Analyse zum ersten Zuger Meistertitel seit 1998
Der EV Zug - ein Meister des Verstandes und des Geldes

Mit dem 5:1-Sieg gegen Servette holt sich der EV Zug den Meistertitel. Was steckt hinter diesem Erfolg?

Klaus Zaugg
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Alles richtig gemacht: Der EV Zug bejubelt erstmals seit 23 Jahren einen Meistertitel.

Alles richtig gemacht: Der EV Zug bejubelt erstmals seit 23 Jahren einen Meistertitel.

Pascal Muller / freshfocus

Wer Meister wird, hat alles richtig gemacht. Also verneigen wir uns vor dem EV Zug, dem Meister von 2021. Zu klären ist nur noch die Frage: warum Zug? Was steckt hinter diesem Erfolg? Ist es Glück? Ein Wunder oder der logische Ausgang einer durch die Viruskrise durcheinandergebrachten Meisterschaft? Ist es ein Triumph der Herzen und Emotionen oder mehr einer des Verstandes und des Geldes?

Zugs zweiter Titel nach 1998 ist ein Triumph des Verstandes und des Geldes. Verstand und Geld sind die wichtigsten Zutaten zu einem Meistermenu. Das wird oft unterschätzt. Seit Einführung der Playoffs hat nie ein Aussenseiter triumphiert. Auch nicht Ambri oder Gottéron, die mit so viel Emotionen, unendlicher Leidenschaft und grossen Herzen bis in den Final gekommen und dort gescheitert sind.

Das Geld, reichlich vorhanden in einem der reichsten «Stadtstaaten» der Welt, ist die Voraussetzung für eine perfekte Infrastruktur und die Rekrutierung des richtigen Personals. Dass Geld allein nicht reicht, zeigen die Beispiele von Lugano (seit 2006 nie mehr Meister) oder Lausanne (noch nie Meister). Es braucht auch den Verstand. Die Weitsicht und die Geduld der Investoren um Präsident Hans-Peter Strebel und den Sachverstand seiner «Bürogeneräle». Ja, das Drehbuch dieses «Making of a Champion» kann als Lehrmittel in jeder Sportmanagement-Hochschule hinterlegt werden.

Die richtigen Schlüsse gezogen

Die Finalniederlage von 2019 gegen den SCB war bitter. Darauf haben die Zuger nicht mit Aktionismus reagiert. Sondern mit Gelassenheit. Die, die 2019 gescheitert sind, haben die Chance erhalten, aus dem Versagen zu lernen. Und sie haben die richtigen Schlüsse gezogen. Zug hat Dan Tangnes, den Finalverlierer von 2019 die Chance gegeben, ein Champion zu werden – und der charismatische Kommunikator hat sie genutzt. Ein moderner Trainer, der nun nicht mit taktischen Winkelzügen oder einem revolutionären Spielsystem triumphiert hat. Zug spielt modernes, schnelles Hockey. Mit der Präzision von Landvermessern und jener Entschlossenheit, die es in einem unerbittlichen Wettstreit braucht, der von kräftigen Männern in ritterähnlichen Ausrüstungen, eisenbewehrten Füssen und Stöcken in der Hand ausgetragen wird. Taktik und System sind Grundvoraussetzungen für das Trainerhandwerk. Die Differenz zwischen einem guten und einem erfolgreichen Trainer ist hier ein «weicher» Faktor: Die Fähigkeit von Dan Tangnes, die Emotionen in der Kabine und auf der Spielerbank zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass im entscheidenden Moment mit Leidenschaft das beste Hockey gespielt wird. Nie war Zug in diesem Jahrhundert geduldiger, schlauer und härter als in diesem Final.

Aber eine Besonderheit des Eishockeys – wir können auch sagen eine Ungerechtigkeit – ist die Abhängigkeit vom letzten Mann. Vom Torhüter. Ein Transfer ist das letzte Teilchen, das über all die Jahre zu einem Meisterpuzzle gefehlt hat. Die Verpflichtung von HCD- und SCB-Meistergoalie Leonardo Genoni im Sommer 2019. Nie hat ein Transfer unsere Hockeylandkarte stärker verändert. Mit Leonardo Genonis Abschied ist in Bern eine meisterliche Dynastie (drei Titel in vier Jahren) eingestürzt wie ein Kartenhaus. Und mit Leonardo Genoni ist in Zug eingekehrt, was seit 1999 gefehlt hat: die unerschütterliche Gewissheit, gut genug für den Titel zu sein. Leonardo Genoni hat in Zug die Dämonen des Zweifels aus der Arena vertrieben.

Genonis riesiger Einfluss

Nun können wir einwenden: Halt, Eishockey ist der letzte wahre Mannschaftssport. Noch viel mehr als im Fussball ist ein Hockey-Team wie eine Familie. Das ist richtig. Aber alles beginnt und alles endet trotzdem mit dem Torhüter und mit einer Persönlichkeit, die eine unerschütterliche Zuversicht ausstrahlt. Die dann, wenn es zählt, die beste Leistung abruft. Mit einem Leitwolf wie Leonardo Genoni. Mit diesem Transfer hat Sportchef Reto Kläy das Fundament für den Titelgewinn gelegt. Anschliessend waren nur noch ein paar Transfer-Handgriffe notwendig, um eine Meistermannschaft zusammenzustellen. Und nun wissen wir auch, warum bisher im Playoff-Zeitalter nur Teams mit viel Geld Meister geworden sind: Leonardo Genoni ist der teuerste Goalie der Liga-Geschichte und der einflussreichste Einzelspieler des Jahrhunderts. Nie ist so viel Geld – gut und gerne 800'000 Franken Jahressalär – besser investiert worden als beim Genoni-Transfer.