Wettkämpfe sind in der Wettsportart Pferderennen undenkbar – und in der Krise kommt ein Jubiläum 

Der dominierende Rennstall Beliar existiert seit 50 Jahren. Momentan können seine 60 Pferde nicht starten.

Rainer Sommerhalder
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Für kaum eine andere Disziplin sind Wettkämpfe ohne Zuschauer derart undenkbar wie für den Pferderennsport. Die Turfszene Schweiz lebt von den Wettmöglichkeiten, die sonntäglichen Rennen auf den sechs Pferdebahnen sind vor allem gesellschaftliche Happenings. Selbst die Ankündigung der Organisatoren in Avenches, wo dank der Liaison mit dem französischen Wettgiganten PMU auch Internetwetten angeboten werden können, im Juni wieder Renntage ohne Zuschauer durchführen zu wollen, steht vorerst auf wackeligen Beinen. Abstandsregeln und maximale Gruppengrösse bleiben Hindernisse auf dem Weg zu einer Bewilligung durch den Kanton Waadt.

Der Pferderennsport ist derzeit in der Krise.

Der Pferderennsport ist derzeit in der Krise.

Bild: Donato Caspari (Frauenfeld, 26. Mai 2019)

Erschwerend kommt hinzu, dass PMU jüngst entschied, dass man sich in diesem Jahr auf Pferdewetten an Rennen in Frankreich konzentrieren wolle. Avenches hat sich mit seinem Anliegen direkt ans Bundesamt für Sport gewandt, aber noch keine Antwort erhalten. Von den fünf Rennvereinen in der Deutschschweiz hat sich einzig Dielsdorf bereit erklärt, im Sommer Renntage ohne Publikum durchführen zu wollen. Da sich die Faktenlage zu den dafür notwendigen Voraussetzungen aber derzeit wöchentlich ändert, bleibt ein langer Weg bis zur Verkündigung eines definitiven Programms.

Die Anzahl der Rennpferde geht kontinuierlich zurück

In Aarau und Frauenfeld kommen Rennen ohne Publikum nicht in Frage. Aarau hat nach den zwei Frühlingsrenntagen nun auch den dritten Termin vom 23. August abgesagt. Derzeit diskutiert man im Vorstand intensiv, ob man am letzten Renntag vom 6. September festhalten will. Es wäre das erste Wochenende, an welchem Zuschauer wieder zugelassen sind. Ob diese dann aber tatsächlich auch Lust auf eine solche Massenveranstaltung haben werden, steht in den Sternen. Frauenfeld möchte seinen vom Frühjahr verschobenen Renntag im September oder Oktober nachholen. Dazu muss man sich unter den sechs Schweizer Veranstaltern zuerst einmal auf einen neuen Rennkalender einigen.

Diese Arbeit ist nicht nur wegen der aktuellen Coronakrise anspruchsvoll. Denn auch ein strukturelles Problem bereitet der Turfszene Kopfweh. Die Anzahl Rennpferde in der Schweiz ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Man muss deren Einsätze dosieren. Zwei grosse Jagdrennen innerhalb einer Woche beispielsweise sind tabu.

Trainer Miro Weiss.

Trainer Miro Weiss.

Bild: Rainer Sommerhalder

Ohne Miro Weiss keine Zukunft

Der in Urdorf beheimatete Stall Beliar von Trainer Miro Weiss ist mit seinen rund 60 Pferden der unangefochtene Branchenprimus. Oft treten an Rennen mehrere Weiss-Pferde gegeneinander an. Ausgerechnet in der Coronakrise feiert der Stall Beliar sein 50-Jahr-Jubiläum. René Leiser, der Präsident des Dachverbands Galopp Schweiz, würdigt die Bedeutung des Rennstalls: «Ich wüsste nicht, wo der Galopprennsport in der Schweiz ohne ihn stehen würde.» Leiser sagt vorausblickend aber auch:

«Ohne Miro Weiss kann man sich eine Zukunft gar nicht vorstellen.»

Der seit Jahrzehnten erfolgreichste Rennpferdetrainer der Schweiz macht zwar auch mit 71 Jahren einen umtriebigen Eindruck und seine eigentümliche, höchst erfolgreiche Art, bleibt auch im fortgeschrittenen Alter ein unverkennbares Markenzeichen. Doch nochmals 50 Jahre wird auch Weiss nicht die eigentliche Lebensversicherung des Schweizer Rennsports bleiben. Eine Nachfolgeregelung ist nicht in Sicht. Weiss selber sagt dazu: «Entweder mache ich es zu 100 Prozent oder ich höre ganz auf. Es gibt keine Variante dazwischen. Ich weiss: Wenn ich heute aufhören würde, bekäme der Schweizer Rennsport ziemliche Schwierigkeiten. 80 bis 90 Prozent der Besitzer würden ebenfalls aufhören, weil sie sich nicht vorstellen können, zu einem anderen Trainer zu gehen.» Gut möglich also, dass das Coronavirus im Schweizer Pferderennsport nicht die grösste Sorge für die Zukunft ist.