Nichts, einfach Nichts – Ein Wochenende ohne Sport und der Anfang einer neuen Zeitrechnung

Nichts, einfach Nichts – Ein Wochenende ohne Sport und der Anfang einer neuen Zeitrechnung

Die Sonne schien, die Stadien blieben verwaist: Ein Wochenende ohne Sport liegt hinter uns. Und das ist erst der Anfang. Ein Essay.

Raphael Gutzwiller
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Die ganze Sportwelt steht still. Die Stadien sind unbenutzt, die präparierten Skipisten bleiben leer. Der Corona-Virus hat den Sport so getroffen, wie ein Boxer seinen Widersacher. Unerwartet und hart. Ein K.o.-Schlag.

Und wir, die Sportfans und Journalisten, die jedes Wochenende dem Sport widmen, können es nicht glauben. Die Situation fühlt sich unwirklich und surreal an. Während wir möglichst in den eigenen vier Wänden bleiben sollen, passiert in der Sportwelt historisches. Aber für einmal geht es nicht um Sieg oder Niederlage. Sondern um gar nichts. Nie seit es den professionellen Sport gibt, passierte weniger als am vergangenen Wochenende. Und das traurige daran: Es passierte dennoch mehr als dies in den nächsten Wochen der Fall sein wird.

Der Spitzensport ist robust. Von der Wirtschaftskrise 2008 war er ebenso wenig betroffen wie von den meisten politischen Ereignissen. Aber dieser Pandemie muss sich selbst der Sport beugen.

Die wichtigste Nebensache verkommt zu dem, was sie ist: eine Nebensache.

Es geht derzeit um weit grössere Themen als darum, ob Partien, Rennen oder Wettkämpfe stattfinden. Es geht um Gesundheit, um Zusammenhalt. Es geht darum, die wohl grösste weltweite Krise der neueren Geschichte zu überstehen. So verständlich deshalb abgesagte Anlässe sind, ein Wochenende ohne Sport schmerzt. Das sonntägliche Wetter hätte nicht besser sein können für einen Stadionbesuch oder zumindest für den Regionalfussball. Doch der schnelllebige Sport muss plötzlich unerwartet schnell entschleunigen. Die Situation fühlt sich so an, wie es für einen gesperrten Spieler in Topform sein muss: mental und körperlich ist er bereit, aber er darf nicht mittun.


Für alle, für die der Sport eine wichtige Rolle einnimmt, ist es eine Situation, wie man sie sich nie vorstellen konnte. Als ich einst als Sportjournalist begann, meinte ein Freund zu mir: «Leute, die über Sport schreiben, braucht es immer.» Und recht hatte er. Für uns Sportjournalisten gibt es stets viel zu tun. Wir kennen kein Sommerloch und selbst die Winterpause in den Sommersportarten ist durch den Wintersport bestens abgedeckt. Irgendwas passiert immer. Bis jetzt.

Eine letzte Heldengeschichte: Selina Gasparin jubelt über den Podestplatz in Finnland.

Eine letzte Heldengeschichte: Selina Gasparin jubelt über den Podestplatz in Finnland. 

Bild: Christian Manzoni/Freshfocus / NordicFocus


Am Samstag flimmert zum bisher letzten Mal Live-Sport über den Bildschirm. Biathlon im finnischen Kontiolahti. Die letzten Heldengeschichten werden geschrieben. Die Bündnerin Selina Gasparin fährt als zweite aufs Podest. Und der Franzose Martin Fourcade holt sich im letzten Weltcup-Rennen seiner Karriere den Sieg und die kleine Kristallkugel, den Gesamtweltcupsieg verpasste er nur gerade um zwei Punkte. Tränen, Umarmungen, Jubel. Es sind aber weniger emotionale Bilder, als wir sie aus dem Sport kennen. Selbst bei dieser Übertragung ist das Corona-Virus omnipräsent. Die Stimmung ohne Publikum ist trist und die Athleten aus Kanada und Österreich sind bereits abgereist.

