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Ein Freispruch der 2. Klasse

Am letzten Wochenende hatten die Organisatoren der Tour de France (7. bis 29. Juli) den Briten Chris Froome (33) ausgeschlossen. Nun darf er doch starten, nachdem ihn der Weltverband vom Dopingvorwurf freigesprochen hat.
Tom Mustroph
Chris Froome vor dem Training. (Bild: Peter Dejong/Keystone)

Chris Froome vor dem Training. (Bild: Peter Dejong/Keystone)

Der überraschende Freispruch für Chris Froome basiert auf nachträglichen Berechnungen, dem Geltendmachen von Paragrafen, die beim Ereignis selbst noch gar nicht verabschiedet waren und dem vagen Hinweis, dass nicht alle physiologischen Faktoren im Körper Froomes messbar oder nachträglich simulierbar waren. Gravierender ist noch, dass es Froome gelang, die Beweislast vom Athleten zum Ankläger zu transferieren – eine 180 Grad-Wendung im Kampf gegen das Doping.

Bekannt war bereits, dass Froomes gemessener Salbutamolwert von 1.920 ng/ml rechnerisch auf 1.429 ng/ml angepasst wurde. Salbutamol ist ein medizinisches Mittel, das bei Asthma und bei chronischer Bronchitis angewendet wird. Die Grundlagen für den Freispruch sind offenbar Studien über Flüssigkeitsverluste bei grossen Anstrengungen. Dreiwöchige Rundfahrten gehören mit Sicherheit in diese Kategorie.

Wie hoch bei Froome die durchschnittlichen Flüssigkeitsverluste waren, wie sie von Minimal- wie Maximalwerten unter- beziehungsweise überboten wurden, in welchem Setting die Messungen stattfanden und wie vergleichbar die Tests mit Froomes Vuelta-Fahrt waren. Das lässt ein grosses Fragezeichen an dem Wert von 1.429 ng/ml – weit über dem Grenzwert - 1.000 ng/ml - lag Froome nämlich immer noch.

«Sehr deutliche Erhöhung innerhalb der Limiten»

Zu Hilfe kam ihm und seinem Verteidigungsteam nun eine neue Berechnungsgrundlage für Grenzwerte der Wada. Die wurde am 15. November 2017 vorgestellt – zwei Monate nach Froomes Durchbrechen der Salbutamol-Schallmauer. In Kraft gesetzt wurde sie am 1. März 2018. Rechtlich gesehen galt sie also gar noch nicht für den Froome-Fall. Sie wurde aber rückwirkend angewendet. Das klingt einerseits nach Rechtsbeugung. Fachlich kann man die Entscheidung aber auch begrüssen, weil eben neuere Forschungsergebnisse berücksichtigt werden. Messfehler sollen so ausgeglichen werden.

Die neue Verordnung erhöht in zwei Schritten den Grenzwert von 1.000 ng/ml auf 1.200 ng/ml. Als «absolute Standardungenauigkeit» werden für Salbutamol 100 ng/ml gesetzt, als «relative Standardungenauigkeit» zudem 10% des Grenzwerts, also weitere 100 ng/ml, bestimmt. Addiert mit dem Grenzwert kommt man dann auf die 1.200 ng/ml. Warum allerdings nicht gleich der Grenzwert erhöht wurde, wird in dem Dokument nicht erklärt.

Die neuen Toleranzbereiche – sie gelten auch für andere Substanzen wie Ephedrin, Morphin und Wachstumshormon – führten dazu, dass Froomes Grenzwertüberschreitung nun nicht mehr fast das Doppelte betrug, sondern weniger als 20 % - mit 1.429 ng/ml liegt er nur 229 ng/ml über der neuen Schwelle.

Als zusätzlichen Parameter führte der Wissenschaftliche Direktor der Wada, Olivier Rabin, den Fakt ein, dass 60 bis 70% des Salbutamols beim Inhalieren direkt in den Stoffwechsel gingen. Rabin erklärte: «Wir hatten in diesem Fall verschiedene spezifische Faktoren. Es gab erstens eine sehr deutliche Erhöhung der Dosis in den Tagen zuvor, allerdings innerhalb der erlaubten Limiten. Zweitens wurde er wegen einer Entzündung behandelt. Und dann gab es noch den physiologischen Effekt des Rennens selbst sowie andere Faktoren wie Nahrungsergänzungsmittel. All das in Betracht ziehend entschieden wir, dass eine Untersuchung des Stoffwechsels und der Exkremente Froomes nicht möglich und das Testergebnis selbst nicht unvereinbar mit therapeutischen Dosierungen war.»

Das bedeutet: Weil nicht alle Faktoren messbar und quantifizierbar sind, könnte Froome beim Inhalieren tatsächlich innerhalb der erlaubten Mengen geblieben sein.

Plötzlich war Froome an der Vuelta wieder da

Eine ungutes Gefühl bleibt dennoch, wenn man sich den sportlichen Verlauf der Vuelta 2017 vor allem in den Tagen vor und nach der Messung noch einmal vor Augen führt. Froome ver lor im Vorfeld kontinuierlich Zeit auf seinen härtesten Rivalen Vincenzo Nibali: 20 Sekunden auf der 12. Etappe, gleich 42 Sekunden am Tag vor dem ominösen Testergebnis. Froome selbst konnte in diesem Zeitraum nur beim Zeitfahren (16. Etappe) auftrumpfen und auf der 15. Etappe magere sechs Sekunden auf Nibali gewinnen. Ansonsten sah er den Sizilianer eher von hinten. Am 7. September, genau an dem Tag der Probe nach dem Rennen, änderten sich aber die Verhältnisse. Froome schien wie ausgewechselt, nahm am gleichen Tag Nibali 21 Sekunden ab, und zwei Tage später sogar 34 Sekunden. Vielleicht war die Entzündung, von der Wada-Forschungschef Rabin sprach, abgeklungen. Die zeitliche Korrelation zu dem erhöhten Salbutamolwert vom 7. September legt aber auch nahe, dass Froome von einer erhöhten Dosis profitiert haben könnte. Dass er selbst die Dosis erhöht hatte, ist unstrittig. Unklar bleibt weiterhin, ob er bei der Einnahme innerhalb des erlaubten Bereichs blieb oder ihn doch überschritt. «Freispruch aus Mangel an Beweisen» sagt man dazu. Es ist ein Freispruch, aber einer der 2. Klasse.

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