmid-Bechtel.

François Schmid-Bechtel.

Es kann sein, dass am kommenden Dienstagabend die EM für die Schweiz bereits Geschichte ist. Es kann sein, dass die Schweiz alle ihre drei Gruppenspiele verliert und mit null Punkten nach Hause reist. Schliesslich haben unsere Handballer die letzten 14 Jahre bei Endrunden nur zugeschaut. Und Endrunden gibts in dieser Sportart jährlich. Aber selbst wenn der Worst Case eintritt, kommt die EM-Teilnahme genau zum richtigen Zeitpunkt.

Die EM-Teilnahme kommt zum richtigen Zeitpunkt, wiel sie der letzte Beleg für die enormen Fortschritte im Schweizer Handball ist.

Wenn es nach der Papierform geht, verliert die Schweiz heute gegen Gastgeber Schweden, den EM-Zweiten von 2018. Polen, der zweite Gegner, kann mit ziemlich viel Zuversicht als gleichwertig eingestuft werden. Slowenien, der Antipode im abschliessenden Gruppenspiel am Dienstag, ist indes wieder klarer Favorit. Aber von Papierform redet kaum jemand im Schweizer Lager. Stattdessen verweist man selbstbewusst auf die jüngsten Exploits. Beispielsweise den Sieg gegen Vize-Weltmeister Norwegen. Den Erfolg gegen Deutschland vor fast 12000 Zuschauern in Düsseldorf.

Die EM-Teilnahme kommt zum richtigen Zeitpunkt, weil sie der letzte Beleg für die enormen Fortschritte im Schweizer Handball ist. Sicher, Nationaltrainer Michael Suter hat nicht unrecht, wenn er sagt, seine Mannschaft wäre selbst dann auf dem richtigen Weg, wenn sie die Qualifikation nicht geschafft hätte. Aber als Verkaufsargument dient dieser Ansatz wenig. Nein, es braucht diese Teilnahme, um den Schweizer Handball einer breiten Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Um die Begeisterung oder zumindest das Interesse bei jenen zu wecken, die kein Harz an den Händen haben. Es braucht diese Teilnahme, um Handball wieder salonfähig zu machen. Es brauchte diese EM auch, um neue Partner wie Mitsubishi oder den UBS Kids Cup zu gewinnen.

Michael Suter duldet keine halben Sachen

Egal was passiert – dieses Team verdient Kredit. Als Michael Suter 2007 im Verband als Nachwuchstrainer anheuerte, war der Schweizer Handball so tief gesunken, dass man sogar mit dem Gedanken spielte, die U-Teams abzuschaffen. Trotz fehlender Jobgarantie, trotz fehlender Perspektiven: Suter liess sich nicht beirren. Er schuftete wie ein Berserker. Und übertrug seine Leidenschaft auf die jungen Spieler. Handball oder kein Handball. Jedenfalls keine halben Sachen. Keiner fragte, was dabei herausschaut. Der Lohn war nicht monetärer Art, sondern erfolgte in Form von zehn von zwölf möglichen EM oder WM-Teilnahmen des Schweizer Nachwuchses.

Diese fast kindliche Liebe für den Sport ist heute noch spürbar bei den Nationalspielern. Jedenfalls ist keine Abgehobenheit erkennbar, obwohl die Hälfte der 16 Spieler im Ausland engagiert ist. Und das nicht bei irgendwelchen Dorfklubs. Torhüter Nikola Portner gewann 2018 mit Montpellier die Champions League. Oder Andy Schmid, Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen, wurde fünfmal zum wertvollsten Spieler der Bundesliga gewählt – es ist das Palmares eines Weltstars seiner Sportart.

Der Handballsport ist im Aufschwung. Und da wäre es bedauernswert, wenn man in der Schweiz diesen Trend verschlafen würde.

Wenn die Handballer an die EM nach Göteborg fliegen, geht es nicht darum, wer den teuersten Brillanten im Ohr oder den coolsten Drittwagen hat. Im Gegensatz zum Fussball ist hier alles etliche Nummern bodenständiger. Die Spieler reisen in Jeans statt im Anzug. Sie mischen sich im Flugzeug unters Volk. Sie logieren in einem unprätentiösen Hotelkasten zusammen mit den Slowenen und den Polen. Und keiner macht die hohle Hand. Würde auch nicht drin liegen. Denn die EM-Teilnahme ist für den Verband bestenfalls ein Nullsummenspiel. Da werden nicht wie im Fussball (9,25 Millionen Antrittsgage für die EM 2020) mal ein paar Millionen überwiesen. Der Veranstalter übernimmt pro Delegation nur für 24 Personen die Hotelkosten.

Trotzdem: So eine Handball-EM ist längst keine Kirmesveranstaltung mehr. Eben erst hat Vermarkter Infront für 500 Millionen Euro die Rechte für die nächsten zehn Jahre (inklusive europäische Klubwettbewerbe) erworben. Der Sport ist im Aufschwung. Und da wäre es bedauernswert, wenn man in der Schweiz diesen Trend verschlafen würde.

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