Die Stimmung ist aber noch nicht überall so. In der fünften englischen Fussball-Profiliga, der National League, finden noch Partien statt – mit bis zu 5000 Zuschauer. Und in Australien remisiert Pirmin Schwegler mit seinem Western Sydney Wanderers gegen Melbourne City, in der Türkei sitzt Ex-Naticaptain Göhkan Inler bei Basaksehir auf der Bank und schaut seinen Kollegen bei einem 1:1 gegen Trabzonspor zu. Auch in Mexiko, Südamerika oder Afrika gingen noch Partien über die Bühnen – zum Grossteil vor vollen Tribünen. Wer also exotische Fussballspiele verfolgen möchte, hat nun Zeit dazu – bis auch jene Ligen pausieren müssen.


In Westeuropa ist aber alles stillgelegt. Nur in einigen sozialen Netzwerken ist es ein bisschen wie immer. Zum Beispiel beim deutschen Drittligisten MSV Duisburg. Der offizielle Account des Vereins twittert am Samstag um 14 Uhr: «Los geht‘s. Tolle Stimmung an der Grünwalder. Es scheint, als wäre bei diesem Spitzenspiel kein Platz mehr frei.» Darauf tickert er eine fiktive Partie, die mit 5:4 des MSV gegen 1860 München spektakulär endet.


Schalke folgt diesem Beispiel und begleitet das eigentlich angesetzte Derby gegen Dortmund auf Twitter – und schliesst mit den Worten: «Was für ein Spiel! Dieses Spiel geht in die Geschichtsbücher ein!» In mehreren Bilder zeigen sich Schalker Jubelszenen nach einem legendären 4:4 nach einem 0:4-Rückstand. Die Bilder stammen vom 25. November 2017.

Es sind Bilder, die vor ein paar Tagen noch alltäglich waren, nun aber wie aus einer anderen Zeit wirken. Fussballer liegen sich in den Armen, ganz ohne nötigen Abstand. Fans stehen im Stadion nahe beieinander und umarmen jeden – ganz egal, ob er ein paar Minuten zuvor noch hustete. Es sind Bilder, von denen alle hoffen und erwarten, dass wir sie hier bald wieder erleben dürfen. Doch ob dem so ist, das weiss derzeit niemand. Wie lange wird uns das Corona-Virus beschäftigen? Und welche Folgen hat das für den Sport? Wird der Spitzensport nach dieser Krise noch ähnlich sein wie zuvor?


Auch das Fernsehen passt sich den Ereignissen an. In den üblichen Formaten gibt es statt Matchberichten Diskussionen, in denen Sportfunktionäre plötzlich zu Pandemie-Experten mutieren. Doch häufig äussern sie sich fernab jeglicher Realität. Sie scheinen sich der Tragweite der Corona-Krise noch nicht bewusst. Im Sportpanorama glaubt René Fasel, der Präsident der Internationalen Eishockey-Föderation, offiziell immer noch daran, dass die Eishockey-WM stattfinden kann. Und in Deutschland diskutieren die Experten in der Sportschau, dem aktuelle Sportstudio oder dem Doppelpass darüber, ob am 4. April wieder Fussball gespielt wird – und wie sich die Spieler nun fithalten können. Ausgerechnet Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeness, der sonst moralisch kritisiert wird, bringt es schliesslich auf den Punkt: «Es gibt viel wichtigeres als der Sport. Wir müssen einfach mal geduldig sein.»


Es sind wahre Worte. Bis sich die Situation erholt hat, wird es dauern. Das vergangene Wochenende ist erst der Anfang einer längeren Sportpause, wie sie es zuletzt während des zweiten Weltkriegs gegeben hat. Ob wir wollen oder nicht. Wir alle, Fans, Athleten, Journalisten und alle anderen, denen der Sport am Herzen liegt, müssen sich nun mit dieser Tatsache anfreunden. Doch genau in dieser Zeit müssen wir in Erinnerung rufen, worum es beim Sport geht. Es geht um Emotionen, um Begeisterung, um Freude. Wenn wir diese Krise überstanden haben und es irgendwann wieder um Sieg oder Niederlage geht, können wir es umso mehr geniessen.

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