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EISHOCKEY: Die Hysterie um den Altstar

Superstar Jaromir Jagr (43) ist an der WM in Tschechien allgegenwärtig. Heute misst sich die Licht­gestalt des Gastgeberlandes mit der Schweiz (20.15, SRF 2).
Der 43-jährige Jaromir Jagr steigt heute genauso wie Sturmkollege Martin Zatovic (rechts, Nr. 24) gegen die Schweiz aufs Eis. (Bild: Keystone/Salvatore Di Nolfi)

Der 43-jährige Jaromir Jagr steigt heute genauso wie Sturmkollege Martin Zatovic (rechts, Nr. 24) gegen die Schweiz aufs Eis. (Bild: Keystone/Salvatore Di Nolfi)

Nicola Berger, Prag

Wer durch Prag streift in diesen Tagen, kommt an Jaromir Jagr nicht vorbei. Kein Trikot verkauft sich in Tschechien derzeit besser als jenes des Altstars der Florida Panthers, um den ein bemerkenswerter Personenkult entstanden ist. Jagr befindet sich im Spätherbst seiner Kar­riere, aber er ist heute populärer als je zuvor. Rund um den Wenzelsplatz haben die WM-Organisatoren «Jagr»-Trikots zu Werbezwecken in Glaskästen fixieren lassen, sein Konterfei grüsst von Plakaten und im Supermarkt dient er als Motiv für Schokoladenmännchen.

In der O2-Arena, fünf U-Bahn-Stationen von der Innenstadt entfernt, verhält es sich nicht anders. Die Strassen und die «Fanzony» sind voller Menschen in Jagr-Shirts, und in der Pressezone fahren die Medienleute die Ellbogen aus. Jeder möchte das Idol etwas fragen oder Blickkontakt herstellen, weil ein so intimer Moment eine Journalistenseele für Monate erwärmen kann. Die Hysterie um Jagr wirkt bisweilen grotesk, weil sie atypisch ist für Tschechien, ein Land, dessen Einwohnern man einen Hang zur Selbstzerfleischung nachsagt.

Geld, Ruhm und schöne Frauen

In diesem Frühling ist alles anders, sehnsüchtig wartete die Nation auf die WM-Zusage Jagrs, der 2014 ja eigentlich zurückgetreten war aus dem Nationalteam. Jagr liess sich hofieren, aber natürlich war immer klar, dass er antreten würde, er kann ja nicht anders.

Denn Jagr ist ein Getriebener, darum ist er noch immer aktiv, mit 43 Jahren. Kürzlich hat er gesagt, er brauche nicht viel im Leben, um glücklich zu sein. Das stimmt, ihm genügen: Eishockey, Geld, Ruhm und schöne Frauen. Vielleicht ist Jaromir Jagr gerade darum so populär: weil er die Klischees konterkariert, weil er so ist, wie viele Tschechen gerne wären. Erfolgreich, selbstsicher, an der Schwelle zur Grossspurigkeit. Seine Extravaganz ist breit dokumentiert: Beim Glücksspiel setzt er gerne grosse Beträge, 1997 häufte er bei einem Wettanbieter aus Belize Schulden in der Höhe von 500 000 Dollar an, was darum publik wurde, weil er die Ratenzahlungen phasenweise eingestellt hatte. Es würde leicht fallen, Jagr einen Hang zur Arroganz anzudichten, auch, weil er in Prag nicht wie seine Teamkollegen im Bus zum Training vorfährt, sondern sich in der Limousine chauffieren lässt.

Florida als Jungbrunnen

Das Bild liesse sich also zeichnen, aber es wäre falsch. Damien Brunner (29), der sich mit Jagr in New Jersey während anderthalb Jahren die Garderobe teilte, sagt: «Er ist humorvoll, bescheiden, frei von Allüren und freut sich noch immer wie ein kleines Kind, wenn ihm im Training ein Trick gelingt.»

Brunners Aussage korrespondiert mit Wortmeldungen von anderen Karrierestationen Jagrs, aus Philadelphia, Dallas, Florida. Überall wird der 1,89 m grosse und 104 kg schwere Edeltechniker als Motivator gelobt.

Jagr wird die Rolle auch nächstes Jahr einnehmen, in Sunrise/Florida, dem palmengesäumten US-Rentnerparadies, wo eine aufregende junge Mannschaft heranwächst. Seine Titelsammlung wird er bei den Panthers kaum erweitern können, noch ist dieses Kollektiv kein Titelanwärter, aber für Jagr ist das sekundär. Er spielt weiter, weil es ihm Spass macht, weil er gerne geliebt wird und weil er es noch immer kann: In seinen ersten 20 Spielen für Florida produzierte er 18 Skorerpunkte. Er sagte: «Ich habe grossen Spass in diesem Team, die jungen Spieler halten mich frisch.»

Jagr kann sich seine Prioritäten selbst festlegen, denn in seinen 26 Jahren als Profi hat er ja bereits jeden nennenswerten Titel geholt: Olympia-Gold, WM-Titel, den Stanley-Cup. Allein in der NHL hat er dabei mehr als 100 Millionen Dollar an Salär eingestrichen, heute gehört ihm eine Sportbar in Prag und 70 Prozent der Anteile an seinem Stammklub HC Kladno, heute tschechischer Zweitdivisionär.

In Kladno, dieser schmucklosen, 25 Kilometer nordwestlich von Prag gelegenen Industriestadt, begann einst alles. Jagr mag sich heute jeden erdenklichen Luxus leisten können, unter dem kommunistischen Regime war das anders, in den 80ern. Überliefert ist, dass sich Jagr stundenlang anstellen musste, um an Lebensmittel zu kommen. Sein Groll wuchs, aus Protest wählte er die Nummer 68 als Ehrerbietung an den Prager Frühling von 1968, bei dem die tschechoslowakische Demokratiebewegung von der Roten Armee blutig niedergeschlagen wurde. In jenen Tagen verlor Jagr seinen Grossvater, einen politischen Häftling, der während des Aufstands im Gefängnis krankheitshalber verstarb. Jagr hat das nie vergessen, seither definiert er sich als Freigeist, fernab jeglicher Konformität.

Mit der Bleiweste aufs Eis

Das dunkle Kapitel der tschechoslowakischen Geschichte diente ihm jedoch auch als Antrieb. Zu Hause, in Kladno, trainierte er härter als alle anderen, weil er ausbrechen wollte aus dem tristen Alltag die NHL lockte. Nach Spielen kehrte er als Einziger aufs Eis zurück mit einer Bleiweste und wiederholte stundenlang Intervalle.

Die Mühen haben sich gelohnt, Jagr prosperierte, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde er zum international prägendsten europäischen Akteur.

In Prag wird er seinem vorzüglichen Ruf bisher gerecht: Die Beine mögen nicht mehr die schnellsten sein, aber Technik und Vista sind noch immer überragend; in sechs Spielen hat Jagr ebenso viele Skorerpunkte produziert.

Die Aufgabe für die nächsten Tage ist klar: Jagr soll die Seinen zum ersten WM-Titel seit fünf Jahren führen. Es wäre spannend, zu sehen, wie Tschechien darauf reagieren würde. Denn wie huldigt man in der Stunde des Triumphes einem, der schon unsterblich ist?

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