Eine gelbe Armee: Wie ein Wundermittel für US-Soldaten Primoz Roglic und sein Team bei der Tour de France unbesiegbar macht

Das holländische Team Jumbo Visma um den Gesamtführenden Primoz Roglic dominiert die Tour de France. Auch wegen eines Wundermittels, das einst für US-Soldaten entwickelt worden ist und im Sport umstritten ist.

Simon Häring
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Das Team Jumbo Visma um Gesamtleader Primoz Roglic (2. v.l.) hat das Geschehen bei der 107. Tour de France fest im Griff.

Das Team Jumbo Visma um Gesamtleader Primoz Roglic (2. v.l.) hat das Geschehen bei der 107. Tour de France fest im Griff.

Sebastien Nogier / EPA

Die Serpentinen sind eng, die Sonne brennt auf den Asphalt, die Steigung auf den Grand Colombier (1501 Meter über Meer) beträgt bis zu zehn Prozent. Es ist der Schlussanstieg auf der Königsetappe der 107. Tour de France. Und an der Spitze zeigt sich ein Bild, wie es in den letzten Wochen fast täglich zu beobachten war: eine Armee von Fahrern in Gelb gibt das Tempo vor, dem einer nach dem anderen zum Opfer fällt.

Vorjahressieger Egan Bernal zum Beispiel verliert über 7 Minuten auf den Etappensieger. Das Team mit den gelben Trikots heisst Jumbo Visma, und hat mit Primoz Roglic jenen Mann im Team, der das Maillot Jaune trägt, und sich auch deshalb kaum von den Teamkollegen unterscheiden lässt.

Jumbo Visma hat die Dominanz des Teams Ineos (früher Sky) gebrochen, das mit Bradley Wiggins, vier Mal Chris Froome, Geraint Thomas und Egan Bernal seit 2012 sieben von acht Tour-de-France-Siegern stellte. Wer verstehen will, wie die Holländer zur dominierenden Kraft im Peloton werden konnten, findet auch auf dem Speiseplan Antworten.

Denn bei Jumbo Visma werden Ketone eingesetzt. Ketone sind körpereigene Stoffe. Sie entstehen, wenn bei Ausdauerbelastungen keine Kohlenhydrate mehr verbrannt werden können und der Organismus auf Fettverbrennung umstellt. In der Medizin hofft man darauf, dass Ketone bei Krankheiten wie Multipler Sklerose Heilungsprozesse beschleunigen können.

Primoz Roglic ist der erste Slowene im Maillot Jaune.

Primoz Roglic ist der erste Slowene im Maillot Jaune.

Sebastien Nogier / AP

Britische Olympia-Athleten als Versuchskaninchen

Eine Wirkung, derer man sich nun vermehrt auch im Radsport bedient, und die im Jahr 2019 vier Sportwissenschafter der belgischen Universität Löwen nachweisen konnten. Sie liessen 20 junge Männer drei Wochen lang unter strenger Aufsicht nach präzisen Vorgaben trainieren.

Das Ergebnis: Wer sich externe Ketone zuführte, leistete in der dritten Woche sowie in den letzten 30 Minuten von Zwei-Stunden-Belastungen 15 Prozent mehr. Die Studie ist im international anerkannten Fachblatt «Journal of Physiology» erschienen. Allerdings: die niederländisch Anti-Doping-Agentur warnte im Januar vor künstlichen Ketonen: Noch sei zu wenig über mögliche gesundheitliche Konsequenzen bekannt.

Das erste Ketongetränk wurde um die Jahrtausendwende entwickelt, um Soldaten der US-Armee auf dem Schlachtfeld Vorteile zu verschaffen. In den Fokus der Weltöffentlichkeit gelangte die Substanz diesen Sommer.

Die britische Tageszeitung «DailyMail» berichtete, dass der nationale Leichtathletikverband seinen Athleten vor den Olympischen Spielen 2012 in London den Ketone enthaltenden Energy-Drink «DeltaG» verabreicht und sie damit zu Versuchskaninchen für das US-Militär gemacht habe.

Bei den Olympischen Spielen in London holten Sportler des Gastgeberlandes 65 Medaillen, darunter 29 aus Gold. Und damit so viele wie seit 1908 nicht mehr. Im gleichen Jahr begann mit Bradley Wiggins' Sieg bei der Tour de France, dem ersten eines Briten überhaupt, die Dominanz im Radsport.

Richard Plugge dominiert mit dem Team Jumbo Visma die Tour de France.

Richard Plugge dominiert mit dem Team Jumbo Visma die Tour de France.

Bild: Team Jumbo Visma

Ketone «wie Vitamine», aber auch wie EPO

Ketone beschäftigen längst auch das Mouvement pour un Cyclisme crédible (MPCC), ein Zusammenschluss von Radteams, der sich einem sauberen Radsport verschrieben hat. Wegen der Nebenwirkungen und der Unsicherheit über Langzeitfolgen rät das MPCC davon ab, Ketone einzusetzen.

Verboten ist die Substanz nicht, doch wer sie nutzt, bewegt sich zumindest in einem Graubereich. Teams und Fahrer müssen sich die Frage stellen, welchen Preis sie für den Erfolg zu zahlen bereit sind. Das betrifft auch das Portemonnaie. Denn ein Liter des Produkts kann angeblich bis zu 1000 Franken kosten. Eine Summe, die nur wenige Teams im Peloton stemmen können. Zum Beispiel Jumbo Visma.

An der Tour de France 2019 gewann das Team vier der ersten elf Etappen. Dann bestätigte Teamchef Richard Plugge gegenüber der holländischen Zeitung «De Telegraaf» den Einsatz von Ketonen, und sagte: «Man kann sie wie Vitamine nutzen.» Wie lange sie im Radsport noch zulässig sind, ist indes fraglich.

Denn eine Studie der American Diabetes Association kam zum Schluss, dass der Körper nach einer intravenöser Verabreichung von Ketonen rund 30 Prozent mehr EPO produziert. EPO ist ein Hormon, das die Produktion von roten Blutkörperchen ankurbelt und dadurch die Leistungsfähigkeit steigert. Infusionen sind gemäss Dopingrichtlinien verboten, doch das Resultat lässt gleichwohl aufhorchen.

Denn EPO steht seit 1990 auf der Dopingliste und steht sinnbildlich für eine dunkle Dopingvergangenheit. Alleine deshalb ist der Radsport gut beraten, den Umgang mit dem neuen Wundermittel zu regeln. Weil die Dominanz der gelben Jumboo-Visma-Armee Fragen provoziert.