EISHOCKEY: Der sanfte Titan im Land der Bibel

Der Berner Roman Josi (24) ist in Nashville der beste Spieler in der besten Mannschaft Team der Welt. Dabei hat er seine besten Jahre noch vor sich.

Klaus Zaugg
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Wenn Roman Josi mit der Scheibe vorwärtsstürmt, geniesst er die Aufmerksamkeit aller Zuschauer im Stadion. (Bild: Getty/John Russell)

Wenn Roman Josi mit der Scheibe vorwärtsstürmt, geniesst er die Aufmerksamkeit aller Zuschauer im Stadion. (Bild: Getty/John Russell)

Klaus Zaugg

Wer ist der beste Schweizer Spieler aller Zeiten? Darüber lässt sich wochenlang streiten. Eine endgültige Antwort gibt es nicht. Weil wir die verschiedenen Epochen nicht miteinander vergleichen können. Hingegen ist es einfach, den besten Schweizer Spieler der Gegenwart zu nennen. Roman Josi. Er ist der dominierende Einzelspieler der Nashville Predators, des punktbesten NHL-Teams. Weshalb wir sagen können: Josi ist der beste Spieler im besten Team der Welt.

Nashville ist eine Welt für sich. Die Marketingabteilung baut auf das Image der rauen Kerle («Welcome to Smashville»). Aber die Härte ist brav. Sie steht ganz im Einklang mit den zehn Geboten und ist weit entfernt von bösem Haudegen-Hockey. Die Kontinuität in der Stadt der rockigen Countrymusik ist bemerkenswert. Peter Laviolette steht in seiner ersten Saison, und er ist erst der zweite Cheftrainer seit Gründung des Teams im Jahre 1998. Zuvor blockierte Barry Trotz (jetzt Washington) jahrelang die spielerische Entwicklung durch extremes Beton-Hockey. Weil er so lange im Amt war, dachten irgendwann alle, er sei ein grosser Trainer. Dabei waren die Erfolge sehr bescheiden. Alle lagen sich schon in den Armen, wenn nur die Playoffs geschafft wurden.

Sanft in der Art, stark in der Tat

Aber es ist Roman Josis Glück, dass er hier im «Langnau der NHL» gelandet ist. Nashville ist mit 600 000 Einwohnern für US-Verhältnisse eine Kleinstadt. Der Unterschied zwischen Manhattan und Nashville ist mindestens so gross wie zwischen Bern und New York. Hier ist tiefste amerikanische Provinz. Das konservative, prüde, fromme und freundliche Amerika. Nashville liegt im «Bible-Belt» («Bibel-Gürtel») der USA, der geprägt wird vom evangelikalen Protestantismus. Die Kirchen sind in dieser Stadt der Bibel voluminöser als die NHL-Arena, die Gebetshäuser zahlreicher als die Saloons, und so sehr es auch am Broadway in den Country-Music-Schuppen rocken und rollen mag – schon die Parallelstrasse heisst «Church Street».

Die Menschen gehen in den Strassen nicht so schnell wie in Manhattan, und sie starren nicht ständig in ihre mobilen Wissensmaschinen. In Zürich tun alle so, als seien sie in Manhattan. Obwohl die meisten noch nie dort waren. In Nashville geben alle Acht, nicht so zu tun wie in Manhattan. Weil die meisten schon dort waren. Respekt, Hilfsbereitschaft und Anstand mahnen ans Bernbiet.

Die Leistungskultur ist in dieser NHL-Antwort auf Langnau, wie überall in Amerika, rau. Aber eben nicht ganz so rau wie in New York, Chicagow, Philadelphia oder Los Angeles. Deshalb ist es für einen Berner in Nashville ein ganz kleines bisschen einfacher. Weil er sich wohler fühlt, so etwas wie Nestwärme spürt und alle ein wenig mehr Geduld haben. Der Einstieg in die NHL und die Entwicklung zur dominierenden Spielerpersönlichkeit war hier für den ehemaligen SCB-Junior ganz sicher einfacher als in einer der grossen, traditionsreichen NHL-Städte.

Eine schier unfassbare Präsenz

Nun rockt das Team, das in 15 Jahren neunmal die Playoffs verpasst hat, endlich die NHL. Roman Josi sagt, ihm behage das dynamische Offensivhockey des neuen Trainers sehr. Die Rolle des Schweizers in dieser Mannschaft kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In der öffentlichen und medialen Wahrnehmung ist zwar Captain Shea Weber die dominierende Figur. Roman Josi ist sanft in der Art, aber stark in der Tat. Er spricht leise und hält sich neben dem Eis im Hintergrund. Aber John van Boxmeer, der einst als SCB-Coach den 16-jährigen Josi in die NLA gebracht hat und heute als NHL-Scout arbeitet, sagt: «Ich unterhalte mich oft mit den Leuten von Nashville. Sie sagen alle, es sei inzwischen Josi, der Weber helfe – und nicht umgekehrt.» Roman Josi, der so gut geerdete Berner Bub, lässt sich von einem solchen Kompliment nicht aus der Fassung bringen. «Der gute John meint es halt gut. Aber Weber und ich ergänzen uns tatsächlich sehr gut, und ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mit ihm spielen darf.»

