«Ein Moment für die Geschichtsbücher» - Julian Nagelsmann mischt mit RB Leipzig die Champions League auf

Der 32-Jährige hat mit seiner Mannschaft das Viertelfinale der Königsklasse erreicht. Nagelsmann ist der Shootingstar unter den europäischen Coaches, dabei war der Trainerberuf eigentlich nur zweite Wahl.

Frederic Härri
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Julian Nagelsmanns RB Leipzig gewann das Champions-League-Rückspiel gegen Tottenham mit 3:0.

Julian Nagelsmanns RB Leipzig gewann das Champions-League-Rückspiel gegen Tottenham mit 3:0.

Michael Sohn / AP

Es lief die 21. Minute in diesem Achtelfinal-Rückspiel der Champions League. Leipzigs Aussenverteidiger Angelino schlug eine butterweiche Flanke auf den Kopf seines Kapitäns Marcel Sabitzer, dieser liess den Ball perfekt über den Scheitel gleiten und veredelte zum 2:0. «Das ist herrlich, das ist geil!», twitterte der Social-Media-Verantwortliche von RB Leipzig. Und diese fein gewählten Worte passten nur allzu gut zur Körpersprache des Leipziger Trainers in diesem Augenblick. Julian Nagelsmann ballte die Fäuste, er schrie, er jubelte. «Es ist ein ganz bedeutender Moment, natürlich einer für die Bücher», sprach Nagelsmann nach Spielschluss in die Mikrofone. Da redete einer, der gerade den vorläufigen Höhepunkt seiner Trainerkarriere erreicht hatte.

Am Ende sollte es für die Leipziger Bullen ein ungefährdeter 3:0-Erfolg werden gegen die harmlosen Mourinho-Mannen von Tottenham, denen in Hin- und Rückspiel kein eigener Treffer gelang. Über José Mourinho schreiben derzeit nur die wenigsten, umso mehr stürzen sie sich auf Geschichten über Nagelsmann. Das Trainertalent, das dem Status des Talents eigentlich längst entwachsen ist. Immer wieder wird in Erinnerung gerufen, welche Marken dieser Mann mit dem lausbübischen Lachen bereits gesetzt hat. Jüngster Bundesliga-Trainer der Geschichte mit 28, jüngster Trainer, der je ein K.O.-Spiel in der Champions League gewonnen hat mit 32. Nun also auch der Jüngste im Champions-League-Viertelfinal.

Talentiert, grossgewachsen und elegant

Der wundersame Aufstieg Nagelsmanns begann 2016. Damals installierten ihn die Entscheidungsträger bei der TSG Hoffenheim als Cheftrainer der ersten Mannschaft. Davor trainierte er bereits die U-17 des Vereins, mit Hoffenheims U-19 wurde er deutscher Meister.

Man könnte meinen, dass ob diesen steilen Aufstiegs der Weg als Coach immer vorgezeichnet schien. Doch wie Millionen andere träumte auch der Junge aus der bayerischen Kreisstadt Landsberg am Lech einmal davon, Fussballprofi zu werden. Julian Nagelsmann war drauf und dran, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Im Alter von 15 Jahren wechselte er in die Jugendabteilung von 1860 München, wo er als Innenverteidiger spielte, talentiert, grossgewachsen und elegant im Spielaufbau.

Dann aber zehren Verletzungen und ein angeborenes Rückenleiden an seinem Körper. Mit 19 sagen ihm die Ärzte: Zum Fussballprofi reichts nicht. Schnell stellt Nagelsmann seine Berufsplanung um. Sein früherer Mitspieler und langjährige Bundesliga-Akteur Christian Träsch erinnert sich gegenüber «The Athletic»: «Ich weiss noch wie er mich ansah und sagte: 'Wenn ich es als Spieler nicht schaffe, werde ich halt Trainer in der Bundesliga.'»

Neun Jahre später setzt Nagelsmann den Plan in die Tat um. Mit Hoffenheim hält er erst die Klasse, in der folgenden Saison führt er das Team in die Qualispiele zur Champions League, ein Jahr später schafft er den direkten Einzug in die Königsklasse. Topklubs interessieren sich für ihn – Real, Tottenham, Arsenal, Dortmund und Bayern klopfen an. Am meisten sagt ihm aber das Angebot von RB Leipzig zu. Dem Spiel der Leipziger drückt er bereits in seiner ersten Saison seinen Stempel auf. Die Mannschaft spielt offensiv und temporeich, in ihren besten Phasen vermag sie den Gegner regelrecht zu überrollen, wie in der ersten Hälfte am Dienstag gegen Tottenham.

In Leipzig wird er nicht auf ewig bleiben, da machen sich die Verantwortlichen bei RB keine Illusionen. Nagelsmann schielt bereits auf die Premier League, auch La Liga reizt ihn, nur Spanisch kann er noch nicht. Im Sommer wird Nagelsmann 33, Grund zur Eile hat er keinen. Bis jetzt ist es ja immer schnell genug gegangen.

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