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Interview

«Eine hässliche Welt, die niemals schläft»: Das Märchen vom Traumleben der Tennis-Stars

Kathy Martin ist bei der WTA-Tour für die «mentale Gesundheit» der Spielerinnen verantwortlich. Was die Sportlerinnen beschäftigt, wie Martin ihnen hilft und weshalb sie es begrüsst, dass Timea Bacsinszky offen über ihre Probleme spricht.
Simon Häring, Wimbledon
Hat immer ein offenes Ohr für die Spielerinnen: Kathy Martin. (Bild: zVg)

Hat immer ein offenes Ohr für die Spielerinnen: Kathy Martin. (Bild: zVg)

Kathy Martin, von aussen betrachtet könnte man den Eindruck haben, Tennis-Spielerinnen würden ein Traumleben führen. Ihr Hobby ist ihr Beruf, sie reisen um die Welt, spielen vor Publikum und verdienen damit viel Geld. Weshalb braucht es Sie trotzdem?

Kathy Martin: Es ist kein einfaches Leben. Man ist oft und sehr lange von Zuhause weg, getrennt von Freunden und Familie. Die Reisen und das Leben aus dem Koffer sind anstrengend, weil du schlecht planen kannst. Dazu müssen viele auf die Finanzen achten. Alles hängt davon ab, ob du gewinnst, oder verlierst. Zudem steht man dauernd im Schaufenster der Öffentlichkeit – die Medien schauen hin, und dann ist da auch noch der Druck der sozialen Medien. Das ist manchmal schwer auszuhalten.

Mit welchen Problemen kommen die Spielerinnen zu Ihnen?

Das grösste Problem sind die Erwartungen, welche die Spielerinnen an sich selber haben, aber auch jene der Leute um sie herum. Einsamkeit ist heute zwar weniger ein Problem als früher, weil die meisten ein Team um sich herum haben. Und doch gibt es Momente, in denen man das Gefühl der Isolation haben kann. Denn nur die Spielerin selber weiss, wie es sich wirklich anfühlt, auf dem Plat zu stehen und zu verlieren.

Naomi Osaka schied in Wimbledon in der ersten Runde aus. Bei der Frage, ob sie Schwierigkeiten mit dem Druck habe, der auf ihr lastet, brach sie die Fragerunde ab. Was löst das in Ihnen aus?

Zuerst muss ich klarstellen, dass ich nicht über Einzelfälle sprechen darf oder will. Aber wir vergessen manchmal, dass das auch nur Menschen mit Schwächen und Fehlern sind. Nur weil sie super Tennis spielen, heisst das nicht, dass das Schicksal niemals zuschlägt und das Leben sie nicht vor grosse Herausforderungen stellt. Es ist eine sehr emotionale Sache, wenn man ein Spiel verliert, von dem man das Gefühl hatte, dass man es gewinnen sollte. Man sollte es aber auch nicht dramatisieren. Denn im Tennis verlieren selbst die Besten regelmässig.

Macht Sie das betroffen, wenn Spielerinnen unter Niederlagen leiden?

Sagen wir es so: Es überrascht mich nicht. Athleten hassen es, zu verlieren – deshalb sind sie auch so gut geworden. Viele Menschen verstehen nicht, dass mit all den Vorzügen, die dieses Leben mit sich bringt, auch grosse Herausforderungen verbunden sind, die schwierig zu meistern sind. Jeder Athlet, der an die Weltspitze vorstösst, macht diesen Anpassungsprozess früher oder später durch.

Cori Gauff ist erst 15 Jahre alt, sorgte aber in Wimbledon für grosse Schlagzeilen. Wie beurteilen Sie den Trubel um Sie herum?

Es ist klar: Wenn eine junge Spielerin wie sie einen solchen Lauf hat, entsteht dadurch auch Druck. Das ist uns sehr bewusst. Nichts kann die Jungen auf das vorbereiten, was so ein Sieg auslöst. Es ist völlig normal, dass man damit überfordert sein kann. Es hat aber weniger mit dem Alter zu tun als mit den Umständen. Wenn eine unbekannte 23-Jährige Venus Williams in Wimbledon besiegt, sorgt das auch für Schlagzeilen.

Erst 15-jährig und plötzlich weltbekannt: Coco Gauff. (Bild: Keystone)

Erst 15-jährig und plötzlich weltbekannt: Coco Gauff. (Bild: Keystone)

Ashleigh Barty, die Nummer 1 der Welt, machte zwei Jahre Pause, weil sie unter Depressionen litt. Timea Bacsinszky spricht offen darüber, dass sie psychologische Hilfe in Anspruch genommen hat, um Traumata ihrer Kindheit und Jugend zu verarbeiten. Wie wichtig ist das für Sie?

Es hilft, wenn jemand vorangeht und offen über die Schattenseiten dieses Lebens spricht. Die Botschaft ist noch stärker, wenn sich jemand so Profiliertes wie diese beiden öffnet. Sie werden so zu Vorbildern für die Jüngeren. Es enttabuisiert. Es gibt noch immer ein Stigma, aber es ist kleiner geworden. Ich habe den Eindruck, dass die Akzeptanz heute viel grösser ist. Und viele suchen von sich aus Hilfe und wollen sehr gezielt an sich arbeiten – fürs Tennis, aber auch für sich selber.

