EISHOCKEY: Der Kampf von Luca Sbisa gegen die Stagnation

Der Zuger Luca Sbisa versucht in Kalifornien seine Karriere voranzutreiben. In Anaheim warten sie mit wachsender Ungeduld auf den Durchbruch des ehemaligen Erstrundendrafts.

Nicola Berger, Anaheim
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Erhielt am Mittwoch gegen die Chicago Blackhawks nur 12:32 Minuten Eiszeit: Anaheim-Verteidiger Luca Sbisa (links). (Bild: Keystone)

Erhielt am Mittwoch gegen die Chicago Blackhawks nur 12:32 Minuten Eiszeit: Anaheim-Verteidiger Luca Sbisa (links). (Bild: Keystone)

Newport Beach ist kein Ort für Habenichtse, es ist ein Tummelfeld der Reichen und Schönen, eine Autostunde von der Glitzerwelt Hollywoods entfernt. Im Hafen bieten findige Anbieter die «Tour der Berühmtheiten» an, mit Touristen klappern sie auf Booten die Anwesen von Stars im Ort ab: Kobe Bryant, Nicolas Cage, die ehemalige Villa des verstorbenen John Wayne.

Das Zuhause von Luca Sbisa (24) fehlt im Programm, obwohl er die Kriterien «reich» und «schön» durchaus erfüllt. Das Leben hat es ja gut gemeint mit dem Zuger. Er ist: Dollarmillionär, NHL-Kraft, Frauenschwarm. Die Natur hat ihm einen Körper geschenkt, den selbst Adonis vor Neid erblassen liesse.

Dass sich die Voyeure nicht um ihn scheren, könnte daran liegen, dass sich im Süden Kaliforniens kaum jemand für Eishockey interessiert, das ist die einfache Antwort. Oder daran, dass Sbisa in seiner Karriere gerade nicht vorwärtskommt, das ist die ehrlichere Erklärung.

Zwei Blessuren seit Herbst

Es ist Mittwochvormittag, und Sbisa sitzt in der Garderobe der Anaheim Ducks, sein Platz befindet sich direkt neben jenem des Schweizer Torhüters Jonas Hiller (31). Es ist ein guter Tag für Sbisa, der kauzige Trainer Bruce Boudreau hat ihm gerade mitgeteilt, dass er am Abend beim Vergleich gegen die Chicago Blackhawks im Aufgebot stehen wird. Man würde das für eine Selbstverständlichkeit halten, aber genau das ist es eben nicht mehr.

Gleich zweimal wurde Sbisa seit Herbst durch Blessuren zurückgeworfen, erst am Fuss, dann an der Hand. Ende Januar kehrte er zurück, nach eigenem Ermessen mit ordentlichen Darbietungen. Sbisa sagt: «Ich bin zu 100 Prozent gesund und habe gleich gut gespielt.» Der Coach sieht das anders: Die Niederlage vom Montag gegen Columbus musste Sbisa als überzähliger Verteidiger von der Tribüne aus verfolgen und gegen Chicago erhielt der Schweizer bloss 12:32 Minuten Eiszeit.

Boudreau erlangte 2010 als Trainer der Washington Capitals Berühmtheit. In einer im TV übertragenen Kabinenansprache wurde er ziemlich wütend und verwendete in 80 Sekunden 15 Mal das «F»-Wort.

Die Einschätzung des Trainers

Inzwischen betreut Boudreau, der sich 1992 in Muskegon eine WG mit dem EV-Zug-Trainer Doug Shedden teilte, mit grossem Erfolg die Anaheim Ducks. Das bis 2006 vom Disneykonzern kontrollierte Team («Mighty Ducks») führt überraschend die Western Conference an. Die starke Bilanz ist ein Segen für das Team, aber für Sbisa ist sie auch ein Fluch. Boudreau sagt: «Wir haben 36 von 44 Spielen gewonnen. Da ist es für niemanden einfach, einen Platz im Team zu finden.» Dann fuchtelt der Eishockeylehrer mit seinen Händen durch die Luft, er will die Entwicklungskurve von Cam Fowler (22) zeigen, der grossen Abwehrhoffnung Anaheims. Boudreaus Finger wandern nach oben, er zeichnet jetzt eine imaginäre, kontinuierlich ansteigende Linie. Sekunden später macht er das gleich mit Luca Sbisa. Boudreau steht seit 2011 an der Bande der Ducks, gemäss ihm verläuft die Sbisa-Linie seitdem strikt waagrecht, der Trainer sagt, dass ihm das nicht gefalle. «Er ist jetzt 24 Jahre alt, da erwarten wir mehr, seine Entwicklung hat zuletzt stagniert. Er muss jetzt den nächsten Schritt machen.»

Van Boxmeers düstere Prognose

Der Kanadier steht mit der Einschätzung nicht alleine da. Auf der Medientribüne sitzt John van Boxmeer (61), der ehemalige Coach des SC Bern und Lausanne, der heute als Scout für die Buffalo Sabres arbeitet. Van Boxmeer ist in Kalifornien ansässig, er sieht viele Spiele der Ducks, zu Sbisa sagt er: «Er sucht zu oft den grossen Check und steht dann falsch. Er hat NHL-Qualitäten, aber ich sehe ihn nicht als Top-4-Verteidiger.»

Das ist eine düstere Einschätzung für einen, der 2008 von den Philadelphia Flyers in der ersten Draftrunde selektioniert wurde und als heisses Talent galt. Das Urteil freilich korrespondiert nicht mit Sbisas Selbstverständnis. Es ist seine siebte Saison in Übersee, die Jahre haben auf seine Personalität abgefärbt, er würde problemlos als Sonnyboy kalifornischer Provenienz durchgehen.

Zweifel an seinen Fähigkeiten hat Sbisa keine, er kann auch nicht recht verstehen, warum Sean Simpson ihn nicht für Sotschi aufgeboten hat. Auch nach dem Turnierforfait von SCB-Verteidiger Philippe Furrer (28) hat sich Simpson nicht bei Sbisa gemeldet. Die Hoffnung auf die persönliche Olympiapremiere hat er dennoch noch nicht ganz aufgegeben, wenn er in ein paar Tagen ferienhalber in die Schweiz zurückfliegt, will er die Ausrüstung zur Sicherheit mitnehmen.

Er bringt alle Voraussetzungen mit

Was, wenn der Anruf von Simpson ausbleibt? Sbisa zuckt mit den Schultern und sagt: «Das Leben geht weiter.» Die Ansicht kann man haben, mit der Sonne im Gesicht und bei einem Jahressalär von 2,175 Millionen pro Jahr. Und es ist ja nicht ausgeschlossen, dass Sbisa doch noch zum Star heranreift, es ist sehr unterschiedlich, wann junge Verteidiger ihr Potenzial ausschöpfen. Sbisa, da sind sich die Experten einig, bringt alle Grundvoraussetzungen mit: Er ist gross, kräftig, ein guter Schlittschuhläufer. Ein Problem hat Sbisa erst dann, wenn Bruce Boudreau auch in einem Jahr keine vorteilhafteren Luftlinien zeichnet. Dann kann es sein, dass er als ewiges Talent abgestempelt wird und in Anaheim keine Zukunft hat.

Die Touristenschlepper von Newport Beach würden seinen Wegzug nicht bemerken.