EISHOCKEY: «... da telefoniere ich täglich mit Sean»

In drei Wochen beginnt in Prag die WM. Der Schweizer Nationaltrainer Glen Hanlon spricht im Interview über seine Vergangenheit, seinen Wohnort Baar und die WM-Chancen von Lino Martschini.

Drucken
Teilen
Glen Hanlon sieht sich als eine Art Kapitän auf dem Schiff, der bei Turbulenzen keine Panik schüren will. (Bild: Keystone)

Glen Hanlon sieht sich als eine Art Kapitän auf dem Schiff, der bei Turbulenzen keine Panik schüren will. (Bild: Keystone)

Interview Nicola Berger

La Chaux-de-Fonds an einem der ersten Frühlingstage im Jahr 2015: Die Schweizer Nationalmannschaft bereitet sich in der Provinz auf die WM in Prag vor, zum ersten Mal unter dem Kanadier Glen Hanlon (58, Vertrag bis 2017), das Kollektiv residiert im Vier-Sterne-Haus Grand Hotel Les Endroits in luftiger Höhe. Der kurvenreiche Weg hinauf zum Nationaltrainer führt über zwei Strassen, die exemplarisch für das Vermächtnis stehen könnten, welches der Eishockeylehrer dereinst hinterlässt, in der Schweiz: «Rue du Succes», die Strasse des Erfolgs, und der «Chemin Perdu», der verlorene Weg, eine Sackgasse obendrein.

Mehr Verwalter denn Innovator

Hanlon hat es sich in der Hotellobby bequem gemacht, am Nebentisch jassen Damien Brunner, Robin Grossmann und Lino Martschini. Hanlon stöbert in seinem «German Phrases for Dummies»-Büchlein. Er durchlebt gerade aufregende Tage, fast jede Woche gibt es ein neues Aufgebot, und noch ist er ja unerfahren, was die Schweizer Nationalmannschaft betrifft. Im letzten Frühjahr wurde er als Nachfolger seines Freundes Sean Simpson vorgestellt, nachdem sich die Wunschlösungen Harold Kreis (EV Zug) und Arno del Curto (HC Davos) zerschlagen hatten. Der damals noch fürs Nationalteam zuständige Verbandsmann Ueli Schwarz hatte die Selektion Hanlons gegenüber der «Berner Zeitung» mit einem bemerkenswerten Zitat begründet, er sagte: «Es nützt nichts, wenn einer weiss, wie man ein siebtes Playoff-Spiel gewinnt. Wir brauchen jemanden, der weiss, was es braucht, um mit einem Nationalteam an einer WM erfolgreich zu sein.» Das ist eine interessante Sichtweise, denn bei sechs WM-Teilnahmen firmiert ein sechster Platz als beste Klassierung, 2006, mit Weissrussland, nach einer ehrenvollen Viertelfinalniederlage gegen Finnland (0:3). Mit solchen hat man in der Schweiz ja Erfahrung, und nun soll Hanlon dabei helfen, die Hürde zu überwinden. Einfach wird die Aufgabe nicht; ein Beobachter sagt über den früheren NHL-Coach: «Er ist mehr Verwalter denn Innovator.»

Glen Hanlon, Sie waren jener Goalie, gegen den der grosse Wayne Gretzky sein erstes NHL-Tor erzielte und später in Washington der erste NHL-Coach von Alexander Owetschkin, dem russischen Superstar. Mit welcher Rolle wollen Sie in Europa in die Geschichtsbücher eingehen?

Glen Hanlon: Solche Überlegungen mache ich mir nicht. Mir ist wichtig, dass sich meine Spieler mit Höchstleistungen verewigen können. Ich muss nicht im Rampenlicht stehen.

Wie war es denn, Owetschkin zu coachen?

Hanlon: Es war eine der schönsten Erfahrungen meiner Trainerkarriere. Er ist ein grosser Sportsmann. In der Öffentlichkeit wird er manchmal als egoistischer «Coach-Killer» beschrieben, aber das entspricht nicht der Wahrheit. Er ist aus einem Holz geschnitzt, wie sich das jeder Trainer wünscht.

In Washington mussten Sie vorzeitig gehen. Wie emotional war das? Es heisst, bei Ihnen seien Tränen geflossen, als Sie 1982 von Vancouver nach St. Louis transferiert wurden. Und noch einmal, als Sie sich aus Weissrussland verabschiedeten, 2009.

Hanlon: Es stimmt, dass ich geweint habe, als ich damals vom Tausch erfuhr. Ich hatte viele Freunde in Vancouver, wir waren ein junges Team, ich wollte nicht weg. Und in Weissrussland war der Abschied auch emotional, weil ich das Land und seine Leute sehr geschätzt habe. Aber es flossen keine Tränen. Es ist auch nicht so, dass ich jeden Nachmittag im Kino Rotz und Wasser heule. (lacht)

Sie stehen vor Ihrer siebten WM-Teilnahme und dürften noch nie ein so talentiertes Team zur Verfügung gehabt haben wie 2015 mit der Schweiz. Wie gross ist die Vorfreude?

Hanlon: Sie ist sicher gross. Der sechste Platz war für Weissrussland damals fast wie eine Goldmedaille. In der Schweiz sind die Erwartungen hoch, das ist mir bewusst. Aber es gibt in diesem Sport keine Garantien. Schauen Sie nur die Kanadier an, die seit fünf Jahren ohne WM-Medaille sind.

