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Ein Märchen mit Makel hier, ein fassungsloser Djokovic da

Marco Cecchinato besiegt im Viertelfinal der French Open Novak Djokovic. Während der Serbe in eine Sinneskrise fällt, möchte der Sensationssieger seine unrühmliche Vergangenheit ruhen lassen.
Jörg Allmeroth, Paris
Marco Cecchinato liegt jubelnd auf dem Sandplatz. (Bild: EPA)

Marco Cecchinato liegt jubelnd auf dem Sandplatz. (Bild: EPA)

Die Wege von Novak Djokovic und Marco Cecchinato haben sich schon einige Male gekreuzt. Aber da war die Hackordnung immer eindeutig. Djokovic war der schillernde Weltstar, der ­Allesgewinner im Tennisbetrieb. Und der Mann, der sich zu Trainingszwecken einige Sparringpartner in seine Wahlheimat nach Monte Carlo einbestellte. Auch Cecchinato war darunter, ein 25-jähriger Italiener mit unorthodoxem Stil, ein Typ mit Raffinesse und Flexibilität auf dem Court. «Djokovic ist eigentlich so etwas wie ein Vorbild für mich», so Cecchinato.

Der «Djoker» ist sprachlos

Aber falschen Respekt vor grossen Namen hat der Sizilianer nicht. Auch nicht gestern Abend, als er Djokovic gegenüberstand. Dreieinhalb Stunden kämpfte Cecchinato mit aller Leidenschaft, unbeugsamer Moral und glänzender Improvisationskunst. Dann hatte er eine Geschichte produziert, die dem Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär glich. 6:3, 7:6 (7:4), 1:6 und 7:6 (13:11) besiegte der 72. der Weltrangliste im Viertelfinal den übermächtig favorisierten Djokovic – und stürzte ihn auf ein Neues in eine Sinnkrise. «Ich bin sprachlos», sagte der 31-jährige Serbe hinterher, «ich weiss nicht, was ich jetzt sagen soll.»

«Er hat überhaupt keine Nerven gezeigt»

Und dann, in der tiefen Depression des Augenblicks, stellte der zwölfmalige Grand-Slam-Champion sogar seine Teilnahme an den kommenden Rasenturnieren in Zweifel, also auch das Mitwirken in Wimbledon. «Ich weiss, ehrlich gesagt, nicht, wie es jetzt weitergeht», so Djokovic. Es war das wohl unwahrscheinlichste unter allen Ergebnissen an diesen French Open: der fortgesetzte Triumphzug des tüchtigen Aussenseiters Cecchinato. Und der jähe Absturz von Djokovic, der sich wohl schon auf sicherem Weg in den Halbfinal wähnte, ­bevor ihm sein ehemaliger Trainingsassistent einen dicken Strich durch die Rechnung machte.

«Cecchinato hat gespielt, als wäre es ein beliebiges Match», so Djokovic. «Er hat überhaupt keine Nerven gezeigt.» Ganz anders als Djokovic selbst, der zerbrechlich wirkte. Zwar hatte er nach ­kapitalem Fehlstart wieder die Regie in der Partie übernommen, verkürzte zum 1:2 nach Sätzen und führte auch im vierten Durchgang. Aber dann liess er, auf einmal fahrig und nervös, Cecchinato zurück ins Spiel.

Alte Weggefährten, alte Probleme

Es war ein Indiz dafür, dass er noch längst nicht wieder über die Autorität und Aura verfügt, die ihn auf der Höhe seiner Dominanz ausgezeichnet hatten. Auch seine alten, ins Team zurückgeholten Weggefährten, Trainer Marjan Vajda und Fitnesspapst Gebhard Gritsch, verfolgten entgeistert, wie Djokovic alle Kon­trolle und schliesslich in einem hochklassigen Tiebreak im vierten Satz das Spiel verlor.

Dieser Rückschlag für Djokovic kam zum ungünstigsten Moment in seiner Comeback-Mission – nämlich in der Saisonphase, in der die meisten Punkte und die wichtigsten Titel vergeben werden. Und in der Selbstbewusstsein für den Rest des Jahres aufgebaut wird. Oder nun eben frischer Frust, wie bei Djokovic.

Die öminöse «Fall Cecchinato»

In Normalform hätte er, der einst so umschwärmte Bewegungskünstler und Dauersieger, kühl das Tennismärchen von Cecchinato beendet. Aber so ging der Vormarsch des Italieners weiter, der vor den French Open 2018 noch kein einziges Grand-Slam-Match gewonnen hatte und meist abseits der grossen Schlagzeilen seiner Arbeit bei Challenger-Wettbewerben nachgegangen war. Schlagzeilen hatte er bisher nur einmal produziert: Vor zwei Jahren wurde er wegen Wettmauschelei vom italienischen Tennisverband zu einer 18-monatigen Sperre verurteilt. Später wurde diese auf zwölf Monate reduziert, dann ganz aufgehoben. Angeblich wegen eines Verfahrensfehlers.

In Paris will Cecchinato nicht über die Affäre reden, seine Konzentration gelte ganz «diesem Moment in meinem Leben». Als nächstes wartet im Halbfinal Dominic Thiem. Der Österreicher liegt im Ranking derzeit auf dem achten Platz und besiegte in seinem Viertelfinal den Deutschen Alexander Zverev souverän in drei Sätzen.

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