EISHOCKEY: Ambri zwischen Tapferkeit und Resignation

Eine Analyse von Klaus Zaugg über die aktuelle Situation des HC Ambri-Piotta.

Klaus Zaugg, Eishockey-Experte
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Viel Leidenschaft, aber wenig Talent: Der Hockeyclub Ambri-Piotta mit Trainer Hans Kossmann (rechts) erlebt einmal mehr eine enttäuschende Saison. (Bild: Keystone/Anthony Anexi (Freiburg, 14. Oktober 2016))

Viel Leidenschaft, aber wenig Talent: Der Hockeyclub Ambri-Piotta mit Trainer Hans Kossmann (rechts) erlebt einmal mehr eine enttäuschende Saison. (Bild: Keystone/Anthony Anexi (Freiburg, 14. Oktober 2016))

Eine alte Weisheit der Berge sagt,die Menschen verlassen diese Erde vor allem dann, wenn das Laub in die Bäume zurückkehrt und wenn das Laub von den Bäumen fällt. Diese Schicksalshaftigkeit des irdischen Daseins lässt sich auf Ambri übertragen. Auch die Leventiner Hockeykultur kennt schicksalshafte Wendezeiten: die Zeit des Aufbruchs, der Hoffnung, der Tapferkeit. Sie beginnt im Mai, wenn die Depression der vergangenen Saison überwunden ist und Präsident Filippo Lombardi seine Bettelaktionen beendet hat. Dann kommt mit den warmen Frühlingswinden die Hoffnung, nächste Saison werde alles besser. Wenn sich dann im November abzeichnet, dass es wieder nicht für die Playoffs reicht, beginnt die Zeit der Resignation, der Enttäuschung, der sportlichen Depression.

Dieser hockeytechnische Jahreszeiten-Wechsel zwischen Tapferkeit und Resignation ist für den Trainer so schicksalshaft wie für die Menschen das Kommen und Gehen des Laubes. Wenn die Schatten länger werden, fällt Jahr für Jahr der Grundsatzentscheid: Wollen wir den Trainer aus dem Tal jagen, oder bleiben wir vernünftig und sehen ein, dass wir nicht besser sind und es nicht am Trainer liegt?

Hans Kossmann ist im Spätherbst 2015 während dieses «Jahreszeiten-Wechsels» als Nothelfer für den gefeuerten Serge Pelletier Trainer geworden. Zeitweise stand er auf dünnem Eis. Als Lombardi sich leichtsinnigerweise in Bern zu einem Gespräch mit Lars Leuenberger traf, machte die Meldung die Runde, der arbeitslose SCB-Meisterheld sei Ambris neuer Trainer. «Es stimmt, ich habe mich mit Filippo getroffen» bestätigt Leuenberger. Aber Kossmann ist geblieben. Obwohl Ambri inzwischen der Ligaqualifikation näher ist als den Playoffs. Es gibt eben gute Gründe, die für den Trainer sprechen. Und eine Statistik der heldenhaften Resignation: 41 Spiele in dieser Saison endeten mit bloss einem Tor Unterschied – und 13 davon hat Ambri gewonnen. Wie nahe war Ambri an vielen anderen Siegen.

Typisch: Die Saison begann mit zwei heroischen Niederlagen gegen die Titanen ZSC (1:2 n. V) und Davos (2:3 n. V). «Anfangs hielt uns Sandro Zurkirchen im Spiel, und wir waren nicht in der Lage, vorne die Tore zu machen. Inzwischen kassieren wir auch zu viele Gegentreffer», so Kossmann. Dass Zurkirchens Konstanz arg nachgelassen habe, seit er in Lausanne unterschrieben hat, sagt der Trainer nicht.

Und es gibt noch ein Beispiel für die Tragik dieser Saison:Peter Guggisberg, einer der talentiertesten Stürmer der Liga. Aber es hat immer einen Grund, wenn ein so hochkarätiger Spieler in Ambri landet – und dieser Grund ist nicht eine überragende Leistung bei alten Klubs. Mit sechs Toren und zehn Assists hat er die Erwartungen nicht erfüllt. Aber Kossmann nimmt den Schillerfalter in Schutz, der in Kloten ausbezahlt und nach Ambri abgeschoben worden ist: «Wenn ich an die unzähligen Chancen denke, die er mit genialen Spielzügen für seine Mitspieler kreiert hat! Es dürften fünf pro Partie sein. Aber er hat nicht gleichwertige Mitspieler.»

Womit wir beim Kern der Sache sind:Der Grund für Ambris letzten Tabellenplatz liegt in der DNA des Unternehmens: viel Leidenschaft, aber hockeytechnische Mangelwirtschaft. Zu wenig Talent hinten und vorne, um Spiele auch dann gewinnen zu können, wenn die Hockeygötter Ambri vergessen haben. Es gibt noch so eine Schicksals-Statistik: In den letzten vier Partien sind die Ausländer ohne Treffer geblieben. Trotzdem sind zwei nur mit einem Tor Differenz verloren gegangen. Und im letzten Spiel, in dem die Ausländer skorten, siegte Ambri – nämlich in Zug (4:3 n. P.).

Und so gilt für Kossmann: Eine Mannschaft vermag viel zu ertragen, solange sie den Trainer ertragen kann. Wenn er es mit Toben in der Kabine nicht übertreibt, bleibt Kossmann bis Saisonende in Ambri.

Klaus Zaugg, Eishockey-Experte

sport@luzernerzeitung.ch