Ihr Vorgänger Sean Simpson war in Weissrussland einst Ihr Assistent, und es heisst, Sie seien seither freundschaftlich verbunden. Wie eng ist der Kontakt?

Hanlon: Ziemlich eng. Es gibt Phasen, da telefonieren wir täglich. Sean hat diesen Job lange und erfolgreich ausgeübt, er weiss viele Dinge. Gerade was die Abläufe angeht, will ich nicht unnötig Änderungen vornehmen.

Sie verstehen sich gut mit Simpson, scheinen aber ein anderer Typ zu sein. Für ihn schien jede Niederlage eine Art Weltuntergang zu sein, Sie wirken da gelassener.

Hanlon: Hören Sie, ich bin 58, da will ich so wenig Weltuntergänge wie möglich erleben und mein Herz schonen (lacht). Im Ernst: Jeder geht mit Niederlagen anders um. Mich hat in dieser Hinsicht der leider kürzlich verstorbene Pat Quinn geprägt. Er hat nach jedem Spiel einen unerschütterlichen Optimismus versprüht. Als Trainer ist man ja eine Art Kapitän. Wenn es auf einem Schiff Turbulenzen gibt, will man keinen Kapitän, der Panik schürt.

Sie sind in Baar wohnhaft. Was gefällt Ihnen dort ausser dem tiefen Steuerfuss?

Hanlon: Das mit den Steuern höre ich oft, aber ich bin nicht deswegen dorthin gezogen. Geld interessiert mich nicht. Ich habe genug davon und gebe wenig aus. Baar ist perfekt gelegen, ich bin innert wenigen Stunden in sämtlichen Stadien.

Ihr Sohn Jackson hat die Saison im EVZ-Nachwuchs angefangen, aber nicht beendet. Wie kommt das?

Hanlon: Jackson spielt Eishockey, weil er gerne in einem Team ist. Der Sport an sich interessiert ihn weniger. Ich habe ihn schon im Alter von zwei Jahren mit auf die Eisbahn genommen und dachte, er werde der Tiger Woods des Eishockeys. Aber mit neun Jahren hatte er das Interesse verloren und zog sich drei Jahre keine Schlittschuhe mehr an. Das war auch für mich eine interessante Lektion. Ich denke, in Kanada würde er wohl wieder spielen. Aber in der Schweiz hat es einfach nicht gereicht.

Gerade in Kanada hoffen viele Eltern, aus ihrem Sohn den nächsten Gretzky zu machen, teilweise mit Investitionen von Hunderttausenden von Dollars. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Hanlon: Ich finde sie gefährlich. Es wird versucht, NHL-Spieler zu züchten. Hier fliegt ein Zwölfjähriger zu einem Power-Skating-Kurs, dort wird ein Personaltrainer engagiert. Das ist keine gute Entwicklung, weil Eishockey so zum Sport für die Eliten wird. Wir haben draussen auf Natureis unter Freunden gespielt, bis die Sonne unterging. Auch Gretzky hat so begonnen. Ich halte das nach wie vor für die beste Schule, gerade was die Spielinstinkte betrifft.

Sie wurden im Februar 58. Macht es Ihnen der 13-jährige Sohn leichter, die nächste Generation zu verstehen?

Hanlon: Es gibt viele Dinge, bei denen es mir schwerfällt, sie zu begreifen. Wie man Stunden mit Videospielen verbringen kann, zum Beispiel. Aber wenn ich mich wie ein 58-Jähriger verhalten würde, hätte ich schon lange keinen Job als Coach mehr. Ich würde vermutlich noch immer Briefe schreiben und keine SMS. Aber man muss mit der Zeit gehen. Junge Menschen lernen eben anders, als Leute in meinem Alter das getan haben.

Hält Sie die Arbeit jung?

Hanlon: Na ja, wenn ich morgens aufwache, fühle ich mich ziemlich alt (lacht). Sagen wir es so: Es stimuliert mich und hält mich wach.

Sie begannen einst als Goalie-Trainer. Was hat Sie zum Wechsel bewogen?

Hanlon: Es wurde langweilig. Heute ist dieser Job sehr anspruchsvoll, weil das Spiel komplexer geworden ist. Es wird viel detaillierter gearbeitet, im Videobereich sind die Möglichkeiten endlos. Damals war das anders. Übertrieben formuliert habe ich mit meiner Kreditkarte ein paar Getränke gekauft und dem von mir betreuten Torhüter gut zugeredet.

Inzwischen arbeiten Sie seit 16 Jahren als Cheftrainer. Was hat sich verändert?

Hanlon: Vieles. Das Spiel ist schneller, taktischer, facettenreicher geworden. Und der mentale Aspekt wird immer wichtiger. Als Trainer muss man Menschen führen können.

Noch ist der Weg bis Prag lang. Wie stehen die Chancen, dass EVZ-Stürmer Lino Martschini zu seinem WM-Debüt kommt?

Hanlon: Er war der beste Schweizer Skorer der NLA, also wird er jede Chance erhalten, es ins Team zu schaffen. Ich muss dazu sagen, dass mein Job dabei sehr einfach ist. Nicht ich entscheide, wer es schafft, sondern die Spieler selber. Mit ihren Leistungen.

Hat sich der NHL-Legionär Mark Streit schon entschieden, ob er sich der Schweiz anschliesst?

Hanlon: Ich habe mit Mark vereinbart, dass er uns seinen Entscheid mitteilt, nachdem seine Saison in Philadelphia zu Ende ist. Ich hoffe, dass er dabei ist.