Analyse

Eishockey und Fussball werden von der Wirklichkeit eingeholt

Die wieder stark grassierende Pandemie wird unseren Profisport stark beeinflussen, sagt unser Autor Klaus Zaugg. Das Eishockey - mehr noch als der Fussball - werden sich auf das Wesentliche konzentrieren müssen.

Klaus Zaugg
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Klaus Zaugg.

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Ein Geschäftsmodell wird in den nächsten Monaten dem extremsten Stresstest seines Bestehens unterzogen: das Eishockey- und Fussball-Geschäftsmodell «Sport als Massenveranstaltung». Seit mehr als 50 Jahren, seit der Einführung des Hallen-Obligatoriums im Sommer 1975 hatte es keine äusseren Umstände mehr gegeben, die den Ablauf unserer Eishockey-Meisterschaft gestört haben. Mit der Überdachung der Eisbahnen ist der letzte nicht berechen­bare Faktor – das Wetter – ausgeschaltet worden. Und im Fussball sind die Spielabsagen aus meteorologischen Gründen auch seltener geworden.

Erst diese Planbarkeit hat es in einer immer mehr durchgetakteten Welt möglich gemacht, die Anzahl Hockey-Meisterschaftsspiele von 28 Partien in der letzten Saison vor dem Hallen-Obligatorium auf heute über 60 (inklusive Playoffs) zu steigern – und so aus dem Hockey ein Geschäft zu machen, das im Jahr über 150 Millionen umsetzt und mehr als zwei Millionen Frauen, Männer und Kinder in die Stadien lockt.

Im Fussball ist der Ausbau der nationalen Meisterschaft bei weitem nicht so extrem. Dafür ist die Anzahl der internationalen Termine gestiegen. Im Eishockey wird das Geld fast nur national verdient. Im Fussball sowohl auf Verbands- wie auf Klubebene auch international. Deshalb ist der nationale Spielkalender im Hockey viel dicht gedrängter.

Die Hockey- und Fussballklubs haben zwar durch die Einhaltung und Durchsetzung aller behördlichen Vorgaben die Voraussetzungen zur Durchführung der Titelkämpfe 2020/21 geschaffen. Aber vier positiv getestete Spieler haben dazu geführt, dass der Kantonsarzt in Fribourg die ganze Mannschaft bis am 22. Oktober in Quarantäne schickt: Gotté­ron muss die nächsten drei Partien gegen Davos, Lausanne und Servette absagen. Und wegen eines positiv getesteten Spielers hat der Tessiner Kantonsarzt zunächst für den Rest des Teams Selbstisolation angeordnet. Der für Mittwoch vorgesehene Cupmatch gegen Pikes Thurgau muss neu angesetzt werden. Und am Mittwochabend wurde zudem entschieden, dass Lugano am Wochen­ende auch gegen Biel und in Bern nicht antreten darf. Beim Cup-Spiel Seewen gegen Davos (1:7) sind die Zuschauer am Mittwochabend aus dem Stadion verbannt worden. Einzelne positive Tests beim FC Basel und bei YB haben hingegen im Fussball nicht zur Quarantäne des ganzen Teams und damit nicht zu Spielverschiebungen geführt.

Die Hoheit über den Spielplan liegt bei den Kantonsärzten. Erstmals in seiner Geschichte ist der Profisport nun tagtäglich von den Entscheidungen der kantonalen Behörden abhängig. Zurzeit werden die Schutzkonzepte im Fussball und im Eishockey noch als gut taxiert. Aber «Geisterspiele» in der Meisterschaft aufgrund behördlicher Anordnung können nicht mehr ausgeschlossen werden. Ein Sport-Business, das in den letzten Jahren da und dort immer massloser geworden ist, muss auf einmal Bescheidenheit und Demut üben. Die Wirklichkeit hat unseren Fussball und unser Eishockey eingeholt.

Ein Abbruch der Meisterschaft würde eine ganze Anzahl von Nationalliga-Klubs mit ziemlicher Sicherheit in den Konkurs treiben. Spielverschiebungen, die vorerst nur das Eishockey betreffen, bedeuten noch nicht das Ende der Meisterschaft. Hockey-Liga-Direktor Denis Vaucher sagt: «Wir haben so oder so immer Daten, um Spiele verschieben zu können. Durch die Absage der Champions League und des Spengler Cups sind wir noch flexibler geworden. Im Extremfall wäre es sogar möglich, die Playoffs zu verkürzen oder ganz abzusagen und die Qualifikation bis Mitte April zu verlängern.» Oberste Priorität habe die Durchführung einer Meisterschaft unter Einhaltung aller behördlichen Anordnungen. Was er nicht sagt: Bald werden die Nationalmannschaftstermine (2. bis 8. November und 14. bis 18. Dezember) frei und die Flexibilität wird noch grösser. Der Liga-Direktor unkt über die anstehenden Länderspieltermine lediglich: «Es macht inzwischen keinen Sinn mehr, die besten Spieler von mehreren Mannschaften an einem Ort zu versammeln.»

Der nächste Schritt ist im Eishockey – mehr noch als im Fussball – die Konzentration auf das Wesentliche: auf die nationale Meisterschaft. Weil sie im Eishockey extremer als im Fussball die Geschäftsgrundlage für die gesamte Szene ist. Anders als im Fussball sind Länderspiele auf Glatteis kein Geschäft. Deshalb muss im Eishockey alles hinter dem nationalen Spielbetrieb zurückstehen. Die Champions League und der Spengler Cup sind bereits abgesagt worden. Die Nationalmannschaftstermine im November und Dezember werden folgen.