EISHOCKEY: Der fromme Eishockeystar

Der frühere EVZ-Star Mike Fisher ist in Nashville einer der beliebtesten Akteure. Seine Popularität ist auch mit religiösen Motiven zu erklären.

Nicola Berger, Nashville
Drucken
Teilen
Mike Fisher im Dress der Nashville Predators. (Bild: Keystone)

Mike Fisher im Dress der Nashville Predators. (Bild: Keystone)

Wer das Twitter-Profil von Mike Fisher (33, «@mikefisher1212») besucht, den begrüsst ein Bibelzitat von Johannes dem Täufer: «ER muss wachsen, ich aber muss abnehmen.» Fisher ist Assistenzcaptain der Nashville Predators, hat 918 NHL-Spiele auf dem Buckel, und verdient in dieser Saison 4,2 Millionen Dollar. Auf Twitter folgen ihm über 133 000 Menschen, das ist viel, aber Fisher hat seine Popularität nicht nur seinem Schaffen als Sportler zu verdanken. Er lebt seinen christlichen Glauben öffentlich aus. Man kann das anstrengend finden, aber in Nashville fliegen ihm die Sympathien auch deshalb reihenweise zu. Die Stadt wird auch «Vatikan der Protestanten» genannt, weil es in Nashville für die 600 000 Einwohner über 700 Kirchen gibt. Auch Roman Josi (23), der Schweizer Verteidiger in Diensten der Predators, hat festgestellt: «Der Glaube ist hier sehr wichtig.»

Reger Besuch einer Zürcher Kirche

Das gilt auch für Fisher, der sagt: «Nicht mein Beruf als Eishockeyprofi definiert mich, sondern meine Beziehung zu Jesus Christus.» Fisher betet regelmässig – und hat das auch in seiner Zeit beim EV Zug getan, wo er in der Saison 2004/05 während des NHL-Lockouts 30 Partien (11 Tore/21 Assists) bestritt. Fisher steht in den Katakomben der Bridgestone Arena, die Gastgeber haben gegen St. Louis gerade mit 1:6 verloren, aber seine Stimmung hellt sich auf, als er über seinen Glauben sprechen kann. Er sagt: «Ich habe damals eine Kirche in Zürich besucht. Es war eine erfüllende Zeit.» Das war sie tatsächlich – auch sportlich. In Zug hat er bis heute Verehrer und im Umfeld hätte es mancher gerne gesehen, hätte der EVZ Fisher im letzten Lockout-Winter zurückgeholt – auch wenn diese Rufe nach dem Engagement von Henrik Zetterberg rasch verstummten.

Die Familie steht im Vordergrund

Fisher verzichtete während des Lockouts darauf, sich einem Team in Europa anzuschliessen. Er sagt: «Ich bin jetzt verheiratet und wollte nicht zu weit weg von zu Hause.» 2010 hatte er Carrie Underwood (30) geheiratet, eine Country-Sängerin mit sechs Grammy-Auszeichnungen, deren Karriere einst bei «American Idol» begann.

Das Ehepaar ist in Nashville ungemein beliebt. Und so schnell werden sie die Region nicht verlassen. Fisher hat noch einen Vertrag bis 2015. Ob eine Rückkehr nach Zug dann ein Thema werden könnte? Fisher schliesst das kategorisch aus: «Ich würde mir das nicht einmal überlegen. In Europa werde ich nie mehr spielen.» Die Gründung einer Familie hat Priorität, auch wenn ihm die Zeit in Zug durchaus positiv in Erinnerung geblieben ist: «Ich denke gerne an die paar Monate zurück.» Kontakte zum EVZ hat er keine mehr, aber in Montreal plauderte er kürzlich mit Rafael Diaz. Und als Nationalcoach Sean Simpson im Frühjahr Roman Josi besuchte, tauschte er sich auch mit dem damaligen EVZ-Coach aus.

Rund fünf Minuten hat Mike Fisher jetzt über die Vergangenheit gesprochen. Jetzt muss er in Physiotherapie und sich wieder der Gegenwart widmen, wo er schauen muss, dass ihm der Spagat gelingt. Zwischen Bibelversen und dem profanen Alltag als Eishockeyprofi.

Defensivspieler sind in Nashville die Stars

David Poile (63) ist seit 31 Jahren ununterbrochen General Manager in der NHL. Ab 1982 leitete er 15 Jahre lang die Geschicke der Washington Capitals, bevor er sich 1998 der frisch aus der Taufe gehobenen Nashville Predators annahm. Das Team startete in der Saison 1998/99 mit einer Lohnsumme von total 15 Millionen Dollar – dem tiefsten Betrag der Liga. Seither haben die Predators bloss zwei Playoff-Serien gewinnen können, sind in der Stadt aber dennoch tief verankert. Im Team gibt es nur zwei Stars: Abwehrchef Shea Weber (28) und der derzeit an der Hüfte verletzte Torhüter Pekka Rinne (30). Dass es sich dabei um Defensivspieler handelt, ist kein Zufall. Seit jeher haben die Predators die Mentalität ihres Managers verinnerlicht, und die lautet: «Defensive zuerst.» Unter Poile haben die Predators eine Nische darin gefunden, Top-Verteidiger zu produzieren. Ryan Suter (28) verdiente sich die Sporen hier ab, bevor er von Minnesota mit fast 100 Millionen Dollar vergoldet wurde. Der nächste Superstar könnte aus Roman Josi erwachsen. Verantwortlich für die Entwicklung der Abwehrspieler ist seit dieser Saison der frühere Spitzenverteidiger Phil Housley (49), der während des NHL-Lockouts 1994/95 kurz in der NLB für die Grasshoppers aktiv war. Josi sagt über ihn: «Von ihm kann ich extrem viel lernen.»

Playoff deutlich verpasst

Die Offensive, so heisst es ja, gewinne Spiele, die Defensive aber Meisterschaften. Der Wahrheitsgehalt dieser Worte ist oft genug bewiesen worden, aber ein bisschen Offensive braucht es halt doch, will man Erfolg haben. Genau das ist das Problem der Franchise. 2012/13 war Weber mit 28 Punkten aus 48 Partien der Topskorer des Teams. Da erstaunt es nicht, dass das Playoff deutlich verpasst wurde. «Tore zu erzielen», sagt Josi, «ist nicht unsere Stärke.» Und Besserung scheint nicht in Sicht: Nur vier Teams haben bisher weniger Tore erzielt als Nashville mit 23. Poile sagt: «Ein NHL-Team hat immer Stärken und Schwächen. Wenn man keine Sorgen und Lücken mehr hat … dann ist man die Chicago Blackhawks.»

nbe

Moser braucht weiter Geduld

In bisher fünf Partien hat Simon Moser (24) für die Milwaukee Admirals, das AHL-Farmteam der Predators, ein Tor und zwei Assists produziert. Und so wie sich die Dinge präsentieren, werden noch einige Begegnungen hinzukommen. David Poile sagt: «Der Weg nach Nashville führt über Milwaukee. Moser muss sich zuerst an das nordamerikanische Eishockey gewöhnen, bevor wir ihn in die NHL befördern können.» Zumindest einen weiteren Monat soll Moser noch in der AHL verbringen. Und selbst dann ist eine Promotion nicht garantiert. Nashville verfügt über ein Überangebot an Angreifern.

Sollte Moser bis Weihnachten nicht im NHL-Kader stehen, dürfte er zurück in die Schweiz wechseln, wo er beim SC Bern im Wort steht.

nbe