Ein Mittelfinger als Symbol für den Abstieg der Seahawks

Vor wenigen Jahren schien es, als könnten die Footballer der Seattle Seahwaks die NFL auf Jahre hinaus dominieren. Doch vom Glanz ist wenig übrig geblieben. Nun erreicht das Team einen neuen Tiefpunkt.

Nicola Berger
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Earl Thomas’ Abgang nach seinem wohl letzten Spiel für die Seattle Seahawks. (Bild: Ross D. Franklin/AP (Glendale, 30. September 2018))

Earl Thomas’ Abgang nach seinem wohl letzten Spiel für die Seattle Seahawks. (Bild: Ross D. Franklin/AP (Glendale, 30. September 2018))

Als Earl Thomas (29) am Sonntag in Arizona mit einem gebrochenen Bein vom Feld abtransportiert wurde, hatte er die Gewissheit, dass er soeben alles verloren hatte. Thomas, auf der Safetyposition einer der besten Defensivspieler der Liga, war einer der Hauptgründe dafür, dass die Seattle Seahawks 2013 und 2014 die Superbowl erreichten. Thomas hatte diese Jahre unter einem sehr teamfreundlichen Vertrag absolviert, zuletzt verdiente er zehn Millionen Dollar pro Jahr, weit unter Marktwert.

Miserable Verhandlungsposition

Thomas forderte mehrfach einen neuen Vertrag oder einen Transfer. Lange überlegte er sich, die Forderungen per Streik durchzusetzen, aber das erlaubte sein Arbeitsethos nicht. Es gab Gerüchte, wonach die Seahawks sich mit den Kansas City Chiefs über ein Tauschgeschäft einig seien, es sollte in dieser Woche abgewickelt werden. Doch stattdessen ist die Saison von Thomas zu Ende. Seine Verhandlungsposition im Sommer wird nach einer so schweren Verletzung und in seinem Alter miserabel sein.

All das wird Thomas am Sonntag durch den Kopf geschossen sein, als er aus dem Stadion gefahren wurde, weshalb er im bittersten Moment seiner Karriere nicht anders konnte, als zur Bank der Seahawks hinüberzuschauen und den Mittelfinger auszustrecken. Es war eine Art persönlicher Abschiedsgruss an den langjährigen Arbeitgeber – und ein bisschen wirkte es auch wie die Schlusspointe einer Ära.

Eine Ära mit magerer Ausbeute

Früh in diesem Jahrzehnt galten die Seahawks ja als kommende Dynastie, als möglicher Serienmeister, dank einer der besten Defensivabteilungen der Football-Geschichte, die zwischen 2012 und 2015 weniger Punkte zuliess als die übrigen 31 NFL-Teams. Dank dem Running Back Marshawn Lynch, der in seinen besten Tagen unbesiegbar wirkte. Doch die Ausbeute ist mit einem Titel, der Superbowl von 2014, mager ausgefallen.

Trainer Pete Carroll verhinderte ein Jahr darauf mit eigenwilligem Coaching die Titelverteidigung gegen die Patriots, weil er seinen inkonstanten Quarterback Russell Wilson den Ball an der Ein-Yard-Linie werfen liess, statt Lynch in die Endzone laufen zu lassen. Seattle verlor an jenem Februartag in Glendale, Arizona, nicht nur den grossen Final. Sondern auch sein Mojo. «Sports Illustrated» berichtete kürzlich ausführlich, wie Caroll durch diesen Entscheid die Autorität über die Kabine verlor. Teile des Teams hatten dem Coach hinter vorgehaltener Hand schon lange vorgeworfen, er lasse Wilson eine Sonderbehandlung zukommen.

Irritierend mittelmässig

Seither findet das Team mit den wohl lautesten Fans der NFL aus dem Abwärtsstrudel nicht mehr heraus. Von der «Legion of Doom», der legendären Abwehr der Superbowl-Jahre, ist nach dem Rücktritt vom Kam Chancellor, den Abgängen von Richard Sherman zu den San Francisco 49ers und Michael Bennett zu den Philadelphia Eagles sowie der Verletzung von Thomas nichts mehr übrig. Im Kader stehen nur noch fünf Superbowl-Sieger von 2014 – Thomas mitgezählt.

So ist aus den furchtein- flössenden, hoch talentierten Seahawks der «Legion of Doom»-Jahre ein sehr konventionelles, irritierend mittelmässiges Football-Team geworden. Am Sonntag bekundete Seattle allergrösste Mühe damit, die miserablen und auch nach vier Wochen sieglosen Arizona Cardinals zu bezwingen, es gelang nur mit viel Fortune. Die Seahawks könnten die Playoffs im zweiten Jahr in Serie verpassen, sie haben derzeit Ärger an allen Fronten. Gerade hat die Liga den Linebacker Mychal Kendricks aus dem Verkehr gezogen, dem wegen Insiderhandels eine jahrelange Gefängnisstrafe droht.

Der Niedergang der Seahawks lässt Raum für Spekulationen über die Zukunft des Trainers Carroll, 67, und des Quarterbacks Wilson, 29. Die Verträge des Duos laufen noch zwei Jahre, sie haben die Seahawks und die NFL während Jahren geprägt. Doch wenn das Team in den letzten Jahren etwas eindrücklich bewiesen hat, dann, dass eine Ära in Seattle abrupt enden kann.