Im Sommer 2012 hat Ryan Suter Nashville verlassen, und seither ist Josi der Standardpartner von Shea Weber (29). Die beiden bilden das beste und teuerste Verteidigerpaar der Welt und dürften es noch eine Weile bleiben. Die Chancen stehen gut, dass es Nashville gelingt, um diese beiden Abwehrspieler herum eine Mannschaft zu bauen, die erstmals den Stanley-Cup in die bibelfeste Hauptstadt der Countrymusik bringt und als Dynastie über mehrere Jahre lang die NHL dominiert. Shea Weber verdient pro Saison 14 Millionen Dollar, und sein Vertrag läuft bis 2026. Roman Josis Kontrakt endet 2020 und ist insgesamt mehr als 20 Millionen wert. Aber er ist erst 24 Jahre alt. Die besten Jahre liegen noch vor ihm, und er schmunzelt: «Na ja, man sagt, so mit 27 sei das beste Alter für einen Verteidiger. Da muss ich hart arbeiten, um diese Erwartungen auch zu erfüllen.»

Shea Weber und Roman Josi haben enormen Einfluss auf das Spiel ihres Teams und eine schier unfassbare Präsenz. Die beiden bilden das perfekte Duo und buchen pro Spiel mehr als einen halben Punkt. Shea Weber (193/106 kg) ist etwas grösser und schwerer als Josi (189/90) und der Mann fürs Grobe mit ziemlich genau doppelt so viel Strafminuten wie sein helvetischer Partner. Er ist ein rauer Titan. Roman Josi wirkt im Spiel dominierender, magischer. Er ist ein sanfter Titan. Wenn er mit der Scheibe vorwärtsstürmt, dann zieht er die Aufmerksamkeit aller Zuschauer im Stadion auf sich. Weil jeder weiss, dass irgendetwas passieren wird.

Der Beckenbauer des Eishockeys

Roman Josi hat die ganz seltene Gabe, das Spiel ein oder zwei Züge im Voraus lesen zu können – offensiv und defensiv. Deshalb gelingen ihm die genialen Zuckerpässe, deshalb erkennt er sofort die Lücken im gegnerischen Abwehrdispositiv und sticht hinein, und deshalb schliesst er die Lücken in der eigenen Verteidigung, bevor der Gegner davon profitieren kann. Er ist öfter und länger im Scheibenbesitz als Shea Weber. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass er in drei bis vier Jahren absolut unbestritten der beste Verteidiger der NHL und damit der Welt sein wird. Der beste Verteidiger einer WM war er ja schon. Beim Silber-Turnier von 2013. Um einen Vergleich mit dem Fussball aus der guten alten Zeit der Liberos zu bemühen: Shea Weber mahnt an Franco Baresi, Roman Josi an Franz Beckenbauer. Allerdings wird er dereinst nach seiner Karriere beim SCB nicht die gleiche Rolle spielen können wie Beckenbauer bei Bayern München. Die Rolle des Kaisers ist beim SCB auf Lebzeiten für Manager Marc Lüthi reserviert.

Roman Josi hat manchmal mehr als 30 Minuten Eiszeit. Er sagt, in der NHL seien solche Einsatzzeiten eher zu verkraften als in der NLA. Weil die Laufwege auf dem kleineren Eis kürzer und die Räume für die Stürmer enger seien. Es mache für ihn eigentlich gar keinen so grossen Unterschied, ob er 15 oder 25 Minuten Eiszeit habe, und er benötige wegen der langen Präsenszeiten auch kein spezielles Training. «Viel Eiszeit ist eher eine Frage der Gewohnheit. Es käme mir inzwischen komisch vor, wenn ich nur 15 Minuten Einsatzzeit bekäme. Ich käme dann wahrscheinlich gar nicht mehr richtig ins Spiel.»

Es ist noch nicht keineswegs sicher, dass die Nashville Predators den Stanley-Cup gewinnen. Aber es ist möglich. Roman Josi weiss, dass ein Qualifikationssieg noch nichts bedeutet. Er kippte mit dem SCB zweimal bereits in der ersten Runde als Qualifikationssieger aus den Playoffs (gegen Fribourg und Zug), ehe er 2010 den Titel feierte und dann sein NHL-Abenteuer startete. Noch nie hat ein Schweizer bei einem Stanley-Cup-Sieger eine zentrale Rolle gespielt (Aebischer und Gerber waren jeweils bei ihren Stanley-Cup-Triumphen in den Playoffs nur Ersatzgoalies). Roman Josi wird der erste sein. Wenn nicht 2015, dann in einem der nächsten Jahre.