Wie können Tennisspieler an ihrer Resilienz, also an ihrer psychischen Widerstandsfähigkeit, arbeiten?

Zunächst muss man sagen, dass Tennis-Spieler schon eine sehr hohe Resilienz mitbringen. Sonst wären sie gar nie so weit gekommen. Die Frage, wie man diese zusätzlich stärken kann, ist sehr individuell. Eine Therapie ist nicht wie die Reparatur eines Autos, wo man hingeht und etwas flickt. Es ist eine kollaborative und dynamische Arbeit, bei der Patient und Therapeut stark involviert sind. Das ist der Schlüssel, um in dieser Welt zu überleben, nicht nur im Tennis, sondern generell im Leben. Und im Leben geht es um mehr als um Siegen und Verlieren.

Zur Person: Kathy Martin

Kathy Martin ist ausgebildete Sportphysiotherapeutin, arbeitete 6 Jahre für das australische Fed-Cup-Team und 5 Jahre als Beraterin für Tennis Australia. Seit 1991 ist die Australierin als «Senior Director Athletes Assistance» bei der Frauen-Profi-Tour WTA für die mentale Gesundheit der Spielerinnen zuständig. Sie besitzt einen Master-Abschluss in psychologischer Beratung, entwickelt Ausbildungs-Programme und ist Mitglied einer Expertengruppe des Internationalen Olympischen Komitees IOC, die sich mit der Prävention vor Belästigung und Missbrauch beschäftigt. Kathy Martin lebt in Melbourne.

Tennis ist ein Nervenspiel und Kopfsache. Denken Sie nicht, dass die Spielerinnen vor ihren Gegnerinnen keine Schwäche zeigen wollen?

Tennis ist ein Einzelsport, das stimmt. Wenn die Spielerinnen in der Kabine oder auf dem Platz unterwegs sind, haben sie ihr Pokerface auf. Nicht jeder redet offen darüber, was in ihm vorgeht. Aber ich bin der Ansicht, dass psychische Probleme nicht mehr so stigmatisiert sind.

Gehen Sie auch aktiv auf eine Spielerin zu, wenn Sie das Gefühl haben, dass diese Hilfe benötigt, oder stehen diese in der Holschuld?

Wenn wir sehen, dass jemand Probleme hat, weil etwas Belastendes im Umfeld passiert ist, suchen wir den Kontakt. Wir lehnen uns nicht zurück und schauen zu, wie jemand ins Verderben stürzt. Unsere Türe steht immer offen und wir sind auch telefonisch erreichbar. Für uns ist es vor allem wichtig, dass die Spielerinnen wissen, dass es uns gibt und dass wir für sie da sind. Als Psychologin bin ich aber nur Teil einer Kette, zu der auch die Physiotherapeuten, Masseure und Ärzte gehören. Sie stehen im Vordergrund, während wir hinter den Kulissen wirken.

Ist es auch schon vorgekommen, dass eine Spielerin vor dem Match notfallmässig nach Ihnen verlangt haben?

Ja, das kommt vor. Während eines Turniers ist es dann aber so wie beim Arzt: Man macht ein Pflaster drauf, damit es irgendwie weitergeht. Das ist nicht der Moment, in dem jemand einen Seelenstriptease hinlegen sollte. Es geht vielmehr darum, die Spielerin wieder in ihre Mitte zu bringen, damit sie sich in ihrer Haut wieder wohl fühlt.

Timea Bacsinszky suchte Hilfe bei einer Psychologin. (Bild: Keystone)

Timea Bacsinszky suchte Hilfe bei einer Psychologin. (Bild: Keystone)

Die sozialen Medien haben es zwar erleichtert, mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben. Dafür schlägt den Spielerinnen dort Kritik und Hass ungefiltert entgegen. Wie geht man damit um?

Alles ist viel extremer geworden: Gewinnst du, wirst du gefeiert. Verlierst du, wirst du beschimpft. Das ist eine hässliche Welt, die niemals schläft. Bei Hassnachrichten haben wir eine klare Haltung und empfehlen, nicht zu reagieren und sich auf keinen Fall auf Diskussionen einzulassen. Wenn jemand Drohungen ausspricht, die wir als gefährlich betrachten, melden wir das bei der entsprechenden Plattform.

Bei den Männern gibt es keinen Psychologen, weshalb?

Das ist richtig. Aber sie müssen die ATP fragen, weshalb das so ist.

Aber es gab noch nie einen Mann, der sich während seiner Aktivzeit dazu bekannt hat, psychische Probleme zu haben.

Das stimmt, aber es ist auch bei Männern ein Thema. Aber vielleicht ist ihr Umgang damit ein anderer als bei den Frauen. Und ich denke, dass es bei den Männern noch eher stigmatisiert ist.

Haben also auch schon männliche Spieler Rat bei Ihnen gesucht?

Sagen wir es so: Wir haben mit den Frauen genug zu tun und sind ausgelastet (lacht). Aber ja, ich habe schon mit Männern darüber geredet – ob Spieler oder Trainer. Denn ich helfe, wo ich kann.

Hinweis: Das Interview wurde telefonisch geführt

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